Infotainment
Infotainment ist, wenn die zehn Gebote aus einem brennenden
Dornbusch gereicht werden, die unterhaltsame oder zumindest Interesse
weckende Inszenierung von Information. Die dramaturgischen Mittel
sind die gleichen wie im modernen Theater, von der Überzeichnung bis
zur Verfremdung, von der Schaffung von Dissonanzen bis zur Stilisierung"
(Dieter Jäggi, Werbe- und PR-Agentur Dr. Dieter Jäggi AG",
zit. nach Wittwen 1995, S. 15).
Wittwen konstatiert eine uneinheitliche Verwendung
des Schlagwortes Infotainment", das zum einen als Sammelbegriff
für die Möglichkeiten zur unterhaltenden Aufbereitung von Informationen"
gilt. Ebenso fungiert er als Merkmal für diejenigen Sendungsformate,
die eine Mischung von Unterhaltung und Information vornehmen. Infotainment"
wird Horx (1995) zufolge als Stilmittel zur Übertragung von Information
klassifiziert. Aufgrund der Konkurrenz mit Unterhaltungsprogrammen sind
die Redakteure von Fernsehprogrammen dazu gezwungen, neue Formate zu
entwickeln, die dem tatsächlichen oder vermeintlichen Bedürfnis der
Zuschauer nach Unterhaltung, Spannung, Abwechslung und Schnelligkeit
auch im Rahmen der politischen Berichterstattung entgegenkommen, also
Massenattraktivität durch die Verbreitung affektiver Momente zu erreichen.
Der Begriff Infotainment sollte nicht nur als
Mischung von Information und Unterhaltung definiert, sondern auch
als Rezeptionsqualität in einem angeregten (Information) und erregten
(Unterhaltung) Zustand aufgefaßt werden. Es geht um das Wechselspiel
von Kognition und Affekt, um das Spannungsfeld zwischen Nachrichtenwerten
und Gefühlsfaktoren [
] Die Ingredienzen für die Dramaturgie
informativer Unterhaltung und unterhaltsamer Information sind [
]
Abwechslung, Personalisierung [
], Emotionalisierung, dosierte
Mischung von Spannung und Entspannung, Stimulation, Vermeidung von
Langeweile" (Bosshart 1991, S. 3).
Seit geraumer Zeit ist im Rahmen der Medienberichterstattung
eine Abnahme der klaren Differenz zwischen Informations- und Unterhaltungsformaten
festzustellen. Es sind neue Formate entstanden, die u.a. als Docudrama",
Faction" oder Reality-TV" bezeichnet werden. Empirisch
ist im Rahmen der politischen Berichterstattung zu konstatieren, daß
eine Vermischung der Formen durch Infotainmentelemente zunehmend als
fester Bestandteil auch im Rahmen der seriösen" Berichterstattung
eine Rolle spielen, um die Zuschauer an die Sendungen zu binden.
In Infotainment-Sendungen verschmelzen stilistische Mittel
und Thematiken aus den Bereichen Unterhaltung und Information. Sie
kopieren und integrieren in bewußter Abgrenzung zum alten"
Format politischer Magazine die Montagetechniken, Bildästhetik und
Intensität von Video- und Musikclips und zeichnen sich durch ein Wechselspiel
von Einspielbeiträgen und Gesprächen aus" (Tenscher 1998, S.
193).
Das in der deutschen Fernsehlandschaft erfolgreichste
ZDF-Politikmagazin Frontal" dokumentiert eindrucksvoll, wie
mit einem Genremix aus politischer Informationen, Satiren, Glossen,
Comics und zwei prägnanten Journalisten als Markenzeichen mit Kultstatus"
quotenwirksam gearbeitet werden kann. Bislang getrennte Präsentationsformen
werden innerhalb einer Sendung verknüpft, um die Attraktivität der Programme
zu erhöhen. Aber auch diese innovativen Formate" sind hochgradig
vereinheitlicht und standardisiert. Die Abfolge der Sendungen verläuft
jeweils nach einem festgelegten Schema, um zum einen die Konzeption
der Sendung besser planen zu können und zum zweiten, um den Zuschauern
Orientierungshilfen durch die immer gleiche Plazierung von Beiträgen
und Ritualen zu ermöglichen.
Infotainment ist die Bewertung von Nachrichten
nicht nach ihrer Wichtigkeit, sondern nach dem Effekt und dem Affekt.
Die Verpackung wird dann oft wichtiger als der Inhalt" (Roger
de Weck, Tagesanzeiger", zit. nach Wittwen 1995, S. 15).
Ein Hauptvorwurf an den Infotainment-Charakter politischer
Sendungen liegt darin, daß sogenannte Soft-News" die Inhalte
der Berichterstattung zunehmend prägen und zuwenig Raum für die Hintergrundberichterstattung
und strukturelle Einordnung politischer Zusammenhänge bleibt. Selbst
die Kritiker räumen ein, daß Infotainmentelemente den Zuschauern einen
leichteren Zugang zu den Informationsangeboten ermöglichen. Gleichzeitig
aber befürchten sie, daß das hektische Aneinanderreihen von Unterhaltungseffekten
einen effizienten Informationstransfer verhindern kann (Früh/Wirth 1997).
Der Versuch, die negative Klassifizierung von Infotainment in den Hintergrund
zu rücken, kann dazu beitragen, den Blick auf einige Stukturmerkmale
zu richten, die die Attraktivität dieser neuen Mischform ausmachen.
Während konventionell erstellte politische Magazine
und Nachrichten sich durch die Darstellung von Banalitäten, Alltäglichem,
Selbstverständlichem, Belanglosem und den immer gleichen Politikritualen
auszeichnen, wird dieser Differenzmangel der gepflegten Langeweile,
in dem oberflächliche Stereotypen schematisch dargestellt werden, durch
Unterhaltungselemente aufgehoben. So wird für den Rezipienten ein Anreiz
geboten, sich für unterhaltsam verpackte politische Themen zu interessieren.
Freilich schließen sich Unterhaltung und Information keineswegs
aus, sondern bedingen einander sogar, denn Abwechslungsreichtum ist
höchst informativ, und Überraschungen können uns wiederum aktivieren,
motivieren und (nach dem dramaturgischen Prinzip wechselnder Spannung
und Entspannung) der Abfuhr von Triebdruck dienen" (Westerbarkey
1995, S. 152 ).
Im Gegensatz dazu verliert die rituelle Publizität
z.B. der Tagesschau mit der immer gleichen Darstellungsform von Akteuren,
Themen, Konflikten und Katastrophen schnell ihre Faszination besonders
beim jüngeren Publikum. Man könnte abschließend die These formulieren,
daß die konventionelle, stereotype Form politischer Berichterstattung,
die jahrzehntelang den immer gleichen Ritualen entsprach u.U. nicht
mehr ausreicht, um das Publikumsinteresse aufrecht zu erhalten. Insofern
ist der These von Klaus (1996) zuzustimmen, daß Informations- und Unterhaltungselemente
auf allen Ebenen der journalistischen Berichterstattung inzwischen nicht
mehr voneinander zu trennen sind.