3. Deutsche Gemeinschaftsprojekte
3.1 Grundlagen der Erhebung
Zwischen
Sommer 1997 und Frühling 1999 wurde für das Umweltforum der Universität
GH Essen eine zweistufige Studie über deutsche Gemeinschaftsprojekte
durchgeführt. Das Kerninteresse bestand weniger in der vollständigen
Ermittlung aller Projekte, als vielmehr darin, das Spektrum ihrer Ausprägungen
und ihre zukunftsfähigen Elemente zu erfassen. In
Stufe 1 haben wir zunächst einen Fragebogen angefertigt, der sowohl
Fragen zu strukturellen Voraussetzungen (etwa Größe/Gelände) als auch
zu konzeptionellen Zielsetzungen (Grundsätze) und deren Umsetzungen
(etwa Aktivitäten, Arbeits-, Entscheidungs- und Finanzstrukturen, Ernährungsgewohnheiten)
umfasst. Der Fragebogen wurde Anfang Juli 1997 an 107 Gemeinschaftsprojekte
- sämtliche im Projekteführer 1997/98[30] aufgeführten
deutsche Projekte mit mehr als fünf Mitgliedern - verschickt.
Von
den angeschriebenen 107 haben 37 Projekte auf den Fragebogen reagiert.
Davon konnten 19 Rückmeldungen ausgewertet werden (sie sind unter 4.2
tabellarisch aufgeführt). Für die Auswahl waren zum einen die Detailgenauigkeit
und Seriösität der Angaben entscheidend, zum anderen das Bestreben,
möglichst verschiedenartige Projektprofile zu ermitteln, um die volle
Spannbreite der Projektdesigns zu dokumentieren. Die 19 dargestellten
Projekte vermitteln ein Bild der derzeitigen Situation von Gemeinschaftsprojekten
im deutschen Raum. Vermutlich gehören sie zu den kommunikationsfreudigsten
und kooperativsten, evtl. auch am besten organisierten Projekten. Inwieweit
diese Projektauswahl, der vermutlich etwa jedes sechste deutsche Projekt
angehört, allerdings die gesamte Landschaft der Gemeinschaftsprojekte
in Deutschland repräsentativ wiedergibt, ist nicht abschließend geklärt.
Sowohl die von EUROTOPIA nicht erfassten Gemeinschaftsprojekte als auch
die Nicht-Beantworter des Fragebogens lassen hier Fragen offen. Häufig
wurden die Bögen nur von einem Projektmitglied ausgefüllt, so dass die
Angaben nicht unbedingt den Ansichten und Stimmungen aller Mitglieder
entsprechen müssen.
In
Stufe 2 haben wir im Frühling 1999 die von uns erstellten tabellarischen
Projektdarstellungen an die Gemeinschaften versandt. Mitglieder der
Projekte haben die Tabellen überprüft und ggfs. geringfügig korrigiert
zurückgeschickt, so dass es möglich wurde, sie zu aktualisieren und
das Ausmaß der zwischenzeitlichen Veränderungen festzustellen. Alle
tabellarischen Darstellungen - bis auf jene der Connection Medien
GmbH, des ANTINOUS Diamond Lotos Tantra Center und der Sozietät
Herrnhag, die in der sozusagen zweiten Runde" nicht geantwortet
haben - beruhen also auf Eigenangaben der Gemeinschaftsprojekte und
spiegeln insofern ihre Selbstsicht wider.
Wie
nicht anders zu erwarten war, ergab die Studie, dass sich Gemeinschaftsprojekte
in Deutschland in konzeptioneller und strukureller Hinsicht beträchtlich
voneinander unterscheiden. Dies wollen wir im Folgenden näher erläutern.
Einzelne Projekte werden in Bezug auf Gemeinsamkeiten und Spezifika
miteinander verglichen und in drei Schritten - über die Analyse von
Ausrichtungen, Typen und Mustern - systematisch
dargestellt (siehe Abb. 1).
Ausrichtungen
nennen wir programmatische Anliegen und Alltagskonzepte. Die Mitglieder
von Gemeinschaftsprojekten richten ihr Zusammenleben bewusst gemäß bestimmter
Leitideen aus. In Bezug auf zukunftsfähige Ansätze und Entwicklungen
sind insbesondere 5 Ausrichtungen von Gemeinschaftsprojekten bedeutsam:
die ökologische, soziale, spirituelle, kulturelle und ökonomische Ausrichtung.
Typen
von Gemeinschaftsprojekten nennen wir Projektgruppen mit gleichen
Ausrichtungen. Gemeinschaftsprojekte können sich je nach Anzahl, Gewichtung
und Kombination ihrer Ausrichtungen voneinander unterscheiden. Diese
Studie erfasst Typen mit einer dominanten Ausrichtung bis zu
solchen mit dreien, die in unterschiedlicher Kombination und Gewichtung
(gleichwertig oder hierarchisiert) auftreten. Eine Auffächerung der
Projektelandschaft in verschiedene Typen gestattet einen Überblick über
die qualitative und quantitative Verteilung der Projekte. Dabei geht
es nicht darum, Stereotypen zu schaffen oder die Projekte gewissermaßen
etikettierend in Schubladen aufzuteilen. Natürlich sind die Projetprofile
nicht trennschaft und fließen in Philosophie und Praxis ineinander.
Vielmehr versuchen wir, gezielt die Vielfalt der Gemeinschaftsprojekte-Szene
herauszustellen und gerade auch für Außenstehende deutlich machen. Für
die Charakterisierung der Projekte in bestimmte Typen, die sich nicht
in allen Fällen mit den genannten Leitideen deckt, sind die Autoren
verantwortlich.
Und
Muster von Gemeinschaftsprojekten nennen wir Ausprägungsformen
von Projekten mit einem nicht nur konzeptionell, sondern auch strukturell
weitgehend homogenen Erscheinungsbild. Projekte, die ähnlich ausgerichtet
sind und folglich dem gleichen Typ angehören, können sich bei verschiedenen
Infrastrukturen (etwa Mitgliederzahl, Stadt-/Landgelände) sehr stark
voneinander unterscheiden. Deshalb ist es hilfreich, die Projekttypen
nach strukturellen Kriterien in Projektdesigns mit ähnlicher Ausrichtung,
Lokal-Struktur, Größe, Lebensweise etc. weiter auszudifferenzieren.
Muster von Gemeinschaftsprojekten helfen, konzeptionelle und strukturelle
Verflechtungen zu erkennen, um die Artenvielfalt der Projektlandschaft
qualitativ und quantitativ besser zu erfassen. Bei mehr erfassten Projekten
wäre auch eine Zunahme der Muster zu erwarten.
30 EUROTOPIA 1997.
Der Projektführer umfaßt 365 europäische Projekte, darunter
127 in Deutschland.