1.3
Gemeinschaftsprojekte als weltweite Bewegung
Gegenwärtig
gibt es Gemeinschaftsprojekte in allen Teilen der Erde. Es sind weltweit
schätzungsweise über 5000 Projekte (Klöster und Kibbuzim ausgenommen),
in denen sich mehr als 100.000 Menschen zusammengefunden haben.[17]
Diese Einschätzungen sind allerdings mit großer Vorsicht zu genießen:
zu allererst, weil die Bewegung der Gemeinschaftsprojekte eine äußerst
lebendige Szene ist, die permanent fluktuiert und sich verändert; zweitens,
weil sich Klassifikationsfragen ergeben (etwa: was genau wird als Gemeinschaftsprojekt
gezählt; wer genau gilt als Mitglied und wer als Langzeit- oder Stammgast?
etc.); und darüber hinaus drittens, weil ein objektiv-sachgerechtes,
insbesondere quantitatives Erheben mit vielen Problemen behaftet ist.
Gemeinschaftsprojekte-Forschung ist außerordentlich auf die Kooperation
der Projekte angewiesen, beispielsweise beim Erfassen der Mitgliederzahlen,
die in der Regel nicht überprüft werden können. Es
folgt ein skizzenartiger Einblick in die aktuelle internationale und
nationale Landschaft der Gemeinschaftsprojekte, der weitgehend auf Analysen
des EUROTOPIA-Redakteurs Wolfram Nolte zurückgeht.[18]
Am
weitesten qualitativ wie quantitativ entwickelt ist die Bewegung der
Gemeinschaftsprojekte in den USA. Dort gibt
es nicht nur die meisten Projekte mit einem sehr hohen Entwicklungsstand
- von über 500 nordamerikanischen Intentional Communities"
ist im Communities Directory" die Rede.[19]
Auch ist die informationelle und kooperative Vernetzung dort weit entwickelt.
Sie wird insbesondere vom Netzwerk FIC (Fellowship for Intentional Community)
getragen, dem über 100 bedeutende Gemeinschaftsprojekte angehören. Die
Forschung über Gemeinschaftsprojekte ist in den USA weit fortgeschritten.
Es existieren zahlreiche Forschungsstellen, die sich, zum Teil sogar
ausschließlich, experimentellen öko-sozialen Gemeinschaften widmen wie
etwa das CCS (Center for Communal Studies an der University of Southern
Indiana).
Hervorzuheben
sind auch Entwicklungen in Australien, wo ganze Regionen - vornehmlich
die sogenannte Regenbogen-Region an der Ostküste - in alternative Lebens-
und Wirtschaftsräume verwandelt worden sind. Die dort entstandene Kultur
der Landkommunen ist mit vielen Vorteilen für die Region verbunden:
viele tausend Hektar Regenwald konnten erhalten werden, die einstige
Großviehwirtschaft, die den Boden ruiniert und das Wildleben vertreibt,
ist in ökologisch sinnvolle Mischwirtschaft und Permakultur umgewandelt
worden, das Land wird ökonomisch und kulturell durch neue Kleinbetriebe
belebt, außerdem wurde das geldfreie Wirtschaftssystem LETS eingeführt.
Aus
Israel ist die bereits 1909 gegründete Kibbutz-Bewegung
bekannt. Mit derzeit etwa 125.000 Menschen in 270 Kibbuzim kann sie
als die weltweit größte Gemeinschaftsbewegung betrachtet werden. 3 ½
% der Bevölkerung Israels leben in Kibbuzim. Sie erwirtschaften 40%
des nationalen landwirtschaftlichen Angebots und einen Großteil des
Sozialprodukts und der Devisen (1993: 733 Mio. US $ in Exporten).[20]
Wolfram Nolte erkennt in Kubbuzim moderne Beispiele einer erweiterten
Kleinwirtschaft in gemeinschaftlicher Selbstverantwortung. Die Bewegung
zeige, welche Kraft und Funktionsfähigkeit Gemeinschaftsprojekte entfalten
können, wenn sie vom Staat unterstützt und von gesellschaftlichem Pioniergeist
getragen werden.
In
Indien befindet sich das größte internationale sozial-ökologische
Entwicklungsprojekt: Auroville. In etwa 50 Siedlungen leben dort um
die 800 Menschen, die aus rund 25 Ländern stammen. Unter der spirituellen
Führung Sri Aurobindos und der Mutter" wurde Auroville als
Manifestation der Vision von einem friedlichen sinnerfüllten Zusammenleben
der Menschheit gegründet. Heute vereinigt es Menschen verschiedener
Hautfarbe, Kultur und Religion. Als Teil von Dorf-Entwicklungsprogrammen
wurden zahlreiche Werkstätten und Kooperationen ins Leben gerufen; alternative
Energiesysteme wie Biogas, Windpumpen, biologische Abwasseraufbereitung
sowie Materialien für preiswerten Hausbau werden hergestellt und erprobt.
Die Angebotspalette selbst hergestellter Produkte reicht von Erdnußbutter
bis zu elektronischen Bauelementen für Computer. Auroville wird von
der UNESCO, indischen Regierungsstellen und nicht-staatlichen Organisationen
(NGOs) unterstützt.
In
Europa gibt es etwa 1500 bereits existierende oder sich im Aufbau
befindende Gemeinschaftsprojekte, deren Adressen bekannt sind. Das geht
aus einer Studie hervor, die im Frühjahr 1996 von Eurotopia durchgeführt
wurde und aus der Das europäisches Projekte-Verzeichnis 97/98"
mit 366 aufgeführten Projekten (in der Ende 1998 aktualisierten 2. Auflage)
entstanden ist[21]. Die Mitarbeiterin
des Erhebungsteams Silke Hagmaier vermutet die Zahl europäischer Gemeinschaftsprojekte
in ganz persönlicher, vorsichtiger Schätzung" auf weit über
2000.[22] Die meisten der erfassten
Gemeinschaftsprojekte befinden sich in Deutschland (131), dann folgen
Großbritannien (65), Frankreich (45), Italien (25), und der Rest (100)
verteilt sich auf 17 weitere Länder. An dieser Stelle sei auch GEN,
das Global Eco-village Network, erwähnt, das im Lebensgarten Steyerberg
e.V. ein Eco-Village Training Centre betreibt. GEN-Europe bietet Aktivitäten
und Kurse rund um das Thema Eco-Village an und hat 1998 ein Directory
of Eco-villages in Europe" herausgegeben, das 57 Eco-Villages in
22 europäischen Ländern skizziert.[23]
17 EUROTOPIA
1995, 11
18 EUROTOPIA,
1997, 46f.
19 Siehe
COMMUNITIES DIRECTORY 21996
20 EUROTOPIA
1997, 63f.
21 EUROTOPIA,
1998
22
EUROTOPIA, 1997, 11
23 GRINDHEIM /
KENNEDY 1998; Kontakt: Declan Kennedy, GEN-Europe, Ginsterweg 5, 31595
Steyerberg, Tel. +49 57 64 9 30 40, Fax. +49 57 64 23 68,
E-Mail:
even@lebensgarten.gaia.org, Web-Site: http://www.gaia.org/secretariats/international/genboard/declan.html.
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