1.2 Die neue Wahrnehmung von Gemeinschaftsprojekten

Die öffentliche Wahrnehmung von Gemeinschaftsprojekten hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Hand in Hand mit sich zuspitzenden gesellschaftlichen und globalen Problemen und den damit verbundenen Lösungs- und Präventionsversuchen hat sich eine neue gemeinhin gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung von Gemeinschaftsprojekten entwickelt: Sie werden stärker und anders wahrgenommen und genießen eine deutlich erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Noch bis vor kurzem wurden Gemeinschaftsprojekte als Organisationsform kleiner gesellschaftlicher Randgruppen betrachtet, als Gruppierungen neben der Gesellschaft oder gegen sie, und ihre Mitglieder wurden als „Aussteiger" und/oder extreme Oppositionelle gesehen. Nun hingegen werden sie zunehmend als Zukunftswerkstätten, als Modelle und Wege in und für eine zukunftsfähige Gesellschaft verstanden und ihre Mitglieder werden zu vorbildlichen Pionieren, zu konsequenten und integeren Fortschrittsstreitern. Gemeinschaftsprojekte werden als „Gesellschaftsprojekte" anerkannt.
     
Diese neue Wahrnehmungsqualität ist übrigens weniger aus einer Anpassung der Gemeinschaften an die Gesellschaft erwachsen, als vielmehr umgekehrt aus der Zuwendung dieser zu jenen und zu deren Erarbeitungspotential für gesellschaftliche Problemlösungen. Nicht Gemeinschaftsprojekte haben sich anders ausgerichtet, an herkömmlichen gesellschaftlichen Standards und Zielen orientiert, sondern die Gesellschaft beginnt, sich zu ändern und auf die Visionen und Strategien von Gemeinschaftsprojekten zuzubewegen.
     
In den späten 90er Jahren strahlen Gemeinschaftsprojekte eine erhöhte Attraktivität gerade für junge Menschen, Individuen, Paare oder Jungfamilien, aus. Es wächst die Zahl derer, die das Leben in Gemeinschaftsprojekten ganz persönlich als eine Alternative zu herkömmlichen gesellschaftlichen Lebensentwürfen betrachten oder sich für Projektgemeinschaften zu interessieren beginnen. In Folge des verschärften öko-sozialen Wandlungsdrucks finden Gemeinschaftsprojekte nun aber auch in der Politik mehr Beachtung. Im Rahmen der vielfältigen kommunalen, regionalen, nationalen und internationalen Bemühungen um Zukunftsfähigkeit erhalten einzelne Projekte und die Szene insgesamt eine beträchtliche Akzeptanz, Würdigung und zum Teil auch beachtliche finanzielle Zuwendungen. Auf regionaler und nationaler Ebene veranschaulichen dies:

  • die Ernennung des Lebensgarten Steyerberg e.V., des Lebensgut Pommritz sowie der Ökologischen Wohnsiedlung Flintenbreite Lübeck zum „Projekt EXPO 2000"[11]

  • die Auszeichnung der Kommune Niederkaufungen vom hessischen Arbeitsministerium für familienfreundlichen Städtebau und vom Bundesfamilienministerium als familienfreundlicher Betrieb[12]

  • die Bereitstellung und Förderung eines Staatsgutes durch die sächsische Landesregierung für das Lebensgut Pommritz[13]

  • die Herausgabe einer Broschüre über Gemeinschaften ‘als Entwicklungsprojekte für den Norden’ durch das Forum für Umwelt und Entwicklung und für 1997 die Durchführung eines Symposiums mit den Projekten und den Verbänden[14]

  • die Verleihung des TAT-Orte Preises 1996 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Deutschen Instituts für Urbanistik an das ÖKODORF-Projektzentrum in Groß Chüden[15]


Ein beispielhaftes Zeugnis für die grundlegend neue Haltung gegenüber Gemeinschaftsprojekten und deren internationale Anerkennung ist die Rede von Dr. Noel Brown, Direktor des US-Büros für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), die er im Sommer 1993 auf dem internationalen Gemeinschaftstreffen „Celebrating Community" in Olympia, Washington State, USA, gehalten hat. Hier folgen einige Auszüge:[16]

„Ich glaube, wir sind Zeuge davon, dass sich hier eine Gemeinschaft von Menschen gebildet hat, die die Zukunft wollen. Indem Ihr Eure Gemeinschaften entworfen und aufgebaut habt, habt Ihr Skeptiker deutlich widerlegt, die sagten ‘das kann nicht gut gehen’ und ebenso Zweifler, die sagten: ‘mal sehen, ob das was wird.’ Ihr sagtet ‘Warum nicht!’ und es funktioniert. bewusst geplante und zielorientierte Gemeinschaften wachsen und gedeihen weiter und mit ihnen Lebensweisen, die auf die Erhaltung der Erde ausgerichtet sind [sustainability lifestyles].

Glückwünsche für die Männer und Frauen, die uns ein Gefühl der Zuversicht gegenüber Zukünften gegeben haben, für die wir uns leidenschaftlich einsetzen. Es gibt viel, was wir lernen müssen, und vieles, an dem Ihr uns teilhaben lassen müßt. Wir können nur hoffen, dass - so wie Ihr Eure Gemeinschaften aufbaut - eine noch größere Gemeinschaft gebildet werden kann, eine globale Gemeinschaft, die sich genauso ihres Zusammenhanges bewusst werden muss, wenn die Menschheit überleben und glücklich leben soll und die natürliche Ordnung ihre lebensunterstützende Fähigkeit behalten soll ...

Ich glaube, dass die Verwirklichung der Agenda 21 nicht ausschließlich Sache der Regierung sein kann. Tatsächlich glaube ich, wenn wir darauf warten, dass die Regierungen die ersten Schritte tun, werden wir die Probleme gewiss nicht lösen können ...

Wie können Gemeinschaften eine tragfähige Zukunft gestalten? Wir haben noch keine Antworten auf der globalen oder nationalen Ebene. Im Kleinen haben einige von Euch diese Probleme schon gelöst. Ist es möglich, dass Ihr mit uns zusammenarbeitet?"


11 EXPO 2000. Weltweite Projekte in Deutschland 1999
12 HALBACH 1997, 49
13 HALBACH 1997, 49
14 HALBACH 1997, 49
15 HALBACH 1997, 49
16 In: EUROTOPIA 1995, 86 und in Teilen in: EUROTOPIA 1997, 7
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