1. Einleitung

Welche fragestellung[1] auch immer dazu bewegt, sich mit Wilhelm Raabes "Die Akten des Vogelsangs" zu beschäftigen, der stolperstein auf dem weg zu einem ergebnis liegt schon bereit: wie das zentrum eines strudels wartet Velten Andres auf den sich in das trübe wasser der interpretation begebenden forscher, versucht, diesen zu verwirren und lässt ihn erst wieder aus seinen fängen, wenn der interpretant sich lange genug mit ihm auseinandergesetzt hat. Auch wenn Wolfgang Preisendanz zu dem schluss kommt, der eigentliche held des romans sei Karl Krumhardt, da dieser, um zu "selbstaufklärung und selbstdefinition" zu gelangen, sich beständig mit seinen eigenen aufzeichnungen auseinandersetzen muss[2], so wirkt Velten Andres doch um einiges interpretationsbedürftiger als das restliche personal der "Akten".

Schillernd zwischen held und anti-held, zwischen "weltüberwinder"(BA 308)[3] und "windsack" (BA 262), erscheint uns Velten Andres. Michael Limlei nennt als ausgangsproblematik des poetischen realismus den gegensatz zwischen "befreiter subjektivität" und "objektiver gesellschaftlicher welt"[4]. Velten Andres scheint nun die personifizierung dieser ausgangsproblematik darzustellen. Er versucht, seine unbedingte subjektivität in einer verdinglichten umgebung zu leben. Limlei sieht in Velten Andres nur die "personifikation der freien individualität" und fragt sich, ob "angesichts dieser kompromisslosen verneinung des idealen (der tod Veltens, G.L.) noch ein schluss möglich (sei ...), der dem ideal einen "sitz im leben" zuweist"[5]. Mit dem argument, die aussenwelt schleiche sich immer wieder ein, verneint er diese möglichkeit. Die sich im romanschluss abzeichnende resignation hebe Raabe aber durch die person Karl Krumhardts wieder auf. Dieser habe die dialektische mitte zwischen ideal und realität gefunden, seine hoffnung richte sich auf seine kinder, für die er die akten anlege.[6] Wäre Velten jedoch nur die "personifikation der freien individualität", hätte sein lebensweg wohl anders aussehen können. Der tod wäre nicht das einzige folgerichtige ende gewesen, denn auch als individuum kann der mensch sich in der gesellschaft einrichten, ohne seine freiheit zu verraten, wie etwa das beispiel von Leonie des Beaux zeigt. Aus Limleis sicht kann Veltens tod nur als scheitern interpretiert werden, als persönliches scheitern eines individuums, bedingt jedoch durch die ihm feindlich gesinnte umgebung der gesellschaftlichen ordnung. Nur dadurch, dass Velten als repräsentanz des gegensatzes zwischen individuum und gesellschaftlicher ordnung interpretiert wird, sind dieses leben und dieser tod zu erfassen.

Innerhalb dieses themen- und problemkomplexes sind die lebensgeschichten Veltens und der weiteren personen in den "Akten" anzusiedeln. Der tod Veltens kann, wie oben beschrieben, nicht a priori als scheitern aufgefasst werden. Kann in diesem ende "ohne eigentum auf und an der erde" (BA 394), diesem ende, vergleichbar einem tode auf Salas y Gomez, wie Velten ihn sich in der nacht des heiligen Laurentius gewünscht hatte (BA 261), nicht auch ein konsequent zu ende gelebtes leben gesehen werden? Ein leben, das ohne die mittelmässigkeit eines Karl Krumhardt gelebt wurde? Diesen fragen ist nachzugehen, um zu einem - der zwiespältigkeit Raabes entsprechenden - relativen schluss zu gelangen.

Als vergleichspunkte zu Velten bieten sich Leonie des Beaux und German Fell an. Alle drei haben sich einem leben innerhalb der gesellschaftlichen ordnung entzogen, jedes auf seine individuelle weise. Ihnen gegenüber stehen Karl und Leon des Beaux, die sich innerhalb der sich ändernden prämissen eines "nach bürgerlichen begriffen"(BA 226) erfolgreichen lebens eingerichtet haben. Eine gegenüberstellung dieser charaktere kann unter umständen etwas licht ins dunkel bringen, das auch nach einem guten jahrhundert wissenschaftlicher rezeption noch immer Velten Andres umgibt.


1 Der autor erlaubt sich, die arbeit in der vom Bund für vereinfachte rechtschreibung (Schweiz) angestrebten schreibweise wiederzugeben. So wird gemässigt klein geschrieben. "ph", "th" und "rh" werden allerdings beibehalten. Diese regeln werden sowohl auf eigene textleistungen als auch auf zitate angewendet.
2 Preisendanz, s. 220. Die vollständigen literaturangaben befinden sich am schluss der arbeit.
3 Alle zitate aus "Die Akten des Vogelsangs" (innerhalb des textes in klammern durch die angabe BA und der seitenzahl nachgewiesen) folgen der Braunschweiger Ausgabe.
4 Limlei, s. 346
5 op. cit. s. 354
6 vgl. op. cit. s. 359

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