2.3 Zukunftsfähige
Potentiale von Gemeinschaftsprojekten
Neben bestimmen
Aspekten, die grundsätzlich mit der gemeinschaftlichen Lebensform verbunden
sind, verfügen Gemeinschaftsprojekte auch über Potentiale, die es in
herkömmlichen gesellschaftlichen Lebensentwürfen nicht geben kann. Das
Leben in einem Gemeinschaftsprojekt eröffnet ein weites Spektrum für
mögliche Aktionen und Ansätze. Denn viele Anliegen lassen sich besonders
gut im/als Gemeinschaftsprojekt verwirklichen und einige überhaupt nur
in einem solchen. Auch bei bestem nachbarschaftlichem Kontakt bleibt
für viele Alleinlebende beispielsweise der Wunsch nach Strom aus Wind-
oder Solaranlagen eine unerreichbare Utopie. Genau hier liegen die besonderen
Stärken von Projektgemeinschaften. Die Potentiale von Gemeinschaftprojekten
bezeichnen die aus den Gemeinschaftsaspekten entstandenen, neuartigen
und zusätzlichen Möglichkeiten, bestimmte Leitideen - Visionen und Strategien
- zu entwickeln und auch experimentell umzusetzen. Vor allem ihre Potentiale
machen Gemeinschaftsprojekte zu Ressourcen für eine zukunftsfähige
Gesellschaft.
Die
Gründe für die erweiterten optionalen Spielräume sind vielschichtig:
Erstens, ganz banal, können mehrere Menschen als Gruppe mehr erreichen
als ein Einzelner allein. Gemeinschaftsprojekte bestehen aus einer Vielzahl
von Menschen, die sich engagieren und mitanpacken" können,
so dass eine Anhäufung von Aktionspotential entsteht. Zweitens
setzt sich diese, wie jede, Vielzahl von Menschen aus Persönlichkeiten
mit unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und Fähigkeiten zusammen.
Wenn diese kompetent eingebracht werden, ergibt sich eine Ergänzung
von Aktionspotential. Drittens kann ein aufeinander abgestimmtes
Zusammenwirken von Menschen zu Synergieeffekten führen. Gemäß der anschaulichen
Formel für einen Synergieeffekt: 2 + 2 = 5, kann hier über das Zusammenwirken
von Menschen im Ganzen mehr erzielt werden, als das Summieren ihrer
Einzelbeiträge ergeben hätte. Es entsteht also sozusagen eine synergetische
Potenzierung des Aktionspotentials.
Überdies
vermögen Gemeinschaftsprojekte aber noch mehr. Ihr Projekt-Charakter
verleiht ihnen viertens die Möglichkeit, neuartige Prioritäten zu setzen
und Ansätze auszuprobieren. Dabei können sie fünftens bestimmte Elemente
des Lebensstils (etwa die Ernährung) nach bestimmten Kriterien (etwa
ökologischen) ausrichten, die zwar mit einem überproportionalen Aufwand
(etwa finanziell, zeitlich) verbunden sind, aber durch überproportionale
Erlöse (etwa finanziell, zeitlich) in diesen und/oder anderen Bereichen
auch wieder kompensiert werden können. Diese Effekte können als konzeptuelle
Ausrichtung und kommunitäre Subventionierung von Aktionspotential
bezeichnet werden. Und schließlich sechstens bleibt noch ein weiterer,
sehr bedeutender Grund zu nennen, der sich wiederum aus dem Gemeinschaftscharakter
ergibt. Die Menschen, die in Gemeinschaftsprojekten leben und wirken,
tun dies in einem gemeinschaftlichen Geist. Sie sind gewissermaßen durch
ein inneres Band miteinander verbunden, das sie zusammenhält und trägt,
nämlich ihre gemeinsame Teilhabe an der Gemeinschaft samt deren Zielen.
Die Gefühle gegenseitiger Verbundenheit und Eingebundenheit in die Gemeinschaft,
die dabei entstehen, können stark motivieren und mobilisieren, so dass
eine energetische Potenzierung des Aktionspotentials erwächst.
Die
folgenden Beispiele für zukunftsfähige Potentiale von Gemeinschaftsprojekten
sind gemäß der fünf Dimensionen für zukunftsfähige Entwicklungen strukturiert.
Sie sollen die Möglichkeiten aufzeigen, über die Gemeinschaftsprojekte
verfügen, wenn sie programmatisch ökonomische, ökologische, soziale,
kulturelle und spirituelle Ausrichtungen anstreben.
Ökonomische Potentiale
Durch Verbund-
und Synergieeffekte können Gemeinschaftprojekte von etlichen finanziellen
Potentialen profitieren. Grundlegende Einspareffekte, die sich aus dem
gemeinsamen Leben, Arbeiten und Wohnen ergeben und in die Finanzierung
von Aktionen und Ansätzen einfließen können, sind die sogenannten Economies
of scale und Economies of scope.
Economies
of scale
Economies of scale sind
Kostenersparnisse, die bei wachsender Ausbringungsmenge entstehen.
Sie werden auch als Skalenerträge, Skaleneffekte, Betriebsgrößenvorteile
oder Massenproduktvorteile bezeichnet.
Sie
entstehen durch produktivitätssteigernde Spezialisierung, Lernprozesse
... oder Kapazitätsgrößenvorteile, woraus ein degressiver Verlauf
der Kurve der langfristigen Durchschnittskosten folgt.[28]
Economies of scope
Die auch als Verbund-
oder Diversifikationsvorteile bezeichneten Economies of scope sind
das Pendant der Economies of scale bezogen auf die Breite der Produktpalette.
Economies of scope liegen vor, wenn verschiedene Produkte bei gleichen
Mengen von einem Unternehmen kostengünstiger produziert werden
als von 2 oder mehreren separaten Unternehmen.
Die
Existenz von Economies of scope beruht auf dem Umstand, dass Produktionsfaktoren
zur Herstellung mehrerer Güter genutzt werden können, ohne dass die
Nutzung in der einen Verwendung eine solche in anderen Verwendungen
ausschließt.[29]
Gemeinschaftsprojekte können finanzielle Mittel erhalten über das Anbieten
von Seminaren, Kursen, Workshops, Konferenzen, über kulturelle Aufführungen,
das Vermieten von Therapie- und Gruppenräumen, Tagungs- und Begegnungshäusern
etc. sowie über Angebote aus eigens geleiteten Betrieben wie Satz- und
Druckwerkstätten, Schlossereien, Schreinereien, Töpfereien, Naturkostläden,
Bäckereien, Keramikwerkstätten, Verlagen, landwirtschaftliche Betrieben,
Cafés, Kindertagesstätten, Näh- und Lederwerkstätten, Großküchen, Heil-
und Massagepraxen und vielen anderen mehr.
Ökologische Potentiale
Es gibt
außerordentlich viele ökologische Aktionsformen für Gemeinschaftsprojekte,
weil in den Industriegesellschaften derzeit fast alle Lebensbereiche
dringend einer intensivierten Ökologisierung bedürfen und diese sich
auch weitreichend ökologisieren lassen. In Ökologisierungsfragen der
menschlichen Bedürfnisfelder Körper, Ernährung, Bekleidung, Wohnen,
Arbeit, Freizeit, Mobilität, Konsum, Bildung, Beziehungen zur sozialen
und natürlichen Mitwelt sowie Spiritualität erreichen Projektgemeinschaften
eine bedeutende Antwortenvielfalt.
Zu
den Potentialen, die Gemeinschaftsprojekte für das Verwirklichen von
ökologischen Leitideen (wie einem natürlichen, möglichst umweltbewussten
und -gerechten Leben, Arbeiten, Wirtschaften und Wohnen) bergen, gehören:
das biologisch-dynamische Bewirtschaften im Landbau, die artgerechte
Tierhaltung, das naturbewusste selbstversorgende Ernähren, die erfolgreichere
Einschränkung des Konsums und das verstärkt abfallreduzierte Einkaufen,
das umfassende Abfallrecycling, das gemeinsame Entwickeln, Betreiben
und Nutzen von mitweltfreundlichen Technologien, das erhöhte Einsetzen
von wohngesunden Baustoffen und Wiederverwenden von Altmaterialien (etwa
im Gebrauchtmöbelmarkt), das Betreiben ökologischer Heiz-, Windkraft-
und Solaranlagen, das Betreiben eigener Pflanzenklär- und Regenwassersammelanlagen,
das gezielte Erhalten und Wiederherstellen eines naturnahen Umfeldes
mit nachbarschaftlichen Vernetzungen, das weitgehende Vermeiden von
Autofahrten sowie das Betreiben von Car-Sharing und Elektroautos etc.
Soziale Potentiale
Im Mittelpunkt
von sozialen Leitideen stehen die Liebe zum Mitmenschen und auch der
Wunsch nach einem achtsamen, ehrlichen und offenen Umgang miteinander.
Natürlich kann dieses Anliegen in einer kommunitären Lebensgemeinschaft
durch den häufigen und intensiven Kontakt zu den anderen Mitgliedern
besonders gepflegt werden. Für viele soziale Aktivitäten und Ziele wie
etwa Menschen in Bedrängnis aufzunehmen, tagein tagaus Toleranz gegenüber
Andersdenkenden zu üben, mit Kindern, älteren und pflegebedürftigen
Menschen zusammenzuleben, nicht-patriarchale, herrschaftsarme und gewaltfreie
Beziehungen zu kultivieren sowie kleinfamiliäre Strukturen abzubauen
etc. bieten Gemeinschaftsprojekte geradezu beste Voraussetzungen.
Kulturelle Potentiale
Gemeinschaftsprojekte
ermöglichen anspruchsvolle Kulturarbeit über Veranstaltungen (z.B.
Ausstellungen, Diskos, Kino, Konzerte, Theateraufführungen) und Gespräche,
aber auch den gemeinsamen Aufbau weitergehender kultureller Projekte
(z.B. eines Bildungswerks). Sie eignen sich besonders gut, um in vielfältigen
Aktionen die geistige Entwicklung, das Ausdrucks- und Kommunikationsvermögen
und die Kreativität ihrer Mitglieder zu schulen. In institutionalisierter
Form können kulturelle Anliegen z.B. über das Betreiben eines Verlages,
einer Druckerei oder Töpferei umgesetzt werden.
Spirituelle Potentiale
Spiritualität
kann außerordentlich gut gemeinschaftlich entfaltet werden und in Gemeinschaftsprojekten
einen zentralen Raum einnehmen. Wenn ein spirituelle Ausrichtung mit
einer anderen (etwa der ökologischen) verschmilzt, fundiert sie diese
mit transzendenten Elementen, so dass sie in einen neuartigen Ansatz
(etwa die Tiefenökologie) transformiert wird.
Das
spirituelle Glaubensleben kann in Gemeinschaft bereichert werden durch
kontemplative Gebete (z.T. mit liturgischen Gebetszeiten), gemeinsames
Singen (z.B. Taizé-Gesänge), verschiedene Arten der Meditation (z.
B. Bibel-, Mantrameditation), ein allgemeines Offensein für Gespräche
und vieles mehr.