Einleitung
Infotainment ist die neueste Art, die Aufgabe der Journalisten
nicht ernst zu nehmen. Infotainment ist im speziellen die Kapitulation
des Journalisten vor dem Zusammenhang" (Gottlieb F. Höpli, Neue
Züricher Zeitung", zit. nach Wittwen 1995, S. 15).
Das vorliegende Zitat eines Journalisten dokumentiert nur eine kritische
Stimme gegenüber dem Phänomen des Infotainment". Dieser Kunstbegriff
steht zunehmend im Kreuzfeuer der Kritik, da durch die Vermischung von
Information und Unterhaltung eine adäquate politische Berichterstattung
gefährdet zu sein scheint. Es stellt sich die Frage, aus welchen Gründen
die verantwortlichen Medienredakteure dazu motiviert sind, sich der
Strategie des Infotainment" zu bedienen. Zunächst läßt sich
konstatieren, daß die Qualität der Informationen sich für den Rezipienten
verändert hat. Die unendliche Fülle von Angeboten auch im Kontext politischer
Informationsprogramme hat zu einer Informationsüberflutung geführt.
Der Zuschaueranteil der politischen Informationssendungen nimmt stetig
ab. Aus der wachsenden Konkurrenz zwischen den Sendern resultieren spezifische
Ambitionen, um den vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen der
Rezipienten entgegenzukommen, die Attraktivität zu erhöhen und dadurch
deren Aufmerksamkeit der Zuschauer in Form von Einschaltquoten zu gewinnen.
Folgende Grundthesen, die Brosius (1995) mit dem Terminus der Alltagsrationalität"
klassifiziert hat, sollen dabei im folgenden vorausgesetzt werden:
Rezipienten verarbeiten nicht alle ihnen
zur Verfügung stehenden Informationen. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine
Information verstanden und für die spätere Urteilsbildung herangezogen
wird, hängt von den Merkmalen der Botschaft ab. Auffällige, emotionale
und lebhafte Informationen werden besser behalten und zur Urteilsbildung
herangezogen. Eine Nahaufnahme eines ölverschmierten Seevogels beeindruckt
die Rezipienten in der Regel stärker, als die Abbildung eines unbelebten
Strandabschnittes oder Graphiken bzw. Zahlen über eine Ölkatastrophe.
Rezipienten ziehen zur Urteilsbildung
bevorzugt solche Informationen heran, die ihnen zum Zeitpunkt des Urteils
besonders leicht zugänglich sind. Die Merkmale" des Rezipienten
sind dabei von entscheidender Bedeutung. In vielen Fällen werden Urteile
direkt bei der Rezeption gebildet.
Rezipienten verkürzen und vereinfachen
Probleme und Sachverhalte. Sie überführen Einzelheiten der präsentierten
Meldungen schon während der Informationsaufnahme in allgemeine semantische
Kategorien. Sie verwenden Faustregeln, Verallgemeinerungen, Schlußfolgerungen
und Stereotype, die sich bewährt haben. Die daraus abgeleiteten Schemata
reduzieren die Komplexität der Welt auf ein erträgliches Maß und erlauben
es, neue Informationen schnell mit bestehenden Informationen in einer
einfachen und regelhaften Verallgemeinerung zu verknüpfen.
Rezipienten orientieren sich bei der
Beurteilung von Sachverhalten hauptsächlich an Informationen, die ihnen
aus dem Alltag vertraut sind.
Stehen valide Realitätsbeschreibungen
über Statistiken oder Wahrscheinlichkeiten im Konflikt mit Aussagen
einzelner Betroffener, orientieren sich Rezipienten an den Aussagen
dieser Betroffenen. Der Einzelfall, über den berichtet wird, verfügt
über eine stärkere suggestive Überzeugungskraft als eine summarische
Beschreibung aller betroffenen Einzelfälle. So ist z.B. der Einzelfallcharakter
eines visuell dargestellten Herzpatienten beeindruckender als statistische
Angaben über die Herzinfarktquote.
Rezipienten konsumieren politische Informationssendungen
in der Regel nur beiläufig und unkonzentriert. Insofern werden von den
Journalisten oftmals drastische Bilder und eine übertriebene Sprache
gewählt, immer größere Katastrophen und Skandale werden angeführt, um
die Aufmerksamkeitsschwelle der Zuschauer aufrecht zu erhalten. So wird
z.B. über einen Super-GAU" oder von einer noch nie
dagewesenen Katastrophe" berichtet, obwohl in vielen Fällen die
Dramatik der Wortwahl die Dramatik des dargestellten Ereignisses bei
weitem übersteigt.
Diese skizzierten Elemente bei der Rezeption von Nachrichten machen
bereits deutlich, daß eine zurückhaltende, sachliche und unspektakuläre
Informationsvermittlung in den audiovisuellen Medien offensichtlich
nicht mehr ausreicht, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer dauerhaft
aufrecht zu erhalten. Es ist eine offene Frage, ob Unterhaltungselemente
im Rahmen der politischen Berichterstattung negative Auswirkungen auf
den Informationsgehalt der Sendungen haben, oder ob sie zunehmend zu
einem unverzichtbaren Strukturmerkmal auch innerhalb der Darstellung
von Politik in den Medien avancieren, um das Interesse der politikverdrossenen"
Bürgerschaft zu gewinnen.
Bevor auf die Ausprägung von Infotainmentelementen
im Kontext der politischen Berichterstattung näher eingegangen wird,
erfolgen zunächst Anmerkungen zu den Aufgaben und Funktionen der zunächst
getrennten Teilbereiche von Information und Unterhaltung.