2.
Leon und Leonie des Beaux
Leonie
des Beaux ist mit ihrem bruder Leon in Berlin "in einem stillen märchenwinkel"
(BA 287) aufgewachsen. Sie stammen von einem alten hugenottengeschlecht
ab, das durch die aufhebung des edikts von Nantes, das ihnen glaubensfreiheit
zugesichert hatte, nach Berlin vertrieben wurde, wo es vom kurfürsten
von Brandenburg aufgenommen wurde. Im elternhaus von Leon und Leonie
wird dieser ruhmreichen vergangenheit noch gedacht, und ein teil davon
ist in einem eigenen museum, das innerhalb des hauses ein ganzes zimmer
einnimmt, zu besichtigen. Bei einem besuch Karls in diesem museum stellt
er fest, "dass nicht nur alles umher echt war, sondern dass auch sie
(Leonie, G.L.) zu diesem raume gehört, und - ihr bruder auch" (BA 288).
Leonie und Leon erscheinen mitten in der grossstadt Berlin als statthalter
einer anderen zeit. Leon wird von seiner schwester charakterisiert als
bewohner eines "zauberstübchens", der
noch
nicht recht gelernt (hat), den traum und das leben auseinanderzuhalten,
und (er) kommt also nur zu oft wie ein geschlagenes kind nachhause,
und es kostet wochen in diesem unserm phantasiestübchen, ehe er sich
wieder zurechtgefunden hat in der welt. Wir haben eigentlich da draussen
in der zeitlichkeit einen grossen umgang, und darunter sucht er denn
wie der alte grieche nach menschen, die zu ihm passen. (BA 289)
Leon
kann den traum und das leben nicht auseinanderhalten, was nichts anderes
heisst, als dass er ideal und wirklichkeit nicht trennen kann. An der
universität besucht er vorlesungen über ästhetik, ein thema, das seiner
lebenswelt entspricht. Wenn er einmal nicht mit der "zeitlichkeit",
in der er sich bewegen muss, zu rande kommt, muss er mühsam im "phantasiestübchen"
wieder aufgerichtet werden. Auch wenn sich Leonie praktischer gibt und
das leben anscheinend als gegebenes bewältigen kann, so ist doch nicht
zu vergessen, dass auch sie in diesem haus aufgewachsen ist und mithin
dieselbe vergangenheit, die die ganze geschichte der hugenottischen
vorfahren beinhaltet, in sich trägt. Wie Eberhard Geisler
aufzeigt[7], bilden
religiosität und geschäftssinn in der familie de Beaux eine einheit.
Diese einheit wird aber im laufe des weiteren lebenswegs der geschwister
Leon und Leonie aufgebrochen. Während Leon, der nicht nur phantast auf
der suche nach verwandten geistern, sondern auch geschäftstüchtiger
kaufmann ist, sich von seinen idealen (die allerdings im roman unausgesprochen
bleiben) trennt und ein erfolgreicher geschäftsmann wird, geht Leonie
den weg der religiosität.
Leon
hat mit seiner hugenottischen vergangenheit gebrochen und sich der wilhelminischen
zeit angepasst. Seine kinder, die er mit einer deutschen frau hat, tragen
deutsche namen; die stücke aus dem familienmuseum haben ihren ideellen
wert verloren und bleiben nur als sammlung mit materiellem wert und
als zeichen eines kunstverständigen bürgertums an der wand der neugebauten
villa hängen. Der versuch, auch wenn dieser bei Leon nur im ansatz vorhanden
war, eine einheit von ideal und anpassung an die "zeitlichkeit" zu leben,
wurde aufgegeben zugunsten eines einträglichen lebens in den veränderten
verhältnissen. In einer fortführung der eigenen familientradition,
durchaus denkbar in verbindung mit einem leben als kaufmann, wäre "die
dialektische mitte zwischen ideal und realität", wie sie Limlei fordert[8],
erreichbar gewesen. So wird Leon aber zu einem symbol der zeit, an die
er sich anpasst: er verzichtet auf den beruf als schneider und hat nur
noch mit kapital zu tun. Seine phantasie, früher ein herausragendes
wesensmerkmal seiner person, wird nicht mehr benutzt, es entstehen keine
gegenstände mehr unter seinen händen. Was er nun benötigt, ist geschäftssinn
und das vermögen, schnell zu reagieren, um sein geld zu vermehren.
Leonie
schlägt einen anderen weg ein. Sie hat sich in der zeit, als Velten
als student bei der fechmeisterin Feucht wohnte, in diesen verliebt.
Velten, nur auf seine eigene liebe zu Helene konzentriert, bemerkt die
blicke, die sie ihm zuwirft nicht, so dass es zu einer weiteren unglücklichen
liebe innerhalb des textes kommt. Sei es aus diesem grunde, sei es aus
einer vielzahl uns nicht bekannter gründe, Leonie beschliesst, sich
ganz der religion zu widmen und wird "diakonissin zu Kaiserwerth" (BA
387). Während ihr bruder sich entschliesst, ein leben in luxus, aber
ohne kontemplation zu leben, entsagt Leonie dem eigentum und dem luxus,
aber auch jedem einfluss auf den lauf der modernen welt, um in demut
ihr leben gott zu widmen.
In
diesem entschluss gleicht sie Velten mehr, als dies Leon tut. Alle drei
mussten sich entschliessen, wie sie mit den in ihnen streitenden bedürfnissen
umgehen. Sowohl Leonie als auch Velten wählten die besitzlosigkeit.
Es stellt sich die frage, warum Velten nicht auch den weg in die religion
gewählt hat. Einen teil der antwort gibt die fechtmeisterin Feucht:
In
ein kloster, wie meine liebe Leonie, konnte der nicht gehen. Mitleiden
hat er wohl gehabt, aber ein barmherziger bruder steckte nicht in
ihm. (BA 394)
Obwohl
Velten "mitleiden" gehabt hat, spricht ihm die fechtmeisterin die eignung
für ein klosterleben ab. Sie beruft sich auf die fehlende barmherzigkeit.
Diese versuchte Velten ja auch abzutöten. Die Goethe-strophe, die leitmotivisch
den roman durchzieht, und auf die Velten sich immer wieder beruft, obwohl
er eigentlich weiss, dass auch Goethe sich nicht daran gehalten hat,
diese strophe verbietet ihm, barmherzigkeit in seinem innern zuzulassen:
Sei
gefühllos!
ein leichtbewegtes herz
ist ein elend gut
auf der wankenden erde
Barmherzigkeit
setzt ein leichtbewegtes herz voraus, und auch gefühllosigkeit ist nicht
eine tugend, die dem klosterbruder gut anstünde. Das selbstgewählte
lebensmotto verbietet Velten also, dem beispiel Leonies zu folgen.
Gleichzeitig
würde er durch einen eintritt ins kloster aber auch sein erklärtes lebensziel
aufgeben. Während eines gespräches mit Karl in Berlin erklärt er:
Krumhardt,
ich nehme gar nichts dafür, mich auch vor dir bodenlos lächerlich
zu machen: es steht geschrieben, dass ich dem geschöpfchen bis an
der welt ende nachlaufen soll. (BA 394)
In
diesem zitat zeigt sich, dass Velten die ursache seiner passion gar
nicht als von seiner person beeinflussbar sieht. "Es steht geschrieben"
deutet auf eine höhere instanz hin, die aber nicht näher erklärt wird.
Velten kann sich diesem sehnen gar nicht entziehen, dieser entschluss
steht nicht in seiner macht. So kann er auch seine weltliche liebe nicht
mit einer liebe zu gott vertauschen, wie es Leonie tut. Eine sublimation,
wie auch immer geartet, kann es für ihn nicht geben. Als dieses ziel,
durch die heirat Helenes mit dem schwerreichen mister Mungo, endgültig
ausser reichweite gelangt, kann Velten sich auch nicht auf ein neues
ziel konzentrieren. Seiner einzigen lebensaufgabe beraubt, wandert er
durch die welt, bis er dort wieder ankommt, wo seine hoffnungen noch
intakt waren: im hinterzimmer der fechtmeisterin Feucht, in dem er bücher
liest, die er aus seiner kindheit kennt.
So
wird auch die interpretation der person Veltens von Wilhelm Emrich fragwürdig,
der schreibt:
So formuliert
sie (Anna, G.L.) (...)das entscheidende in der personalität Veltens:
er lässt sich durch nichts ausser ihm selbst bestimmen. Er hat die
absolute freiheit der person erreicht, trotz und inmitten aller
bindungen, in denen sich notwendigerweise jeder mensch befindet.
In nichts anderem besteht seine sogenannte weltüberwindung.[9]
Ist diese liebe zu Helene, die Velten gefangen hält, nicht ein phänomen,
das die absolute freiheit Veltens negiert? "Es steht geschrieben", dass
Velten Helene nach Amerika folgen muss; dieser akt ist keiner der persönlichen
willensfreiheit, sondern ist Velten von einer anderen instanz aufgedrängt.
Wo diese instanz zu lokalisieren ist, ob innerhalb oder ausserhalb Veltens,
ist eine frage, die ihrer beantwortung harrt.
7 Geisler s. 370f.
8 s.o. s. 1
9 Emrich, s. 14