1. Ausgangspunkte


1.1 Was sind Gemeinschaftsprojekte und warum brauchen wir sie?

Gemeinschaftsprojekte können als experimentelle Lebensgemeinschaften angesehen werden, in denen Menschen nicht nur versuchen, alternativ-innovative Lebensweisen und gemeinschaftsorientierte Lebensentwürfe zu entwickeln, sondern auch, diese selbst aktiv umzusetzen. Natürlich können sämtliche Lebensgemeinschaften und überhaupt alle Formen gemeinschaftlichen Handelns als Gemeinschaftsprojekte bezeichnet werden. Der Begriff hat sich allerdings speziell für den oben beschriebenen Typ durchgesetzt, so dass auch wir ihn in dieser Weise verwenden.
     
Es sind also zwei Dimensionen, die Gemeinschaftsprojekte und ihre Mitglieder wesentlich auszeichnen: Zum einen - als Projekte - kennzeichnet sie die Sehnsucht nach einem anderen Leben, die Suche nach anderen, oftmals mitweltverträglicheren Lebensweisen. Deshalb probieren sie neue Leitideen aus, die sich von den Leitsätzen und Verfahrensweisen herkömmlicher Lebensstile oder Gesellschaftsordnungen deutlich unterscheiden. Um Visionen und Strategien für andere Lebensweisen zu verwirklichen, suchen und beschreiten sie alternativ-innovative Wege, die häufig in gleich mehreren Hinsichten in ein Neuland führen. Zum anderen - als Gemeinschaften - charakterisiert sie die Sehnsucht nach einem Leben in lebendiger Gemeinschaft mit anderen, eine Suche nach Lebensformen, die der Beziehung und dem Miteinander mit Menschen, meistens auch mit Tieren und Pflanzen, einen besonderen Wert geben. Im praktischen Alltag integrieren Gemeinschaftsmitglieder daher häufig zentrale Lebensbereiche in ihr Gemeinschaftsleben: vielfach essen, wohnen und arbeiten sie zusammen.
     
Für ihre bewusste Entscheidung, nicht herkömmlich in der Gesellschaft zu leben, sondern ein Leben in einer Gemeinschaft zu wählen, die an bestimmten Leitideen orientiert ist, gibt es eine Vielzahl von sehr verschiedenen Motivationen: während einige das Anliegen haben, möglichst unabhängig zu sein von gewöhnlichen Lebensstilen und dem herrschenden Gesellschaftssystem, dominiert bei anderen der Wunsch, auf diese Einfluss zu nehmen und sie prägend zu verändern. Einige suchen Gemeinschaftsprojekte hauptsächlich wegen der erweiterten Spielräume für eine individuelle Lebensgestaltung und persönliche Selbstentfaltung auf, die durch den potentiell größeren Aktivitätenreichtum und die umschließende Gemeinschaftseinbindung möglich werden. Für andere hingegen sind vielmehr die Möglichkeiten für ein innigeres und erfüllenderes soziales Zusammensein ausschlaggebend, die sie als wichtig empfinden, um die eigene Persönlichkeit entwickeln zu können. Sie alle verbindet ihre Lust und Freude daran, mit anderen in Gesellschaft zu sein und gemeinsam und gemeinschaftlich etwas zu unternehmen.

Der Gemeinschaftsprojekte-Aktivist Dieter Halbach schreibt über das Leben in Gemeinschaftsprojekten: „Gemeinschaftliches Leben ist die bewußte Anerkennung der Tatsache unserer wechselseitigen Verbundenheit als geistige, soziale und ökologische Lebewesen. Der Sinn unserer neuen Lebensgemeinschaften besteht darin, diese Verbundenheit ohne Fesseln traditioneller und ideologische Kollektive in Freiheit selbst zu entwickeln."[4]

Und Wolfram Nolte, ebenfalls Gemeinschaftsprojekteaktivist, formuliert: „In Gemeinschaft leben, das heißt in seinen höchsten Ansprüchen: zusammen wohnen und arbeiten, sich auseinandersetzen und unterstützen, miteinander lachen und streiten, gemeinsam durch gute wie durch schlechte Tage gehen. Aber auch in Gemeinschaft leben mit Pflanzen und Tieren, sich als Teil des großen planetarischen und kosmischen Zusammenhangs fühlen und begreifen."[5]

 

Gemeinschaft

Der Begriff Gemeinschaft bezeichnet einen Typ sozialer Gruppierung. Eine Gemeinschaft ist eine Gruppe von zwei oder mehr Individuen, die aus einer historisch gewachsenen, einer religiös-weltanschaulichen, einer politisch-ideologischen, oder einer einen begrenzten Sachzweck verfolgenden Grundlage miteinander verbunden sind (klassische Beispiele: Volk, Nation, Kirche, Ehe, Familie, Interessenorganisation, Verein). Gemeinschaften können über zwei kennzeichnende Strukturmerkmale definiert werden:[6] erstens über affektive Beziehungen zwischen den Individuen und zweitens über eine Verbundenheit an gemeinsame Werte, Normen, Bedeutungen, eventuell auch mit einer gemeinsamen Geschichte und Identität. In Gemeinschaften durchdringen sich also Beziehungs- und Wertemuster.
     
Der Soziologe Ferdinand Tönnies hat den Gemeinschaftsbegriff 1887 als Grundbegriff der Soziologie eingeführt und dem Begriff Gesellschaft entgegengesetzt: Er bestimmt eine Gemeinschaft als Kreis von Menschen, die wesentlich miteinander verbunden sind und eine Einheit bilden. Die Handlungsmuster der Gemeinschaftsmitglieder können aus dieser Einheit abgeleitet werden, sie drücken den Willen und Geist dieser Einheit aus und erfolgen ebenso für die Gemeinschaft wie für den einzelnen Akteur. Gemeinschaft bedeutet echtes und ermöglicht dauerhaftes Zusammenleben, Gesellschaft hingegen nur ein vorübergehendes und scheinbares. Denn Gesellschaften sind nach Tönnies rational konstituierte Zweckverbände. In Gesellschaften sind Menschen wesentlich voneinander getrennt und ihre Beziehungen bleiben mechanisch-zweckhaft.
     
Im Zuge der fortgeschrittenen Industrialisierung und Individualisierung in den modernen Industrieländern wird das Maß gesellschaftlicher Ausrichtung am „Konzept Gemeinschaft" gegenwärtig zunehmend diskutiert. Programmatisch fordert beispielsweise die Kommunitarismus-Bewegung eine gute Gesellschaft, die gegenüber derzeitigen westlichen Standards über deutlich vermehrte und verstärkte Elemente von Gemeinsinn und gemeinschaftsorientierten Strukturen verfügt. Gemeinschaftsprojekte sind für einen kommunitaristisch geprägten Lebensalltag geradezu Schulen und Stätten par excellance, weil man hier in fast exemplarischer Weise eine Ausrichtung auf die Gemeinschaft erleben und erlernen kann.

 

Es ist die Sehnsucht ihrer Mitglieder nach Gemeinschaft, die alle Gemeinschaftsprojekte miteinander vereint, ansonsten unterscheiden sie sich ganz beträchtlich. Kein Gemeinschaftsprojekt gleicht einem anderen. Verschiedene Voraussetzungen, Charakteristika und Perspektiven verleihen jedem Gemeinschaftsprojekt ein einzigartiges, ureigenes Profil. So unterschiedlich die Menschen und deren Motivationen sind, aus denen die Gemeinschaften bestehen, so unverwechselbar sind diese auch selbst. Allerdings resultiert die Vielfalt der Projekte nicht nur aus der Verschiedenheit ihrer Mitglieder. Sie ergibt sich insgesamt aus dem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die schon jeweils für sich von Projekt zu Projekt variieren: neben den Mitgliedern (Anzahl, Eigenschaften etc.) sind hier maßgeblich die vorgegeben Infrastrukturen (Größe, Gelände etc.) sowie die erwählten Leitideen (Inhalt, Implementation etc.) zu nennen - und andere, wie etwa finanzielle Ressourcen und Reserven, kommen noch hinzu.[7]
     
Im englischen Sprachgebrauch sind einige Begriffe etabliert, die im Zuge der Globalisierung auch im Deutschen mehr und mehr anzutreffen sind. Beispielsweise wird ein Gemeinschaftsprojekt dieser Art Intentional community genannt. Sie lässt sich in der Stärke der kommunitären Bezüge meistens klar von kooperativen Formen des Wohnens, dem Co-Housing, unterscheiden, das ein Wohnen in weitgehender Autonomie und Privatheit mit einem gemeinschaftlichen Nutzen von Ressourcen verbindet. Ist ein Gemeinschaftsprojekt auf eine zukunftsfähige Lebensweise ausgerichtet, handelt es sich um eine (intentional) Sustainable community. Hier wird Zukunftsfähigkeit zur regulativen Leitvision. Wenn ein solches Gemeinschaftsprojekt über etwa 50-3000 Mitglieder und eine Instanz für das Treffen von gemeinschaftlichen Entscheidungen verfügt, so kann von einem Eco-village, einem Öko-Dorf, gesprochen werden.[8]
     
Gemeinschaftsprojekte sind keine Erfindung des 20sten oder 21sten Jahrhunderts. Im weiten Sinne hat sie immer schon gegeben. Als mehr oder minder eng fixierte Institutionen, in denen sich besonders bewusste, zum Teil auch besonders kritische Menschen mit ausgeprägtem sozialen, ökologischen, spirituellen, kulturellen, auch ökonomischem Impetus zum gemeinsamen alternativen Leben zusammenfinden, gibt es sie nahezu sobald (und solange) sich die Frage nach menschlichem Zusammenleben stellt. Gemeinschaftsprojekte sind weltweit zu finden, und sie verfügen über eine lange Tradition. In Zeiten noch nicht vorhandener oder schwacher Zentralstaaten mögen Gemeinschaftsprojekte sogar die selbstverständliche Organisationsform der Gesellschaft gewesen sein - das jedenfalls vermutet der Gemeinschafts-Aktivist und sozusagen Pionier der deutschen Gemeinschaftsprojekte-Forschung Karl-Heinz Meyer.[9] Im Mittelalter ab dem 10. Jahrhundert verwandelten sich mehr und mehr europäische Dörfer in Dorfgemeinschaften. In ihnen wurde der größte Teil des Ackerlandes, des Waldbestandes und der Weiden über ein Rotationsprinzip gemeinschaftlich genutzt, und mit gleichen Stimmrechten wurde in der Gemeindeversammlung über Feuerschutz, Straßen- und Wegebau entschieden. In Form von ausgereiften Dorf- und Stadtgemeinden erreichte diese mittelalterliche Bewegung ihre Blüte Mitte des 13. bis ins frühe 16. Jahrhundert. Als bedeutsame Gemeinschaftsprojekte des Mittelalters sind übrigens auch Klöster anzusehen, die ebenfalls kommunitäre Zufluchtsstätten waren. Karl-Heinz Meyer konstatiert:[10]

Für .. mit den Normen der Gesellschaft in Konflikt .. (Geratene,) Gelehrte und vom Durchschnitt ins Innovative abweichende Menschen, gab es das Kloster als Zukunftswerkstatt, als Forschungsanstalt für die Zukunft."

Heutzutage fallen zwei programmatische Leitthemen auf, die nahezu alle der von uns untersuchten deutschen Gemeinschaftsprojekte als für sie wichtige Orientierungen genannt haben. Beide gehen auf diagnostizierbare Krisen zurück, die durch die Entwicklungsprozesse von Industriegesellschaften in den letzten Jahren forciert worden sind: Prozesse der Individualisierung, Entsolidarisierung und Anonymisierung in der Gesellschaft haben zu einer sozialen Krise geführt, die Bedürfnisse der Eingebundenheit unbefriedigt lassen bzw. wecken. Und Prozesse der Industrialisierung, Kommerzialisierung und Technisierung, welche die soziale Krise zum Teil verstärken, haben eine Krise unserer natürlichen Mitwelt hervorgerufen und eine weitere Verschärfung in der Entwicklungskrise der sogenannten Entwicklungsländer erzeugt. Es sind diese Krisen, die zu der Ansicht geführt haben, dass Leitsätze für neuartige Lebensweisen sinnvoll und notwendig sind. Durchgehend haben Gemeinschaftsprojekte deshalb ökologische und soziale Leitideen (jeweils 19 von 19) formuliert (siehe 3.2).
     
Diese Krisen bzw. Herausforderungen erklären, warum wir Gemeinschaftsprojekte brauchen: Jede von ihnen fordert von Industrienationen wie der Bundesrepublik Deutschland umfassende, tiefgreifende und aufeinander abgestimmte Änderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Es bedarf einer grundlegenden öko-sozialen Neuausrichtung unserer gegenwärtigen Verhaltensmuster und Systemstrukturen, die getragen wird von einem individuellen und kollektiven Werte- und Erlebenswandel. Ein zukunftsfähiges Deutschland bedarf schlicht einer Transformation unserer bestehenden Gesellschaft in eine neue Lebenskultur. Kulturen lassen sich aber nur bedingt „von oben" verordnen, nur begleitend und unterstützend, indem als „top-down policy" Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wachsen und Gedeihen, ihr volles Potential entfalten, können Kulturen, auch Gesellschaftskulturen, nur „von unten". Gerade Erfahrungen in der internationalen Entwicklungshilfe belegen dies signifikant. Es sind die unzähligen Experimentierversuche, die vielen kleinen Schritte, ja Schrittversuche, die uns dem Erreichen einer Vision näherbringen.
     
Aus diesem Grund können Gemeinschaftsprojekte und ihre Mitglieder nicht nur das Leben Einzelner bereichern, sondern auch für die gesamtgesellschaftliche und globale Zukunftsfähigkeit in mehreren Funktionen dienen. Durch öko-sozialere Lebensentwürfe vermögen sie: (a) selbst einen Beitrag zu Schonung und Schutz der uns umgebenden Mitwelt zu leisten (Umweltschonungs- und -schutzfunktion), (b) als persönliche Vorbilder und beispielhafte Modelle zu dienen (Vorbild- und Modellfunktion), (c) als solche zu aktivieren (Motivations- und Mobilisationsfunktion), und (d) als gesellschaftliche Zukunftswerkstätten zu wirken, indem sie Möglichkeiten für ein öko-sozialeres Leben entwickeln und umsetzen, die auch von anderen nutzbar sein können (Pionier- und Pilotfunktion). Dass Gemeinschaftsprojekte dabei verschiedene Anliegen und Ansätze verfolgen, erhöht die „Antwortenvielfalt" (Ernst Ulrich von Weizsäcker) in Fragen zukunftsfähiger Entwicklungen.


4 EUROTOPIA 1997, 22
5 EUROTOPIA 1997, 10
6 Vgl. ETZIONI 1997, 177
7 Siehe BRUMANN 1998
8 Siehe GRINDHEIM / KENNEDY 1998, 13f.
9 Karl-Heinz MEYER (41988, 23) operiert in seiner Studie mit dem Kommune-Begriff, tituliert sie jedoch als "Zukunftswerkstatt Gemeinschaftsprojekte". Er beruft sich an dieser Stelle auf Karl-Ludwig Schibels (1985) ausführliche Darstellung zweier historischer Beispiele (einer mittelalterlichen Dorfgemeinde und einer nordamerikanischen Community zur US-Gründerzeit).
10 MEYER 41988, 25
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