(g) ANTINOUS Diamond Lotos Tantra Center, Communitas Agnus Dei, Emmaus Gemeinschaft, Sozietät Herrnhaag - Muster des spirituell-sozialen Typs

Zu den Repräsentanten des spirituell-sozialen Typs gehören die Communitas Agnus Dei, die Emmaus Gemeinschaft, die Sozietät Herrnhaag und das Antinous Diamond Lotos Tantra Center. Während die Communitas Agnus Dei, die Emmaus Gemeinschaft und die Sozietät Herrnhaag christlich orientiert sind, ist die spirituelle Grundhaltung bei Antinous Diamond Lotos Tantra Center von Tantra geprägt. Und innerhalb des christlich-spirtuellen Musters besteht wiederum ein bedeutsamer Unterschied in der Mitgliederzahl: die Communitas Agnus Dei ist erheblich größer als die beiden anderen Gemeinschaftsprojekte.
     
Die Communitas Agnus Dei existiert seit 1980 und besteht aus dem Kloster Frauenberg und dem Hof St. Joseph. Das Kloster ist unentgeldlich zur Verfügung gestellt, der Hof St. Joseph ist gemietet. Etwa 7 ha gepachtetes Land gehören zum Gemeinschaftsprojekt. Auf die Unterbringungsmöglichkeiten der beiden Orte verteilen sich insgesamt 27 Erwachsene und 29 Kinder. Damit ist die Communitas Agnus Dei mit über 50 Mitgliedern als großes, ländliches Projekt einzustufen. Zu den Tieren gehören Schafe, Hühner, Rinder, Enten, Hasen und Pfauen.
     
Die spirituelle Ausrichtung zeigt sich in dem Ziel einer lebendigen Nachfolge Christi durch das Führen eines konsequent geistlichen Lebens. Dazu zählen stille kontemplative Gebete, die tags und nachts stattfinden sowie liturgische Gebetszeiten und Bibelmeditation. Das Befolgen der 10 Gebote und anderer kirchlicher Regeln gilt für alle Gemeinschaftsmitglieder gleichermaßen. Daneben haben alle ein Recht auf eine angemessene spirituelle und theologische Ausbildung.
     
Die gemeinsame Spiritualität prägt auch die Art der sozialen Ausrichtung des Gemeinschaftsprojektes. Hier gilt das Motto: Gutes stützen, dem Bösen wehren, Krankes heilen, Neues bauen. Die Kultur der Liebe wird gefördert, indem Menschen in Bedrängnis oder auf ihrer spirituellen Suche aufgenommen werden. Im Haus des Lebens gibt es eine Beratungsstelle für schwangere Frauen, denen dort auch ein Platz zur Verfügung gestellt werden kann. Gemeinsame Arbeit wird als Mitarbeit an der Schöpfung angesehen und soll zudem das soziale Miteinander bestärken. Aus diesem Grund arbeiten bis auf eine Hebamme alle Mitglieder innerhalb des Gemeinschaftsprojektes. Die Mahlzeiten werden ebenfalls gemeinschaftlich eingenommen, manchmal essen die Familien jedoch für sich. Die Entscheidungen werden je nach Wichtigkeitsgrad im Allgemeinen Konsens oder vom Leitungsteam gefällt.
     
Am Beispiel der Communitas Agnus Dei wird deutlich, dass auch ein großes Gemeinschaftsprojekt spirituelle und soziale Leitbilder in seine Alltagsstrukturen integrieren kann. Bemerkenswert ist, dass die Gemeinschaftsmitglieder an verschiedenen Orten wohnen. Wohl durch die stark ausgeprägte spirituelle und damit auch die soziale Gesinnung kann trotz der örtlichen Trennung ein derartig enges Gemeinschaftsgefüge entstehen.
     
Im Unterschied zur Communitas Agnus Dei sind die Emmaus Gemeinschaft und die Sozietät Herrnhaag mit 11 bzw. 13 Mitgliedern (Familien und Singles, davon zwei bzw. drei Kinder) als kleine Projekte anzusehen. Beide befinden sich in ländlicher Lage und existieren seit 1985 bzw. 1982. In beiden Gemeinschaftsprojekten werden Tiere gehalten, dazu zählen Hühner, Meerschweinchen, Kaninchen, Hamster, Fische und eine Katze.
     
Beide Projekte versuchen, den christlichen Glauben im Alltag zu leben. Die Emmaus Gemeinschaft strebt dieses Ziel besonders im Sozialen an: Sie hilft Menschen in Notsituationen, nimmt sie auf und lässt sie am gemeinsamen Leben und Arbeiten teilhaben. Alle Mitglieder arbeiten innerhalb des Gemeinschaftsprojektes und nehmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein. Entscheidungen werden in der Regel von den Mitgliedern getroffen, welche die daraus folgenden Konsequenzen auch mittragen können. Gemeinsame Freizeitgestaltung und regelmäßige Treffen aller Emmaus Gemeinschaften sind ebenfalls Teil ihrer sozialen Ausrichtung.
     
Die Sozietät Herrnhaag gibt hingegen spirituellen Ritualen einen größeren Raum. Neben einer Morgenandacht gibt es weitere Andachtsformen, Gesprächsangebote und gemeinsames Singen. Ihre soziale Orientierung wird durch die Offenheit nach außen deutlich, die sich in der Aufnahme von Gästen, die (für eine begrenzte Zeit) den Wunsch nach gemeinschaftlichem Leben haben, widerspiegelt. Darüber hinaus sollen innerhalb des Gemeinschaftsprojektes Klassenunterschiede aufgehoben werden. Ein regelmäßiges gemeinsames Mittagessen, das Konsensprinzip bei wichtigen Entscheidungen sowie Tages- und Wochenbesprechungen unterstützen das soziale Miteinander.
     
Ausgehend von den strukturellen Voraussetzungen und den Ausrichtungen beider Gemeinschaftsprojekte kristallisiert sich ein Muster mit ähnlichen Zielsetzungen heraus. Es gibt zwar kleine Nuancen in den Alltagsstrukturen, doch verändern sie den Gesamtcharakter nur geringfügig. Auffällig ist bei beiden Projekten die große Bereitschaft, regelmäßig Gäste bzw. Menschen in Not aufzunehmen.
     
Das Antinous Diamond Lotos Tantra Center ist beispielhaft für das dritte Muster des spirituell-sozialen Typs. Zehn Erwachsene und zwei Kinder wohnen in einem Haus mit 850 m2 Wohnfläche und einem kleinen Garten zur Miete (Großstadt). Es gibt dort Singles, hetero- und homosexuelle Paare sowie Mehrfachbeziehungen. Die Wohnräume sind durchschnittlich mit drei Bettplätzen ausgestattet, Einzelzimmer gibt es nicht. Als Haustier gehört ein Hund zur Gemeinschaft.
     
Grundlegend für die Spiritualität des Projektes sind die zwölf Regeln des Diamond Lotos Tantra, zu denen u.a. Freiwilligkeit, Anerkennung, Rede, Wahrheit, Verschwiegenheit, Zeit, RisikoBewusstsein und Reinheit gehören. Neben gemeinsamen Ritualen (morgendliches Yoga und Zen-Sitzen, Tantra-Yoga, Meditation, Vollmondritual) besteht die Möglichkeit der Mitarbeit an Tantra-Workshops bis hin zu einer komplexen Tantra-Ausbildung. Die Sicherung der Existenzgrundlage durch eine Heilpraxis, eine Massagepraxis, Therapieräume, Gruppenräume und eine Yoga-Dojo-Sauna ist ebenfalls stark spirituell orientiert. Die gemeinsamen Mahlzeiten werden unter Berücksichtigung des Yin-Yang-Prinzips auf dem Boden sitzend an einem großen flachen Rundtisch eingenommen.
     
Aus der spirituellen Grundhaltung ergeben sich die Regeln des sozialen Zusammenlebens. Zu den sozialen Leitideen von Antinous Diamond Lotos Tantra Center zählen Loyalität und soziale Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber (gemeinsame Verantwortung und Haftung), soziale Absicherung jedes Einzelnen durch alle, Verbot von Gewalt, Aufhebung der Geschlechterrollen, freie Sexualität, rotierende Hausdienste, Kindererziehung durch alle Gemeinschaftsmitglieder und ein verständnisvoller Umgang mit Eifersucht. Die gemeinsame Arbeit auf freiberuflicher Basis verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen Mitglieder ebenso wie die zwei gemeinsamen Mahlzeiten pro Tag. Der Verzicht auf Privatbesitz und die internen Männer- und Frauenabende einmal wöchentlich stärken den sozialen Zusammenhalt.
     
Das enge Zusammenleben der Gemeinschaftsmitglieder hängt mit ihrer spirituellen und sozialen Einstellung zusammen. Kein Mitglied hat eine private Rückzugsmöglichkeit wie z.B. ein eigenes Zimmer - trotzdem scheint dieses menschliche Grundbedürfnis aber niemand zu vermissen. Dass sich das Projekt in einer Großstadt wie Berlin befindet, begünstigt das Betreiben der Heil- und Massagepraxen, die von Außenstehenden aufgesucht werden.
     
In allen drei Mustern des spirituell-sozialen Typs bildet die spirituelle Lebensausrichtung die Grundlage für den Zusammenhalt. Die Art der Gemeinschaftsorientierung ist als direkte Folge der jeweiligen spirituellen Grundhaltung anzusehen.

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