Ein Ort der Kultur und des Verstehens

5.5 Die Ufa-Fabrik - eine kulturell-öko-soziale Gemeinschaft

Ufa-Fabrik

Ein Portrait

Im Jahr 1976 entwickelt sich in den Köpfen von 17 Menschen die Idee eines Treffpunktes, an dem es für Jung und Alt ein vielfältiges Freizeitangebot geben soll: Der Verein „Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk" wird in Berlin-Schöneberg gegründet. Alle 17 Projektgründer leben und arbeiten zusammen - ein erster Schritt in Richtung Gemeinschaftsprojekt ist getan. Doch gibt es noch offene Wünsche. 1978 bewegt das Umweltfestival mit dem Topos „Umdenken - Umschwenken" viele von ihnen zur Suche nach einem Ort, an dem ein ganzheitliches Lebensmodell verwirklicht werden kann. Sie trommeln Freunde und Bekannte zusammen, denn für ihr Vorhaben brauchen sie eine große Gruppe: durch eine „friedliche Inbetriebnahme" gilt es 1979, das vom Abriss bedrohte Ufa-Filmgelände mit mehr als 100 Menschen in Beschlag zu nehmen. Getreu dem Motto: „In einer Stunde der Tat liegt mehr Wirklichkeit als in dem Gerede von Jahren" soll hier ein umfassendes Arbeits- und Lebensprojekt entwickelt werden.
     
Vom ersten Tage an werden Freunde, Besucher und auch die Presse auf einem Transparent mit der Aufschrift „Herzlich willkommen" begrüßt und ermuntert, sich von den Ideen der neuen Kommunität ein Bild zu machen. Diese Offenheit nach außen ist einer der Gründe dafür, dass die mitten in Berlin gelegene Ufa-Fabrik seit Anbeginn überwiegend gute Resonanz aus der Umgebung bekommt und zu dem werden konnte, was sie heute ist: ein internationales Kulturzentrum.
     
Heute leben in der Kommune 50 Menschen, unter ihnen sind etwa 35 erwerbsfähige Erwachsene und 15 Kinder. Der Senior ist mittlerweile 92 Jahre alt. Die Arten des Zusammenlebens sind so unterschiedlich, wie die Menschen selbst: Es gibt Familien, Singles und hetero- und homosexuelle Paare, wobei die jeweiligen Partner teilweise auch außerhalb der Ufa-Fabrik wohnen. Für neue Mitglieder ist die Ufa-Fabrik jederzeit offen, in der Regel entscheiden sich diese nach einer längeren Phase des Kennenlernens (etwa 1-2 Jahre) für das Leben in der Kommune. Tatsächlich gibt es dort nur eine sehr geringe Fluktuation, da die einzelnen Projektmitglieder stark in den Lebens- und Arbeitsalltag eingebunden sind. Fünf große Wohnbereiche, die zumeist mit Einzelzimmern ausgestattet sind und in denen die Bewohner jeweils gemeinsam Küche und Bad benutzen, wurden durch den Umbau der alten Filmfabrik geschaffen. Das Gelände ist an einen 33-jährigen Erbpachtvertrag gebunden und knapp 16.000 m2 groß. Durch die ökologischen Innovationen (Dachbegrünung, Recyclinghof, Regenwassernutzung durch Pflanzenkiesfilter etc.) hat die Ufa-Fabrik einen durchaus ländlichen Charakter gewonnen - eine grüne Oase inmitten der grauen großen Stadt.
     
Neben den Wohnbereichen gibt es zahlreiche weitere Gebäude und Einrichtungen in der Kommune: Das Informationsbüro, den Kinderbauernhof, das Dojo (Sportraum), die Freie Schule, den Naturkostladen, die Vollkornbäckerei, das Gästehaus, den Samba-Raum, Tanzräume, den Varieté-Salon, die Ökologie-Ausstellung, das Café Olé, die Solarcreperie, die Freilichtbühne, den großen Theatersaal, die Sommerbar, den Recyclinghof, Konferenzräume sowie feste Räumlichkeiten für den Pflegedienst, die Familienbildung und das NUSZ (Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum). Unabhängig vom Kinderbauernhof, zu dem heute mehr als 40 Tiere gehören (u.a. Schweine, Ponys, Gänse, Frettchen und Hühner), werden Katzen, Vögel (Volière) und zwei Hunde gehalten.

Durch die vielfältigen Angebote der Ufa-Fabrik, die von kulturellen Veranstaltungen, Seminaren, Workshops und Kursen über Kinderbetreuung, NUSZ und Kinderbauernhof bis zum Café und Naturkostladen reichen, findet ein reger Austausch mit den Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung statt. Jedes Jahr verzeichnet die Ufa-Fabrik mehr als 300.000 Besucher. Die sechs Jahrgangsstufen der Freien Schule - dabei handelt es sich um einen Verein, der von der Ufa-Fabrik seit 1979 die Räumlichkeiten mietet und wo etwa 50% der Schüler das Abitur machen - werden nicht nur von Kindern der Ufa-Fabrik, sondern auch von einigen aus der Umgebung besucht. Auch durch erfolgreiche ökologische Forschungsergebnisse ist die Kommune im Laufe ihres „zweiten Lebens" zu einem Aushängeschild der Stadt Berlin geworden.

Ufa-Fabrik

Das Leben in der Gemeinschaft wird immer wieder durch gemeinsame regelmäßige und unregelmäßige Veranstaltungen, Feste und andere Aktivitäten bereichert. Der Zirkus, die Samba-Band und das Jahresfest im Juni sind bereits feste Institutionen der Ufa-Fabrik geworden, ebenso die Feiern zu Weihnachten und Sylvester. Auch Geburtstage und Geburten sind willkommene Anlässe für größere oder kleinere Gemeinschaftsfeste. Der Austausch mit anderen Kommunen und Gemeinschaftsprojekten wird u.a. durch das jährliche Kommunetreffen und auch durch individuelle Kontakte gepflegt. Auf diesem Weg können neue Ideen entfacht und umgesetzt werden. Auch der Kontakt zu einem sozialen Großprojekt in Brasilien und zum Verein Trans Europe Nalles sorgt für weitere Anregungen und Träume.
     
Die Entscheidungsfindung in der Ufa-Fabrik hat sich den Entwicklungen der letzten Jahre angepasst. Während in den ersten Jahren sämtliche Entscheidungen nach dem Konsensprinzip in einer Vollversammlung getroffen wurden (und zwar nach Diskussionen und Gesprächen, die keiner zeitlichen Begrenzung unterlagen), werden heute nur noch wirklich wichtige Entscheidungen, die die ganze Gemeinschaft betreffen, im Plenum verhandelt. Allerdings haben auch heute noch alle 50 Gemeinschaftsmitglieder die Chance bzw. Verpflichtung, bei anstehenden Entscheidungen gemeinsam eine Lösung zu finden. Denn das Motto „Einigkeit ist unsere gemeinsame Stärke" gilt nach wie vor. Kleinere Entscheidungen werden mittlerweile untereinander abgesprochen, so dass das Plenum nicht mehr in regelmäßigen Abständen einberufen wird. Ein weiterer Treffpunkt für die gesamte Gemeinschaft ist das tägliche gemeinsame Mittagessen. Von den zwei Mahlzeiten, die in der Gemeinschaftsküche zubereitet werden, ist immer ein Gericht vegetarisch.
     
Es gibt in der Ufa-Fabrik zwar keine gemeinsame Kasse mehr, in die der gesamte Verdienst eingezahlt wird. Die monatlich anfallenden Kosten wie etwa Miete und Lebenshaltungskosten werden aber dennoch vom Dachverein Ufa-Fabrik verwaltet. Jede/r erwerbsfähige Erwachsene sollte monatlich einen festgelegten Betrag in die Vereinskasse einzahlen, so dass die Deckung der laufenden Kosten gesichert ist. Für den Fall, dass jemand zeitweilig nicht in der Lage ist, dieser Verpflichtung nachzukommen, springen andere Projektmitglieder ein. Spenden bekommt die Kommune nur selten und zumeist handelt es sich um einmalige Beträge. Der Theaterbetrieb „Internationales Kulturzentrum" erhält eine Sockelfinanzierung durch den Berliner Kultursenat. Diese Gelder sind jedoch mit Auflagen verbunden. Davon abgesehen, arbeiten die zehn verschiedenen Betriebe wirtschaftlich unabhängig voneinander.
    
 Bis auf eine Ausnahme sind alle Gemeinschaftsmitglieder in einem der Arbeitsbereiche der Ufa-Fabrik tätig. Zusätzlich sind noch weitere 90 Personen, die nicht Mitglieder der Kommune sind, in unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen angestellt (Vollzeit, Teilzeit, Aushilfe). Die einzelnen Menschen haben sich im Laufe der Zeit zwar größtenteils auf ihr Aufgabengebiet spezialisiert, es besteht aber trotzdem die Möglichkeit, nach Absprache den Arbeitsplatz zu wechseln oder sich für eine freiwerdende Stelle zu bewerben. Das Programmheft der Ufa-Fabrik beinhaltet ein buntes Angebot an unterschiedlichen Kursen (Sport, Tanz, Lesungen, Musik, Autogenes Training, Fasten etc.), die teilweise von Mitgliedern des Gemeinschaftsprojektes gehalten werden. Als weitere Finanzquellen werden Räumlichkeiten an fremde Künstler, Gesprächsrunden u.ä. vermietet.
     
Neben einem ausgefüllten Gemeinschaftsleben bietet die Ufa-Fabrik auch umfangreiche Möglichkeiten, einen privaten Alltag zu leben. Das eigene Zimmer gilt als privater Raum, so dass niemand das Gefühl hat, seine persönliche Individualität für die Gemeinschaft aufgeben zu müssen. Außerdem können die Projektmitglieder Berlins Freizeitangebote nutzen. Es gibt viele Freundschaften mit Menschen aus der Umgebung. Trotzdem bleibt jedes Kommunemitglied für den anderen mit verantwortlich. Das Bewusstsein, dass das eigene Glück bzw. die eigene Zufriedenheit auch vom Verhalten der anderen Gemeinschaftsmitglieder abhängig ist, scheint in der Ufa-Fabrik sehr ausgeprägt zu sein. Aus diesem Grund versucht jeder Einzelne, mit seinem persönlichen Alltagsverhalten dazu beizutragen, dass die Gemeinschaft gelingt.


Zukunftsfähige Elemente

Abbildung 9

Abb. 9: Modell der Motivations- und Bedürfnisräume der Ufa-Fabrik

In dem Motivations- und Bedürfnismodell (Abb. 9), das wir für die Ufa-Fabrik erarbeitet haben, spiegelt sich wider, dass die kulturelle und ökologische Ausrichtung, verbunden mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem Vorhandensein ästhetischer Bedürfnisse, zu den wichtigsten Leitmotiven der Projektmitglieder gehört. Dies wirkt sich auf die gesamte Bedürfnisstruktur der Gemeinschaftsmitglieder aus. Auch eine Gestaltung der Alltags- und Konsumbereiche macht deutlich, dass der kulturellen und der ökologischen Ausrichtung viel Platz eingeräumt wird. Kultur und Ökologie gelten in der Ufa-Fabrik als schöpferischer Umgang mit der Ekstase.
     
Sigrid Niemer, die seit der Gründung der Kommune zu den aktiven Mitgliedern gehört, meint: „Kultur ist dafür geschaffen, damit Menschen sich verstehen. Wenn es mal einen Streit zwischen Mitgliedern der Ufa-Fabrik gibt, spätestens, wenn sie zusammen auf der Bühne stehen, vertragen sie sich wieder." Deshalb sei es nicht notwendig, den Alltag des Gemeinschaftslebens durch explizite Regeln, Gebote oder Verbote zu bestimmen. Ein freundschaftlicher Umgang miteinander sorgt für ein ausgeglichenes Zusammenleben und bestärkt das gegenseitige Verantwortungsgefühl der Gemeinschaftsmitglieder untereinander.
     
Die kulturelle Ausrichtung - mitsamt den ausgeprägten Selbstverwirklichungsgedanken - ist ständig präsent: Als internationales Kulturzentrum bietet die Ufa-Fabrik einen ganzjährigen Spielbetrieb auf zwei und im Sommer auf drei Bühnen an. Jedes Gemeinschaftsmitglied hat Spaß und Interesse an wenigstens einer künstlerischen Tätigkeit, sei es am Spielen eines Instrumentes, an einer Beteiligung am Theater, im Varieté oder im Ufa-Circus. Kunst und Kultur spielen also im „zweiten Leben der Ufa-Fabrik" eine große Rolle. Nicht zuletzt brachte der Circus einen beachtlichen Teil der finanziellen Grundlage für die Weiterentwicklung des Gemeinschaftsprojektes ein. Durch die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen nutzen die Mitglieder der Kommune die Möglichkeit, ihr eigenes Potential auszuschöpfen, sich also selbst zu verwirklichen. Weil lange Strecken zu Freunden, Bekannten oder Verwandten entfallen, da ein großer Teil der Freizeit innerhalb des Ufa-Geländes verbracht wird, gehen Kultur und Ökologie auf diese Weise miteinander Hand in Hand.

Die Gemeinschaft strebt einen zukunftsfähigen Lebensstil an. Einen ausgeglichenen Umgang mit der natürlichen Mitwelt erreicht die Ufa-Fabrik durch unterschiedliche Maßnahmen und Regelungen: vernünftige Infrastruktur, Eigenstromerzeugung durch ein Blockheizkraftwerk, eine Solar- und Windkraftanlage, eine ökologische Renovierung und das Betreiben des Cafés, ökologische Wärmedämmung, computergesteuerte Regelung des Heizungssystems, das Trennen und Kompostieren von Müll und Abfällen sowie die Fassadenbepflanzung und Begrünung der Dächer. Auf umweltverträgliche Art erzeugt die Ufa-Fabrik mittlerweile so viel Eigenstrom, dass sogar ein verbleibender Überschuss an die Stadt verkauft werden kann. Eine permanente Öko-Ausstellung auf dem Ufa-Gelände sowie Seminare und Führungen dokumentieren die ökologischen Innovationen der Kommune. Wie bei anderen Gemeinschaftsprojekten spiegelt sich die ökologische Ausrichtung der Ufa-Fabrik jedoch auch in einer alternativen Bewertung der Grundbedürfnisse wider. Ansonsten sind die Motive, sich selbst zu verwirklichen und der Ordnung und Schönheit wesentlicher als die übrigen Motivations- und Bedürfnisstrukturen.
     
Die Entwicklung der Ufa-Fabrik zu einem breitgefächerten und unabhängigen Arbeits- und Dienstleistungsbetrieb zeigt, dass auch eine ökonomische Projektausrichtung einen zukunftsfähigen Lebensstil befördern kann. Die Schaffung von Arbeitsplätzen für jedes erwerbsfähige Projektmitglied, die Einrichtung eines Dachvereins, der die monatlichen Kosten bündelt und dafür sorgt, dass diese überschaubar bleiben, die Gewissheit, dass ein zeitweiliges finanzielles Problem eines Einzelnen für ihn keine existentielle Gefährdung darstellt, all dies sind erhebliche Vorteile eines ökonomisch unabhängigen Gemeinschaftsprojektes. Auch dem Bedürfnis nach Sicherheit und Ruhe, dem Wunsch nach einem Leben frei von Angst und anderen existenziellen Grundbedürfnissen der Gemeinschaftsmitglieder wird auf diese Weise Rechenschaft getragen. Durch die infrastrukturellen Bedingungen des Ufa-Geländes entfallen lange Wege zum/vom Arbeitsplatz, so dass die Freizeit nicht künstlich beschnitten wird und die ökologischen und ökonomischen Kosten für Transportmittel und deren Nutzung entfallen. Eine weitere Verbindung der ökonomischen und der ökologischen Ausrichtung zeigt sich beispielsweise in den Materialien, welche für die Vollkornbäckerei verwendet werden: Sie werden ausschließlich biologisch erzeugt.

Ufa-Fabrik

Das enge Zusammenleben - verbunden mit den kulturellen und ökologischen Orientierungen und geschützt durch eine beständige ökonomische Grundlage - ist nicht zuletzt ein positives Umfeld für die Kinder in der Kommune. Sie lernen, sich in eine Gemeinschaft einzufügen und gegenseitig Verantwortung zu übernehmen. Als Mitglieder einer „großen Familie" haben auch Einzelkinder die Chance, sehr vertraute Beziehungen zu anderen Kindern bzw. Erwachsenen aufzubauen, die durch gemeinsames Babysitten, das tägliche Kinderabendbrot und andere gemeinsame Aktivitäten unterstützt werden. Auf diese Weise wird der Geist der Ufa-Fabrik unmittelbar an jüngere Menschen weitergegeben.

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