Robert Walsers "Jakob von Gunten" aus der Perspektive der Institutionalität nach Arnold Gehlen

Lars Bregenstroth

 

Abstract

1.1 Über den Roman "Jakob von Gunten"
"Jakob von Gunten", Robert Walsers dritter Roman, erschien 1909. Der Autor, aus Biel in der Schweiz stammend, hatte ihn in Berlin geschrieben, wo er seit 1906 lebte.

Der Roman schildert aus der Ich-Perspektive die Erfahrungen eines Heranwachsenden namens Jakob von Gunten, der als Zögling in eine Knabenschule eintritt. An einen nicht zu identifizierenden Adressaten gerichtet, schildert dieser Jakob von Gunten in tagebuchartiger Form seine Erlebnisse in dieser in einer Großstadt gelegenen Schule, dem Institut Benjamenta. Ein exakter Zeitrahmen der Schilderungen und auch eine genaue Ortsangabe liefert der Roman nicht. Die Erzählung setzt ohne Einleitung an einem nicht näher auszumachenden Zeitpunkt ein und endet damit, dass Jakob gemeinsam mit dem Institutsvorsteher die Schule verlässt, die damit zugleich aufgelöst wird.

Auch über den persönlichen Hintergrund der Hauptfigur erfährt der Leser wenig: Jakob entstammt einer adeligen, scheinbar wohlhabenden Familie, von der er sich losgesagt hat, um, wie er schreibt, sich vom Leben und nicht von adeligen Grundsätzen erziehen zu lassen. Aus nicht erklärten Gründen sucht Jakob nun, diesem Anspruch zu entsprechen, indem er Zögling in der Knabenschule Benjamenta wird, von der er denkt, sie sei "das Vorzimmer zu den Wohnräumen und Prunksälen des ausgedehnten Lebens" . In kurzen, aufeinanderfolgenden Tagebucheintragungen schildert Jakob nun sein Leben und Lernen in diesem Institut, das sich als höchst eintönig herausstellt: "Man lernt hier sehr wenig" , bemerkt Jakob schon zu Beginn des Romans; und obwohl es im Institut Benjamenta "von Vorschriften hagelt, blitzt, schneit und regnet", haben die Zöglinge "eigentlich sehr wenig zu tun, man gibt uns fast gar keine Aufgaben" - alles, was ihnen zu lernen bleibt, sind die Vorschriften, die im Hause Benjamenta herrschen. Die Freizeit, die Jakob bleibt, verbringt er zumeist mit Träumereien oder Spaziergängen durch die umliegende Großstadt.

Schon bald stellt er die in der Schule herrschenden Zustände in Frage und äußert dem Institutsvorsteher gegenüber: "Ist überhaupt irgendein Plan, ein Gedanke da? Nichts ist da." Trotzdem bleibt Jakob im Institut und fügt sich in die dortige Ordnung ein, indem er sich auf die Suche nach dem "tiefverborgene[n] Sinn" und dem Geheimnis macht, die er hinter der ihm erkennbaren Fassade des Institutes wähnt, bis ihm schließlich der Unterricht "wie ein sinnloses und zugleich sehr sinnreiches Märchen" erscheint. Doch letztendlich bleibt Jakob nicht verborgen, dass sich das Institut im Verfall befindet, keine neuen Schüler mehr in das Institut eintreten und die zuvor ehernen Regeln sich zunehmend auflösen: "Bald ist hier im Institut Benjamenta alles überhaupt nur noch ein Schlendrian. Es sieht aus, als wenn so etwas wie ,die Tage gezählt' wären." Schließlich stirbt die einzige Lehrerin, die Schwester des Institutsvorstehers, an gebrochenem Herzen und der Vorsteher selbst erklärt Jakob: "Hier geht es zu Ende". Jakob schließt sich daraufhin Herrn Benjamenta an, der ihm das Angebot gemacht hat, mit ihm gemeinsam in die Welt hinauszuziehen.

1.2 Über diese Arbeit
Nach dieser kurzen Einführung in den Inhalt des Romans "Jakob von Gunten" soll es im Folgenden dieser Arbeit darum gehen, Robert Walsers Roman als "Institutionen-Roman" zu begreifen, an dem die funktionale Bedeutung von Institutionen für die Integration von Individuen in eine Gesellschaft nachvollzogen werden kann - wenn auch, wie zu zeigen sein wird, in diesem Fall an einen Negativbeispiel einer an dieser Aufgabe scheiternden Institution. Als Grundlage dieser Analyse des Romans möchte ich Arnold Gehlens Institutionen-Begriff nutzen, der zu diesem Zweck kurz erläutert werden soll, bevor ich daraufhin darlegen möchte, wie die Figur Jakob von Gunten versucht, über die Knabenschule Benjamenta einen Platz in der Gesellschaft zu finden und wie dieser Versuch letztlich zu keinem erkennbaren Erfolg führt und auch nicht führen kann, da diese Schule sich quasi verselbständigt hat, ihr die funktionale Verbindung zur Gesellschaft verloren gegangen ist.

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