3.
Velten Andres
Bei
aller oben beschriebenen gegensätzlichkeit der lebenswege Leonies und
Veltens fällt eine vordergründige gemeinsamkeit aber vor allem auf:
die völlige besitzlosigkeit, die beide anstreben. Doch auch hier muss
scharf getrennt werden: bei Leonie erscheint sie als teil eines gelübdes;
eine nonne sollte sich lösen von den weltlichen besitztümern, um sich
ganz der arbeit für gott widmen zu können. So erscheint die besitzlosigkeit
bei Leonie zwar als folge eines beschlusses aus eigenem willen (dem
eintritt ins kloster), ist aber dennoch eine forderung einer äusseren
instanz (dem orden).
Veltens
drang zur besitzlosigkeit, der seinen höhepunkt in der verbrennungsszene
im Vogelsang findet, ist nicht auf einen befehl von aussen zurückzuführen.
Auch hält er die entsagung von besitz ja nicht durch. Als er nach langer
wanderung wieder bei der fechtmeisterin anklopft, um sein hinterzimmer
zu mieten, kommt er nicht mittellos:
In
seiner brieftasche hat er genung scheine aus aller möglichen herren
länder gehabt, dass ich ihm davon nicht bloss noch ein halb dutzend
hemden, sondern auch alles übrige besorgen konnte - nach seinem jetzigen
kuriosen leben wohl noch auf jahre hinaus. (BA 394)
So
erzählt die fechtmeisterin. Für seinen lebensunterhalt hat Velten also
gesorgt. Befreit hat er sich nicht von allem besitz, sondern nur von
demjenigen, der ihn anscheinend störte. Um hierüber klarheit zu gewinnen,
muss die szene im Vogelsang betrachtet werden, in der Velten den hausrat
seiner verstorbenen mutter verbrennt und das grundstück mitsamt den
überresten seines elternhauses an Riekchen Schellenbaum verschenkt.
Karl
und seine familie hören von den verbrennungen dank Riekchen, die von
Velten nach einer säge geschickt wurde. Schlappe, Karls schwager, erklärt
Velten kurzerhand für verrückt und fragt, ob man ihn nicht unter kuratel
stellen sollte. Eine reaktion, die Velten antizipiert, denn als Karl
zu ihm kommt, um sich selbst über dessen tun klar zu werden, fragt Velten:
"Bringst du das entmündigungsdokument für mich
schon mit, mein Karlos?" (BA 370). Auch Karls frau nennt Velten
einen "unsinnigen menschen" und mit ihr wahrscheinlich die gesamte philisterhafte
einwohnerschaft der stadt.
Karl
selbst will aber an eine geistesverwirrung Veltens nicht glauben und
macht sich differenziertere gedanken. Schon in seiner ersten reaktion
auf die nachricht der verbrennungen unterscheidet er:
Und
dann war es doch wieder ein anderer übergang aus meinem ruhigen, behaglichen
heim (...) zu dem ofen im Vogelsang, vor dem der wunderliche freund
sich frei machte - nicht von den sachen, sondern von dem, was in der
menschen seele sich den sachen anhängt und sie schwer und leicht,
kurz, zu dem macht, was wir anderen im leben ein glück oder ein unglück
zu nennen pflegen. (BA 396f.)
Velten
macht demnach nicht sich von den sachen frei, sondern seine
seele von dem, was sich den sachen anhängt. Es geschieht hier keine
befreiung seiner selbst, indem dem besitz abgeschworen wird, sondern
es vollzieht sich eine befreiung der seele von den dingen, die ihr nicht
eigen sind, die sich nicht aus ihr selbst generieren, die aber das glück
und das unglück des menschen bestimmen.
In
seinem letzten prosawerk, 1897 im zuchthaus zu Reading geschrieben,
befasst sich der wegen seiner beziehung zu Lord Alfred Douglas zu zwei
jahren gefängnis verurteilte Oscar Wilde unter anderem mit der person
Jesus Christi. Dazu schreibt er:
Christus
ist immer auf der suche nach der seele des menschen. Er nennt sie
das reich gottes (...) und findet sie bei jedem. Er vergleicht sie
mit kleinen gegenständen: mit einem winzigen saatkorn, einer handvoll
sauerteig, einer perle. Er tut das, weil man sich der eigenen seele
nur dadurch bewusst wird, dass man sich aller fremden leidenschaften
entäussert, aller angelernten bildung und aller irdischen güter, mögen
sie gut sein oder schlecht.[10]
Christus
wird von Wilde nicht als religionsstifter betrachtet, sondern in seiner
eigenschaft als künstler und allumfassend liebender. In dieser eigenschaft
ist er auf der suche nach der seele des menschen. Die "zerstörungen",
die Velten im Vogelsang begeht, kommen nun genau dieser entäusserung
aller fremden leidenschaften, aller angelernten bildung und aller irdischen
güter gleich, die Wilde als voraussetzung nennt, um seiner seele bewusst
zu werden. Velten Andres selbst bezeichnet seine tätigkeit als "fäden
abschneiden", die ihn "mit dem erdenballast verknüpfen" (BA 370). Er
befreit sich von den erinnerungen an eine scheinbar idyllische kindheit
(auch wenn ihm das nicht ganz gelingt: vor seinem tod liest er, wie
oben gesagt, nur noch bücher, die er aus der kindheit kennt). Auch für
Karl wird das "seltsame zerstörungswerk" ein "zurück- und wiederdurchleben
vergangener tage sondergleichen" (BA 372). Das "herzensmuseum" der mutter
von Velten, vergleichbar mit dem museum im hause des Beaux, wird vollständig
vernichtet. Hier gerät Velten wieder in die nähe Leons, der sich seiner
traditionen auch entledigt. Dieser reduziert sie allerdings nur auf
ihren "kunstwert" (BA 386f), während jener darüber hinausgeht und sie
radikal zerstört. Die "fremden leidenschaften", die sich nicht, wie
die liebe zu Helene, aus seiner seele generieren, gehen bei diesem prozess
in flammen auf.
Der
angelernten bildung hat Velten früher schon abgeschworen, als er sein
studium mit der begründung abbrach, er habe die unzulänglichkeit des
menschen eingesehen. Und die irdischen güter wird er - mit tatkräftiger
hilfe Karls - durch eben dieses zerstörungs- und verschenkungswerk los.
Was sich nicht verbrennen lässt vom hausrat seiner mutter, verschenkt
er, bis zum schluss nur noch das grundstück übrig bleibt, das in den
jahren viel an wert gewonnen hat. Mit einer geste, die seine geistige
überlegenheit ausdrückt, verschenkt er dann den hausschlüssel an Riekchen
Schellenbaum:
Er
hob ihn in die höhe, wie wenn man einem kinde oder einem hunde etwas
begehrenswertes zeigt; (BA 379)
Was
hier geschieht ist also ein sich-bewusst-werden der eigenen seele, ein
gleichsam göttlicher akt im sinne Wildes. Nachdem Velten die letzte
möglichkeit genommen wurde, irdisches glück zu erlangen, da Helene einen
anderen geheiratet hat, konzentriert er sich ganz auf sein ideal und
beginnt, sich von den realitäten der gegebenen gesellschaftlichen ordnung
freizumachen, indem er seine seele zu erkennen versucht. Eine andere
möglichkeit bleibt ihm nicht, wenn er sein leben konsequent zu ende
führen will. Denn es steht ja nur "geschrieben", dass er Helene folgen
soll; andere möglichkeiten, sein leben innerhalb der "zeitlichkeit"
zu gestalten, die "dialektische mitte zwischen ideal und realität" zu
finden, sieht er nicht als gegeben an.
Dass
dieser weg des sich besinnens auf die eigene seele in seiner radikal
durchgeführten art und weise zu einer ablehnung der äusserlich gegebenen
gesellschaftlichen ordnung führt, zeigt das ende Veltens. Er wandert
durch die welt und betätigt sich in vielen verschiedenen berufen. Er
hätte demnach die möglichkeit gehabt, sich in die gesellschaft einzugliedern,
was ja noch nicht heisst, dass er ein ähnlich philisterhaftes leben
wie Karl zu führen gehabt hätte. Diese "angebote", die die welt an ihn
macht, schlägt er aber aus, so wie er auch in seiner jugend bereits
jede protegierung von seiten der gesellschaftlich etablierten bürgerschicht
ausgeschlagen hatte. Am ende zieht er sich ganz in die einzige welt
zurück, in der kein gesellschaftlicher anspruch an ihn zu befürchten
ist. Der versuch, sein herz zu verhärten, um dieser äusseren welt zu
entgehen, mag wohl der entscheidende fehler gewesen sein, der schliesslich
zu seinem tod führt. Der arzt bestätigt, dass sein "herz (...) nicht
mehr gewollt (hat)" (BA 395). Andererseits ist auch kein weg zu entdecken,
der ihn aus der sackgasse, die ihn in dieses hinterzimmer geführt hat,
wieder herauslotsen würde.
Der
versuch, sich von den zwängen der "zeitlichkeit" loszumachen und eine
eigene ordnung, die durch die freiheit der seele, mithin durch die bestimmung
durch das ideal, gekennzeichnet ist, zu konstruieren, erweist sich als
tödlich. Wer Veltens tod aber als scheitern auffasst, verkennt die konsequenz
dieses lebensentwurfes.
10
Wilde, s. 116 (in der übersetzung von Hedda Soellner)