2.2 Zukunftsfähige Aspekte des gemeinschaftlichen Lebens

Das gemeinsame Leben, Wohnen und Arbeiten von Gemeinschaftsmitgliedern unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von herkömmlichen gesellschaftlichen Lebensentwürfen. Dies hängt nicht zuletzt mit der intensiven sozialen Vernetzung und Verdichtung zusammen, die Gemeinschaftsprojekte so charakteristisch auszeichnen.
     
Im Folgenden sind einige zukunftsfähige Aspekte des Lebens in einer Gemeinschaft aufgeführt. Um ein ausgewogenes Bild mit den Vorteilen, aber auch den Nachteilen gemeinschaftlichen Lebens zu erhalten, haben wir sie um tendentiell problematische oder nachteilige Aspekte ergänzt. Aspekte, die mit real oder potentiell vorteilhaften Wirkungen für Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft verknüpft sind, haben wir mit „Pro" gekennzeichnet; jene mit real oder potentiell nachteiligen Wirkungen mit „Contra". Beide Bereiche werden ungewichtet und unverbunden aufgelistet. Weil unseren Untersuchungen ein Menschenbild zu Grunde liegt, das den Menschen als ein „bio-psycho-sozio-spirituelles" Wesen begreift (und folglich menschliche Bedürfnisse auf einer physisch-materiellen, psychischen, sozialen und spirituellen Ebene verortet), wurden die Aspekte gemeinschaftlichen Lebens auf diesen Ebenen analysiert und dargestellt.


Aspekte der physisch-materiellen Ebene

Pro

Schutz vor materieller Verelendung oder gar Obdachlosigkeit durch gemeinschaftliche Solidarität und ggfs. Hilfszuwendungen.

Contra

Zum Teil gibt es Beschränkungen im freien Verfügen über eigene Finanzmittel, die als Einschränkungen empfunden werden können.

Pro

Das Vorhandensein von Gemeinschaftsgütern vergrößert die persönlichen Handlungsspielräume und verringert das Denken in Besitzansprüchen.

Contra

Die Entscheidung über die Anschaffung von Gemeinschaftsgütern unterliegt zumeist einem Gemeinschaftsbeschluss. Im Falle einer Mehrheitsentscheidung muss sich der Einzelne dem Gemeinschaftsvotum anpassen und gelegentlich der Gemeinschaft unterordnen. Die persönliche Verfügbarkeit der Güter wird auf diese Weise eingeschränkt.

Contra

Die Nutzung von Gemeinschaftsgütern erfordert eine gemeinschaftliche Abstimmung, die die individuellen Handlungsspielräume einschränken können.

Pro

Finanzielle Vorteile über Verbundeffekte (Economies of scope, Economies of scale[27]) durch Kostenersparnisse bei Großeinkäufen, Flächen- und Energieersparnis, Sharing-Strategien und Mehrfachnutzen z.B. in Ernährungs-, Wohn- und Arbeitsbereichen.

Pro

Zeitliche Vorteile durch Verbundeffekte (Arbeitsersparnis und
-teilung, kurze Wege).

Pro

Sicherung weitgehender individueller Unabhängigkeit vom sonst dominanten gesellschaftlichen System; synchron wird dabei eine Zugehörigkeit zu Gemeinschaftssystemen bzw. einer Gemeinschaft aufgebaut.

Contra

Die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft kann zu einer Abhängigkeit führen.                        

Pro

Rückzugsmöglichkeit vom dominanten gesellschaftlichen System samt dessen Wertmuster und Funktionsmechanismen.

   


Aspekte der psychischen Ebene

Pro

Alternative Lebensentwürfe können kreiert und eventuell/zum Teil auch umgesetzt werden, andere als die gesellschaftlich vorherrschenden Lebensstile können kultiviert werden.

Pro

Optimale Voraussetzungen für die Befriedigung des Bedürfnisses nach Gemeinschaftszugehörigkeit und -eingebundenheit.

Pro

Optimale Voraussetzungen für das Stiften und Ausbilden persönlicher Identität durch Bestätigungsprozesse, die sich über das gemeinschaftliche Zusammenleben vollziehen.

Contra

Gefahr der Einschränkung des Horizonts und Erfahrungsraumes bei der Entwicklung von Identitätsstrukturen.

   


Aspekte der sozialen Ebene

Pro

Optimale Voraussetzungen für das Erwerben sozialer und kommunikativer Kompetenz und das Erlernen von Gemeinsinn.

Pro

Sozial Schwächere wie etwa Kinder, Behinderte, Alte können mehr in das Alltagsleben integriert werden. Sie fühlen sich nicht abgeschoben oder alleingelassen und können ihre Fähigkeiten einbringen.

Pro

Die dem Gemeinschaftsleben geschenkte Bedeutung bietet optimale Voraussetzungen für erfülltere zwischenmenschliche Beziehungen. Es gibt zumeist eine größere Beziehungsvielfalt (vorwiegend über die sog. mesosoziale Bezugsebene zwischen Kleinfamilie und Gesellschaft), freiere Beziehungskulturen und weniger Beziehungshierarchien.

Contra

Ein engagiertes und dichtes Miteinanderleben kann zu mehr zwischenmenschlichen Spannungen und Konflikten führen.

Pro

Erfüllte Sozialbeziehungen verhüten Drang und Sucht nach Ersatzbefriedigungen, die sich z.B. in exzessivem Konsumverhalten niederschlagen können.

Contra

In engen Gemeinschaften kann der Raum individueller Freiheit und Unabhängigkeit als zu klein empfunden werden. Rückzugsmöglichkeiten müssen oft erkämpft werden und man wird leicht verführt, sich nicht genug Zeit für sich selbst zu nehmen.

Pro

Die gemeinschaftliche Orientierung und Entscheidung für einen bestimmten Lebensstil befreit von stetigen Wahlzwängen der Gesellschaft, so dass Zeit- und Energieräume für den Einzelnen sowie die Gemeinschaft frei werden.

Pro

Die Sozialstruktur von Gemeinschaften gibt die Möglichkeit zu einer konsequenteren Einhaltung der angestrebten Vorhaben und Ziele (auch in Bezug auf konkrete Verhaltensmuster oder den Lebensstil überhaupt).

Contra

Tendenziell ist eine Ablehnung oder fehlende Akzeptanz durch das gesellschaftliche Umfeld und gesellschaftliche Instanzen nicht auszuschließen.

   


Aspekte der spirituellen Ebene

Pro

Über gemeinsame Praktiken lassen sich spirituelle Inhalte zum Teil besonders gut umsetzen und vermitteln (z.B. gemeinsames Beten, Singen, Meditieren).

Contra

Eine zu stark von der Gemeinschaft vorgegebene gemeinsame Praxis behindert die individuelle spirituelle Entwicklung.


27 Siehe Kapitel 2.3

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