4.
German Fell
Eine
andere möglichkeit, sich der gesellschaft und ihren zwängen zu entziehen,
führt German Fell vor. Der affendarsteller, der am ende der verbrennungsszene
vor Veltens zerstörtem elternhaus erscheint, wird von der sekundärliteratur
meist übergangen oder nur kurz erwähnt. Wilhelm
Emrich nennt ihn gleichwohl
"eine
figur, die zum rätselhaftesten, wenn man will, zum "surrealsten"
gehört, was je in der deutschen literatur geschrieben wurde"[11],
und auch Hermann Pongs schreibt, dieser
"affenmensch
[sei] eine
andre gespensterstimme sozusagen aus surrealistischem bereich".[12]
Pongs
sieht dieses zusammentreffen (German Fell kommt als letzer der zuschauer
auf Velten zu, gibt ihm die hand und stellt sich ihm als nachbar im
baum Yggdrasil, der weltesche, vor) einzig als versuch Raabes, seinen
eigenen abstand zu Velten zu verstärken, indem er ihm einen gesellen
gibt, der
"sich
wirklich aus der menschlichen gesellschaft herausgelöst hat"[13].
Pongs ist auch der ansicht, dass Velten sich vor Fell
"seiner menschenwürde
schämen muss".[14]
Es ist wohl wahr, dass Velten nach der begegnung auf und um sich sieht,
wie einer
"der
einen schlag vor die stirn erhalten hat und sein selbstbewusstsein
nur mühsam wieder zusammenfindet"
(BA 383).
Müsste
er sich allerdings seiner menschenwürde schämen, so wäre nun immer noch
zeit, das angebot Karls anzunehmen und für ein paar tage bei diesem
zu wohnen. Velten aber zieht einen besuch im variété Tivoli vor, um
dort nochmals die vorstellung des affenmenschen zu sehen. Er entscheidet
sich also für diese nachbarschaft, in der er sich allerdings durch sein
vorheriges zerstörungswerk ohnehin schon befindet. German Fell hat sie
ihm nur vor augen geführt. Nachdem Karl sich vorher noch von der radikalität
des veltenschen befreiungsschlags beeindrucken liess, fühlt er nun nur
noch mitleid: "Er
tat mir in tiefster seele leid, und zu helfen war ihm nicht"
(BA 383). Es ist Karls seele, die mitleid zeigt. Zu einer anderen regung,
etwa der des sich-verbunden-fühlens, ist sie nicht fähig, da Karl sie
durch seinen lebenswandel bereits beschnitten hat. Nur in Fell findet
Velten einen verbündeten, was Karl auch erkennt und - hier scheint der
philister durch - so ausdrückt:
"er
hatte (...) den nachbar im gezweig des baums Yggdrasil mit sich
auf allen seinen ferneren wegen durch das dasein zu schleppen"
(BA 383).
Während
Velten sich ganz auf den versuch, seine seele freizumachen, konzentriert,
wählt German Fell einen anderen weg, um sich der gesellschaft zu entziehen.
Er, der auch einst studiert hat und es sich nicht nehmen lässt, sich
in mussestunden mit "transzendentaler menschenkunde" zu beschäftigen,
begibt sich auf die stufe des "mittelglieds" zwischen affe und menschlicher
zivilisation. Vom "bürgerlich festen boden" hat er sich, ebenso wie
Velten, gelöst, allerdings wählte er eine andere richtung. Er kann jederzeit
zurückkehren in die welt der philister, wie er auch eindrücklich zeigt:
[...] er stieg,
sozusagen, aus dem pavian oder gorilla heraus, die geschmeidigen
muskeln steiften sich und - "menschheit trat auf die entwölkte stirn":
Herr German Fell aber trat auf Velten Andres mit einer hölzernheit
zu, die ihn in der meinung verschiedener älterer herren aus meiner
kanzleiverwandschaft sehr gehoben haben würde [...] (BA 380f.)
Fell
kann beliebig wechseln, von selbstgewählter isolation zu manierlichem
philistergehabe. Dass er diese mutation gerade demjenigen vorführt,
dem er sich in seinem "verklettern" verwandt fühlt, verstärkt nur die
leichte ironie, die sich über die ganze szene legt.
German
Fell wird als "künstler" (BA 380) bezeichnet, die verwandlung in den
affen sei "seine kunst, das leben zu überwinden" (BA 382), stellt Karl
fest. Auch wenn das motiv des verkletterns,
wie Pongs feststellt,[15]
bereits lange zuvor schon in den akten angelegt ist, und besonders auf
Veltens leben hinweist; auch wenn auch das motiv des affen, wie Emrich
feststellt,[16] ebenfalls
schon früh in die akten eingeführt wird und ebenfalls auf Velten deutet;
auch wenn all diese frühen hinweise auf eine wesensverwandschaft Veltens
mit German Fell hin zu lesen sind, so besteht doch ein gewaltiger unterschied
zwischen den beiden charakteren: die kunst Fells besteht im sich-verwandeln-können,
ebenso wie im sich-zurückverwandeln-können. Seine weltüberwindung ist
diejenige eines künstlers, gewählt von einem ehemaligen studenten, der
sich in der welt nicht mehr wohlfühlte und deshalb "aus seiner haut"
(BA 381) stieg. Als künstler kann er aber, falls es nötig sein sollte,
jederzeit wieder in seine alte "haut" zurücksteigen.
Velten
ist diese möglichkeit nicht gegeben. Nach der zerstörung im Vogelsang
übergibt er sich auf gedeih und verderben seinem versuch, seine seele
zu befreien. Eine rückkehr ist für ihn nicht mehr möglich, und vielleicht
ist es gerade diese einsicht, die ihn nach der begegnung mit Fell erschrecken
lässt.
11
Emrich, s. 21f.
12
Pongs, s. 600
13
op. cit.
14
op. cit. s. 601
15
op. cit.
16
Emrich s.24