2. Gemeinschaftsprojekte und Zukunftsfähigkeit


2.1 5 Dimensionen einer ganzheitlich zukunftsfähigen Entwicklung

Eine lange Zeit wurden Entwicklungsstand und Wohlstand sowie Lebensstandard und -qualität nahezu gleichgesetzt. Bemühungen um Wohlstand und möglichst hohe Lebensqualität wurden prinzipiell mit dem Streben nach Entwicklung und erhöhtem Lebensstandard verbunden. Das ist heute nicht mehr so. Es ist deutlich geworden, dass fortgeschrittene Entwicklung nicht zwangsläufig einen erhöhten Wohlstand bedeutet oder zu einem solchen führt, sondern - im Gegenteil - diesen sogar belasten und gefährden kann, weil Entwicklung neben Fortschritten auch neue Probleme mit sich bringt. Zu Konsequenzen von Entwicklung gehören in den Industrieländern auch Massenarbeitslosigkeit, Leistungsdruck sowie Tendenzen einer sozialen Polarisierung in Arm und Reich. In den Entwicklungsländern erzeugt sie dramatisches Bevölkerungs- und Städtewachstum, allgemein zunehmende Armut und Verschuldung und extreme interne Polaritäten von Armut und Reichtum. Und schließlich ist weltweit vor allem die drastischen Verschärfung der Umweltkrise zu nennen. Überhaupt werden wirtschaftlicher Wohlstand und materieller Lebensstandard nicht mehr als hauptsächliche, vielleicht nicht einmal mehr als letztlich maßgebliche Faktoren von Lebensqualität betrachtet. Für ein Leben in hoher Qualität mit Wohlfahrt und Würde kommen viele andere, auch immaterielle und moralische Faktoren hinzu wie etwa sinnerfülltes Tun, eine lebendige Freizeitgestaltung und soziale Beziehungen.[24]
     
Nicht Entwicklung per se gilt es dementsprechend anzustreben, sondern eine näher zu bestimmende Entwicklung, eine, die noch genauer auf das Wohl der Menschheit abgestimmt ist. In der Rio-Erklärung der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 und der Aganda 21, dem globalen Aktionsplan für das 21. Jahrhundert, wurde deshalb die globale Leitversion der Sustainable development geprägt. Zur Zeit verbrauchen wir global Umweltressourcen schneller, als in der gleichen Zeit nachwachsen oder neugebildet werden können, und wir stoßen Abfallstoffe schneller aus, als Mensch und Natur in gleicher Zeit abbauen oder verarbeiten können. Der englische Begriff sustainable (engl. to sustain erhalten, unterstützen, ertragen) verweist darauf, dass das Erhalten des Naturhaushalts maßgebend in die Bemühungen für Entwicklung mit einbezogen werden soll.
     
Als deutsche Äquivalente des engl. Sustainable development werden unter anderem die Begriffe der nachhaltigen, nachhaltig zukunftsverträglichen und zukunftsfähigen Entwicklung verwendet. Diese verschiedenen Übersetzungsversuche setzen zwar geringfügig unterschiedliche Akzente, sollen aber meistens dasselbe bedeuten. Zukunftsfähige Ansätze und Entwicklungen weisen Wege in und für die Zukunft. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie gegenwärtige Überlegungen und Handlungen gezielt an Zukünftigem und zukünftig Wünschbarem, insb. auch an den Interessen zukünftiger Generationen, orientieren. Häufig wird die Leitvision Zukunftsfähigkeit über zwei Grundstrategien zu realisieren versucht: erstens über die Effizienzstrategie, die mit einem kleineren Energie- und Ressourceninput einen größeren Output zu erzielen sucht, so dass die Durchflusswirtschaften insgesamt weniger ressourcenintensiv gestaltet werden. Diese Strategie; lediglich effizienter zu produzieren, reicht aber nicht aus. Vor allem müssen wir auch ressourcenschonender konsumieren. Und damit kommt zweitens die Suffizienzstrategie ins Spiel, die die natürlichen Ressourcen über bescheidenere Konsummuster und Wertorientierungen zu schützen sucht.
     
In einer komplexen vernetzten Welt haben wir bei unseren Bemühungen um zukunftsfähige Entwicklung auf mehrere Dimensionen zu achten. Oder anders ausgedrückt: Zukunftsfähige Ansätze haben gleich mehrere Dimensionen unserer Lebenswelt (etwa die ökologische, soziale, ökonomische) zu berücksichtigen und aufeinander abzustimmen. Diese „Multidimensionalität" oder „Transdimensionalität" ist für zukunftsfähige Ansätze deshalb nötig, weil für die Gestaltung unserer Lebensbedingungen und -vollzüge nicht nur eine Dimension (etwa die ökonomische) eine Rolle spielt, sondern gleichzeitig immer auch andere (etwa die soziale, ökologische) wichtig sind. Und Bedingungen und Maßnahmen in einer Dimension haben immer auch Auswirkungen in den anderen zur Folge. Eine einseitige Konzentration auf nur eine Problemdimension (etwa auf die Wirtschaft) mag zwar kurzfristig im anvisierten Bereich zu Erfolgen führen. Sie lässt aber andere Bereiche außer Acht, so dass dort (etwa im Sozial- und Umweltbereich) neue Probleme entstehen. Schon aus diesem Grunde sind multidimensionale Ansätze vorteilhaft. Aber ein weiterer kommt hinzu: monodimensionale Ansätze führen außerdem dazu, dass die vermeintlichen Erfolge in ihrem Ausmaß eingeschränkt werden: prinzipiell ist der Ertrag geringer und die Dauer kürzer. Der Ertrag eines monodimensionalen Ansatzes ist in einer komplex vernetzten Welt geringer, weil er nicht durch abgestimmte kritische Einflußgrößen anderer Dimensionen getragen oder gefördert wird. Und seine Dauer ist geringer, weil die Voraussetzungen, auf denen er beruht, nicht multidimensional abgestimmt und gesichert sind, so dass sie schon bei geringen Änderungen in den anderen Dimensionen erodieren.
     
Welches sind nun jene wichtigen Dimensionen, die in ganzheitlich zukunftsfähige Ansätze zu integrieren sind? Die Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt" des 12. Deutschen Bundestages hat 1994 die soziale, ökonomische und ökologische Dimension als tragende Säulen des Leitbildes einer „nachhaltig zukunftsverträglichen" Entwicklung herausgestellt:[25]

„Es wird immer klarer, dass die verfügbaren Umweltressourcen, vor allem die Aufnahmekapazitäten der Umwelt, begrenzt sind, was die Möglichkeit ihrer Nutzung durch uns dramatisch einschränkt. Wechselwirkungen zu wirtschaftlichen und sozialen Krisenerscheinungen werden deutlich. Aus dieser existentiell bedrohlichen Situation gibt es nur dann einen Ausweg, wenn Ökonomie, Ökologie und sozialer Ausgleich als Einheit begriffen werden, wenn politisches wie wirtschaftliches Handeln künftig alle drei Aspekte gleichermaßen ins Kalkül einbezieht, statt sie gegeneinander auszuspielen."

Diese Trias von makro-sozial bedeutsamen Kerndimensionen lässt sich mikro-sozial um zwei weitere sehr relevante Dimensionen ergänzen. Neben ökologischen, sozialen und ökonomischen können hier auch spirituelle und kulturelle Elemente eine besondere Rolle spielen. Dass ein gelebter Glaube positiv ausgleichend, vitalisierend und insgesamt gesundheitsfördernd wirken kann, ist heutzutage wissenschaftlich längst erwiesen. Darüber hinaus ermöglicht Spiritualität aber auch das tiefere Erleben und Verstehen der Natur, welche in einen achtsameren Umgang mit ihr münden können. Die spirituelle Dimension kann für das Wachsen und Gedeihen einer neuen, zukunftsfähigen Lebenskultur einen sehr wichtigen Beitrag, vielleicht überhaupt den wichtigsten und entscheidenden, leisten. So bleibt eine offene Frage, ob ein spirituelles Verhältnis zur Natur lediglich eine beliebig mögliche oder nicht sogar eine unverzichtbar notwendige Bedingung für hinreichend naturgerechte Lebensstile bildet.[26]
     
Ferner ist die kulturelle Dimension zu berücksichtigen. Gerade in multikulturellen Gesellschaften, die kulturelle Pluralität, aber auch Beliebigkeit und Relativität mit sich bringen, dürfte bei den Menschen das Bedürfnis wachsen, eine eigene kulturelle Identität auszuprägen. Für zukunftsfähige Entwicklungen sind kulturelle Betätigungen hilfreich, weil sie zu neuen Wahrnehmungsweisen, Erfahrungsräumen und sinnstiftenden Erlebnissen führen, jenseits von allem nennenswerten Naturkonsum. Außerdem fördern sie Humanressourcen wie Kreativität und Vorstellungsvermögen, die auf der Suche nach Innovationen dringend gebraucht werden.
     
Da jede dieser fünf Dimensionen für zukunftsfähige Entwicklungen von entscheidender Bedeutung ist oder sein kann, ist es sinnvoll, allesamt in einen ganzheitlichen Ansatz von Zukunftsfähigkeit zu integrieren. Konzepte und Projekte sind demgemäß dann als zukunftsfähig anzusehen, wenn sie in ökologischen, sozialen und ökonomischen sowie gegebenenfalls auch spirituellen und kulturellen Dimensionen aufeinander abgestimmt sind und eine gegenseitige Verträglichkeit oder sogar Förderlichkeit aufweisen.


24 Siehe LANGBEIN et al. 1995
25 ENQUETE-KOMMISSION 1994, 54; auch in: ENQUETE-KOMMISSION 1997, 23
26 Das bringt auch der große Mahner und Moralphilosoph Hans Jonas zum Ausdruck, der in seiner epochalen Schrift Das Prinzip Verantwortung (1979) der klassischen ethischen Perspektive eine neue Dimension hinzugefügt hat: die Zukunft. Bekümmert über den Raubbau an der Natur und die damit enstandenen Anforderungen an die Gesellschaft bekennt Hans JONAS (1992, 45): Ob sich eine Askese ohne transzendente Religion in der Masse erzielen läßt, wo die Gefahr nicht wie bei einem sinkenden Schiff klar ist, sondern sich über Jahrzehnte und Kontinente erstreckt, das weiß ich nicht."

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