Leben in einer Gemeinschaft mit Toleranz und Offenheit

5.3 Der Lebensgarten Steyerberg - eine sozial-ökologische Gemeinschaft

Lebensgarten Steyerberg
© ABACUS-Michelsteiner

Ein Portrait

Im Jahr 1985 kauft die Berliner Erbengemeinschaft Benzin (eine Mutter und ihre beiden Söhne) das leerstehende und verfallene Reihenhausgelände einer ehemaligen Rüstungsarbeitersiedlung aus dem 2. Weltkrieg. Ihre ursprüngliche Absicht, dort eine Ferienhaussiedlung zu errichten, wird bald hinfällig: Durch einen Besuch in Findhorn wird der ältere Sohn inspiriert, ein ähnliches Gemeinschaftsprojekt zu gründen. Seine Vision ist eine Lebensgemeinschaft voller Phantasie und Toleranz, in der Gurus oder Hierarchien keine Rolle spielen. Potentielle und willige Mitgründer werden durch Anzeigen in vielen Tageszeitungen von Bremen bis Berlin gesucht und gefunden. So dass im Jahr 1986 der Verein Lebensgarten Steyerberg e.V. gegründet wird, der seither zu den herausragenden deutschen Eco-villages gehört. Es ist ein einziger Wunsch, der die „Lebensgärtner" miteinander verbindet: Sie alle wollen in einer Gemeinschaft leben, von der sie Stärke, Rückhalt und Geborgenheit bekommen und in der sie die Chance haben, Frieden mit sich selbst, den Mitmenschen, den Andersdenkenden und der Natur zu schließen.
     
Heute gehören dem Lebensgarten etwa 90 Erwachsene und 51 Kinder aus den verschiedensten Ländern und gesellschaftlichen Milieus an. Es gibt Singles, Paare, Familien und unterschiedlich große Wohngemeinschaften. Zusätzlich zu den festen Mitgliedern nehmen Anwärter im Probejahr und Langzeitgäste am gemeinschaftlichen Leben teil. Auch einige Menschen, die nicht zum Lebensgarten gehören, wohnen auf dem Gelände, weil sie dort schon vor der Gemeinschaftsgründung zuhause waren. Der Wohnraum wird sehr unterschiedlich und individuell gestaltet. Hauptsächlich stehen Reihenhäuser mit einer Wohnfläche von 92 m2 inklusive ausbaufähigem Dachboden zur Verfügung, in denen je nach Bedürfnis, finanziellen Möglichkeiten und Familienstand bis zu fünf Personen leben. Einige Mitglieder wohnen auch außerhalb des Geländes in einem eigenen Haus oder auf dem Permakulturacker in einem Bauwagen. Schließlich gibt es im Seminarhaus noch eine Hausmeisterwohnung. Die Gebäude waren bei der Übernahme der Siedlung fast durchgehend in einem miserablen Zustand, so dass eine Renovierung fast aller Häuser notwendig war.
     
Das Gelände des Lebensgartens ist ca. vier Hektar groß und liegt am Rand des Dorfes Steyerberg. Das Hauptgebäude wird von allen Mitgliedern genutzt und besteht aus einem Ost- und einem Westflügel. Während der Ostflügel zur Zeit noch renoviert wird, befinden sich im Westflügel (840 qm Nutzfläche) ein Buchladen, eine Food-Coop, ein Schmucklädchen, drei Büros, ein großer und zwei kleine Meditationsräume, zwei Seminarräume, zwei Kindergruppenräume, eine Seminarküche, drei Essräume, ein Wohnzimmer, ein Kreativraum und ein Jugendraum. Zu den weiteren Gemeinschaftsgebäuden zählen eine große Mehrzweckhalle, eine Kapelle, ein Café und ein Aufenthaltsraum für Gäste. Ein Seminarhaus, insgesamt 43 Reihenhauswohnungen und die zwei freistehenden Häuser, in denen sowohl gewohnt als auch gearbeitet wird (biologischer Baustoffhandel, Naturheilpraxis), bieten genügend Wohnraum für Mitglieder und Gäste. Tiere werden im Lebensgarten nur privat gehalten: Es gibt hier vier Pferde, ebenso viele Hunde und diverse Katzen.

Der Lebensgarten liegt vom Dorfkern recht weit entfernt, so dass der Kontakt zu den Menschen in der Umgebung nicht sehr eng ist. Trotzdem oder gerade deswegen sind Gäste zu kulturellen Veranstaltungen aber herzlich eingeladen und Ausstellungen und Konzert- oder Theateraufführungen sollen in Zukunft sogar in größerem Umfang stattfinden. Durch den Seminarbetrieb, der das ganze Jahr über läuft, ergibt sich ein reger Austausch mit anderen Menschen.
     
Im Gegensatz zu kleineren Gemeinschaftsprojekten ist es im Lebensgarten sehr schwierig, den Alltag mit allen gemeinsam zu verbringen. Deshalb sollen täglich feststehende Terminangebote das Gemeinschaftsgefühl stärken und mit Leben füllen: Morgens um 630 Uhr findet eine stille Meditation statt und im Anschluss daran besteht um 730 Uhr eine Stunde lang die Gelegenheit, gemeinsam in der Kapelle zu singen. Besonders beliebt sind hier Kanongesänge aus unterschiedlichen Kulturen (und in mehreren Sprachen). Um 830 Uhr werden auf dem großen Gemeinschaftsplatz ca. eine halbe Stunde lang Kreistänze getanzt. Des weiteren wird eine dynamische Meditation von 700 - 800 Uhr angeboten. An diesen gemeinschaftlichen Aktivitäten können aus zeitlichen Gründen oft nur diejenigen teilnehmen, die keinen Beruf außerhalb der Gemeinschaft ausüben.
     
Regelmäßige Feste finden im Sommer (Sommerfest), zu Ostern, zu Weihnachten und am Sylvesterabend statt. Dabei helfen die meisten Mitglieder bei der Vorbereitung und Durchführung der Feierlichkeiten mit. Kunstausstellungen, Konzerte, Theatervorführungen etc. gehören eher noch zu den unregelmäßigen und spontanen Veranstaltungen des Lebensgartens. Für den Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinschaftsprojekten sorgt u.a. Declan Kennedy in seiner Funktion als Kontaktperson des Eco-Village European Network (EVEN). EVEN ist Teil des Global Eco-Village Network (GEN), einer Organisation, die weltweit durch drei regionale Netzwerke und kleinere Organisationen vertreten wird und 1994 ins Leben gerufen wurde, um zukunftsfähige Entwicklung (beispielsweise in Form von Öko-Dörfern) und die Umsetzung der lokalen Agenda 21 zu unterstützen. Zudem kann der Lebensgarten auf dem Gebiet der Konfliktlösung (Mediation) auch internationale Erfolge (z.B. im Jugoslawien-Konfikt) nachweisen. Die Mediation als ein Modell der Konfliktbewältigung wurde im Lebensgarten verankert und mittlerweile gibt es dort die Schule für Verständigung und Mediation, die u.a. zu Konfliktlösungen in Partnerschaften, Familien und Betrieben beiträgt und in der auch Mediatoren ausbildet werden.
     
Nicht zuletzt aufgrund der großen Mitgliederzahl hat sich eine gut durchdachte Struktur für die organisatorischen Belange des Lebensgartens entwickelt. In regelmäßigen Abständen finden Mitgliederversammlungen statt, für die der Vorstand die Probleme und Themen teilweise vorbereitet, in Aushängen bekanntgibt und den bei der Versammlung anwesenden Projektmitgliedern vorstellt. Diese entscheiden dann nach dem Konsensprinzip, bei weniger wichtigen Dingen wird eine Abweichung von etwa 1/5 toleriert. Die Seminarleiter haben eigene Seminarleitertreffen, bei denen Entscheidungen bezüglich der Seminare gefällt werden. In besonders dringenden Angelegenheiten können Vorstand oder Seminarleitersprecher kleinere Entscheidungen auch in eigener Verantwortung beschließen.
     
Die „Lebensgärtner" haben keine gemeinsame Kasse, sie sind also für ihre laufenden Kosten (Miete, Nebenkosten, Nahrung, Kleidung etc.) selbst verantwortlich. Darüber hinaus zahlen sie einen monatlichen Beitrag von 50,- DM an den Verein. Aus dieser Vereinskasse werden dann die Kosten für Gemeinschaftsangelegenheiten und -gebäude beglichen. Die Anwärter im Probejahr müssen tiefer in die Tasche greifen: Sie zahlen den doppelten Monatsbetrag. Ein Teil der Seminarerträge fließt ebenfalls in die Vereinskasse (Übernachtung, Verpflegung, Raummiete etc.), der Rest ist Verdienst der Seminarleiter. Neben den Vereinsbeiträgen bekommt der Lebensgarten noch (einmalige) Spenden, z.B. über die EXPO 2000 oder auch von der IKEA-Stiftung.
     
Da die Existenzgrundlage der Gemeinschaftsmitglieder nicht durch eine gemeinsame Kasse gesichert ist, haben viele von ihnen eine Arbeitsstelle außerhalb der Gemeinschaft (z.B. als Ergotherapeutin, Professorin, Psychologe oder Krankenschwester). Aber auch auf dem Gelände selbst haben sich Mitglieder einen Arbeitsplatz geschaffen: Da ist das Fachgeschäft für biologische Baustoffe, der Buchladen, die Schule für Mediation, die betriebliche Umweltberatung, das ökologische Architektur- und Planungsbüro sowie eine Praxis für Ergotherapie eingerichtet, um nur einige zu nennen. Der umfangreiche Seminarbetrieb findet sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gemeinschaft statt.

Für die Seminargäste wird in der Gemeinschaftsküche eine vollwertige Nahrung angeboten. Projektmitglieder haben die Möglichkeit, für einen ermäßigten Preis dort mitzuessen. Ansonsten gibt es keine festgelegten Gemeinschaftsmahlzeiten. Jeder isst entweder für sich oder verabredet sich zu einem gemeinsamen Essen mit anderen „Lebensgärtnern". Verbreitet - jedoch nicht verbindlich - ist eine vegetarische Ernährung. Auf dem Permakulturacker wird von einem Gemeinschaftsmitglied eine weitgehende Selbstversorgung bei Gemüse erwirtschaftet, darüber hinaus ziehen einige andere Mitglieder in ihrem Garten Tomaten, Erbsen etc..
     
Im Gegensatz zu vielen kleinen Gemeinschaftsprojekten ist es im Lebensgarten durchaus möglich, einen sehr privaten Alltag zu leben. Jeder kann sich auch für einen längeren Zeitraum aus der Gemeinschaft zurückziehen. Es besteht also keine Gefahr, dass sich ein Mitglied für die Gemeinschaft "aufopfern" muss. Weil das gemeinschaftliche Zusammenleben ein Kernmotiv der Mitglieder ist und auch eine große Gemeinschaft nicht beliebig lange auf das aktive Dabei-Sein der einzelnen Mitglieder verzichten kann, ist es wichtig, dass jeder selbst dafür sorgt, in die Gemeinschaft integriert zu sein. Der freundschaftliche und unverkrampfte Umgang, den die Mitglieder untereinander pflegen, hilft hierbei gerade auch denjenigen, die von sich aus nicht leicht auf andere Menschen zugehen. Ansonsten unterstützt die Gemeinschaft die einzelnen Mitglieder darin, ihren durch individuelle Vorstellungen geprägten Lebensstil konsequent zu verfolgen. Das führt allerdings auch dazu, dass Individuen ihre Marotten stärker ausleben können. Auf der einen Seite stellt die Gemeinschaft also für ihre Mitglieder so etwas wie einen Schutzraum (vor der Gesellschaft) dar. Andererseits steht dem jedoch das Bedürfnis gegenüber, die Leitideen der Gemeinschaft auch nach außen zu tragen – so dass es ständig gilt, eine Balance zu finden zwischen dem privaten Gemeinschaftsleben und dem öffentlichen Vorbildcharakter.


Zukunftsfähige Elemente

Abbildung 7

Abb. 7: Modell der Motivations- und Bedürfnisräume des Lebensgarten Steyerberg

Aus dem Motivations- und Bedürfnismodell (Abb. 7) ist zu ersehen, dass im Lebensgarten Steyerberg überwiegend die soziale und die ökologische Ausrichtung und weniger die spirituelle Ausrichtung den Alltag bestimmen. Dies wird in dem besonders ausgeprägten Bindungs- und Selbstwertbedürfnis der Gemeinschaftsmitglieder deutlich, und auch das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung scheint stärker ausgelebt zu werden als die übrigen Bedürfnisse. Die dominanten Ausrichtungen färben auf den Bezug zur sozialen Mitwelt, zu (Tele-)Kommunikation, Mobilität, Unterhaltung, Arbeit und Freizeit ab. Wieso ist nun gerade der Lebensgarten ein Modell für zukunftsfähige Entwicklung und welche zukunftsfähigen Elemente treten hier hervor?
     
Als Wohnprojekt hat sich der Lebensgarten vor allem als Beispiel für eine neue und praktikable Form des Zusammenlebens entwickelt. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Verbindung zu anderen Menschen, der Wunsch, zu lieben und geliebt zu werden, das Gefühl, etwas wert zu sein und von anderen für kompetent gehalten und anerkannt zu werden und nicht zuletzt das Verlangen, einer anonymen Gesellschaft, möglicherweise einer zuvor erlebten städtischen Isolation zu entkommen: all dies sind Gründe und Motivationen der einzelnen Projektmitglieder, ihr Leben (oder einen Teil ihres Lebens) im Lebensgarten zu verbringen. Natürlich haben nicht alle Mitglieder den gleichen intensiven Kontakt zueinander, aber alle kennen sich namentlich. Schon allein dies führt zu einem höheren Maß an Verbindlichkeit und Solidarität den Mitmenschen gegenüber. Die Bereitschaft, anderen zu helfen, sei es bei der Kinderbetreuung, bei Arbeiten am Haus, bei Krankheiten oder auch bei Problemen älterer Mitglieder, ist sehr groß. Auch Arbeiten für die Gemeinschaft, beispielsweise bei Festen oder Renovierungen, werden geteilt, obwohl es wie in jeder größeren Gruppe auch hier einige gibt, die sich mehr als andere einsetzen.

Lebensgarten Steyerberg

Insbesondere die Schwächeren – Kinder, alte und behinderte Menschen - genießen die Vorteile gemeinschaftlichen Lebens. Beispielsweise können Kinder mit Gleichaltrigen im Freien spielen, ohne dass sich ihre Eltern Sorgen machen müssen. Durch die große Kinderschar erwächst eine ausgeprägte Gruppenbildung. Einerseits fühlen sie sich dadurch stärker, andererseits wird ihnen aber auch der Sinn von Gemeinschaft vermittelt. Alte und behinderte Menschen erfahren durch die anderen Mitglieder Zuneigung, werden in die Gemeinschaft mit einbezogen, um Rat gebeten, je nach persönlicher Lage auch in Aufgaben eingespannt und fühlen sich dadurch nicht ungebraucht. Das Vertrauen in die anderen Mitglieder ist nur deshalb so groß, weil die Nachbarschaft nicht allein aus räumlicher Nähe, sondern vielmehr aus dem gemeinsamen Geist begründet ist.
     
Die privaten Beziehungen zwischen den Gemeinschaftsmitgliedern sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Geht ein Paar auseinander, so gibt die Gemeinschaft beiden das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie eröffnet beiden die Chance, ein neues Leben innerhalb des Lebensgartens aufzubauen. Da alle Beteiligten nach wie vor nah beieinander wohnen, können Kinder auf diese Weise weiterhin von beiden Elternteilen erzogen werden und erleben den Trennungsschmerz weniger stark. Konflikte innerhalb einer Familie oder zwischen Gemeinschaftsmitgliedern können durch eine Mediation behandelt werden.
     
Durch die Größe und Infrastruktur des Lebensgartens - Teile des Geländes sind für den Autoverkehr gesperrt - haben die Gemeinschaftsmitglieder zahlreiche Möglichkeiten, ihre Freizeit zusammen mit anderen „Lebensgärtnern" zu gestalten. Es müssen also keine weiten Strecken zurückgelegt werden, um z.B. Freunde zu besuchen oder andere Freizeitaktivitäten möglich zu machen (eine alternative Raum- und Zeitnutzung ist also denkbar und wird auch in vielen Bereichen realisiert). An diesem Beispiel wird deutlich, dass die soziale Ausrichtung in vielen Punkten von der ökologischen berührt wird, ja dass sich beide hier sogar durchdringen. Durch einen hohen Bindungsgrad und ein gestärktes Selbstwertgefühl, durch einen bewussten Bezug zur sozialen und zur inneren Mitwelt also, sind die Menschen im Lebensgarten viel freier, auch einen engen Bezug zur natürlichen Mitwelt aufzubauen. Die meisten Gemeinschaftsmitglieder versuchen deshalb, ihren Alltag soweit wie möglich nach ökologischen Prinzipien zu gestalten, also ökologisch zu leben, arbeiten, bauen und essen. Zu den ökologischen Innovationen gehören u.a. Anlehngewächshäuser, Solarstrom- und Solarwarmwasseranlagen, zwei Solarautos mitsamt Tankstelle, ein Blockheizkraftwerk mit einer Dauerausstellung zum Thema „Energie und Umwelt" (Demonstrationsprojekt im Rahmen einer IKEA-Stiftung) sowie eine Car-sharing-Gruppe. Auch der biologische Baustoffhandel, die betriebliche Umweltberatung und das ökologische Architektur- und Planungsbüro zeigen Möglichkeiten für ökologische Arbeitsweisen auf. Als Mitbegründer des Permakultur-Instituts Deutschland und als Teilnehmer am „EG Passiv-Solar-Forschungsprojekt Building 2000" gilt der Lebensgarten auch in der Öffentlichkeit als kompetenter Verfechter ökologischer Prinzipien.
     
Die „Lebensgärtner" wissen um ihre Chancen. Sie können ökologische Ideen und Gedanken in einer Gemeinschaft leichter umsetzen als in Kleinfamilien oder Single-Haushalten. Bei den Renovierungen in der Aufbauphase des Eco-village wurde bereits darauf geachtet, nach baubiologischen Prinzipien zu arbeiten, obwohl es damals kaum Erfahrungen in diesem Bereich gab. Um Kosten zu sparen, waren die Projektmitglieder darauf angewiesen, weitestgehend Eigenarbeit zu leisten. Die Beschaffung der notwendigen Baumaterialien bildete übrigens die Basis zur späteren Gründung des biologischen Baustoffhandels. Im Bebauungsplan wurde recht schnell mit der Gemeinde vereinbart, Komposttoiletten und Regenwassersammelanlagen zu installieren. Allerdings wurden bislang nur in einem Privathaus und auf dem Gelände des Permakultur-Projektes je eine Komposttoilette eingebaut. Größeren Erfolg hatte das Konzept für die Regenwassersammelanlagen: mehrere dieser Anlagen sind bereits in das Gelände des Lebensgartens integriert worden.
     
Ein weiteres Beispiel für die Umsetzung ökologischer Leitideen sind der Car-Pool und die beiden Solarmobile. Bislang haben sich fünfzehn Gemeinschaftsmitglieder zu einer privaten Auto-Gemeinschaft zusammengeschlossen und sich fünf sparsame Fahrzeuge angeschafft, die sie nun gemeinsam nutzen. Ein Elektroauto und ein Trabbi wurden zu Solarautos umgebaut und zunächst durch Solarpanelen auf dem Dach des Fahrzeugs gespeist. Mit Hilfe einer Förderung des Bundesforschungsministeriums konnte später die 10 qm große Solartankstelle auf dem Dach des Westflügels errichtet werden. Stehen die Solarautos auf dem Parkplatz, werden ihre Batterien über die Solaranlage aufgeladen; sind sie unterwegs, so wird der gewonnene Strom ins Netz eingespeist.
     
Das Permakultur-Institut Deutschland, welches 1985 im Lebensgarten gegründet und mittlerweile dezentralisiert wurde, zeigt ebenfalls das ökologische Anliegen. Permakultur ist die Abkürzung von „permanent agriculture" und wurde vom Australier Bill Mollison als Konzept zur Selbstversorgung entwickelt. Dabei wird bei minimalem Einsatz von Technologie verstärkt auf das traditionelle Wissen im Gartenbau zurückgegriffen und eine jeweils optimale saisonale Nutzung der vorhandenen Ressourcen eines Geländes erreicht. Auch heute wird diese Konzept noch in einem Permakultur-Projekt angewandt und in Seminaren weitervermittelt.

Wie unser Modell zeigt, setzen die „Lebensgärtner" ihre ökologische Ausrichtung hauptsächlich bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen um und integrieren sie auf diese Weise in ihren Alltag. Wie schon in Findhorn wird der ökologische Lebensstil auch im Lebensgarten mit Spiritualität verbunden - allerdings nicht als grundsätzliches Element. Denn nicht jedes Gemeinschaftsmitglied empfindet eine spirituelle Grundhaltung als wichtig. Die gegenseitige Toleranz und Offenheit der Mitglieder untereinander ermöglicht sowohl die persönliche Ablehnung als die individuelle Entfaltung von Spiritualität. Verschiedene Meditationsformen, Rituale in der Schwitzhütte, Tänze und das Singen in der Kapelle geben jedem „Lebensgärtner" die Möglichkeit, seinen spirituellen Weg zu gehen, ohne einer verbindlichen Richtung folgen zu müssen. Diese spirituelle Heterogenität wird auch in den verschiedenen Seminar- und Veranstaltungsangeboten und in der Gestaltung der Kapelle deutlich - auf dem Altar stehen viele Bilder und Skulpturen von Meistern und Heiligen verschiedener Religionen.
     
Die „Lebensgärtner" selbst empfinden das Zusammenleben mit Menschen, die über unterschiedlichste Lebensphilosophien und Sichtweisen verfügen, als anregend und spannend. Denn das Leben wird als ein Entwicklungsprozeß gesehen, der die Mitglieder zum ständigen Austausch von Meinungen und Gefühlen herausfordert. Als Zielbestimmung des Menschen wird ein Leben in Harmonie mit sich selbst (innere Ruhe) und der Mitwelt (Mitmenschen und äußere Natur) angestrebt. Das kann gelingen, wenn jeder seine individuellen Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringt und so den synergetischen Prozess, der durch den Zusammenfluss unterschiedlicher Energien ensteht, in Bewegung hält und nährt.

Prometheus Online

zurück
Inhalt
Diskutieren
weiter


zurück   Inhalt   Diskutieren   weiter

 
© Prometheus Online 2000