5. Portraits
5.1
Vorbemerkungen für ein tiefergehendes Verständnis
Im Folgenden
werden vier ausgewählte Gemeinschaftsprojekte näher vorgestellt: die
Findhorn Foundation in Schottland sowie die deutschen Projekte
Lebensgarten Steyerberg, die Beringhof-Gemeinschaft und
die Ufa-Fabrik. Es sind Projekte, die sich u.a. in Bezug auf
ihre Mitgliederzahl, Größe, Lage und Leitideen stark voneinander unterscheiden.
Allein die Mitgliederspanne dieser Projekte reicht von 15 bis zu 130
Menschen. Damit wird deutlich, dass zukunftsfähige Ansätze unter den
(infra-)strukturell verschiedensten Lebensbedingungen gesucht und gefunden
werden können.
Zukunftsfähige
Gemeinschaftsprojekte und ihre Mitglieder zeichnen sich dadurch aus,
dass sie bewusst eine alternativ-innovative Lebensführung gewählt haben.
Sie wollen bestimmten zukunftsfähigen Ideen oder Idealen einen höheren
Stellenwert und größeren Raum geben und damit andere, neue Wege beschreiten,
als sie in den herkömmlichen individualistisch ausgerichteten Lebensstilen
der Gesellschaft gegangen werden. Warum wollen sie das eigentlich? Was
sind die Gründe und Motivationen für Menschen (oder können diese sein),
sich einem Gemeinschaftsprojekt anzuschließen, um dort zu leben, zu
arbeiten und zu wohnen? Die konkreten Motive der einzelnen Projektmitglieder
lassen sich hier weder angemessen ermitteln noch schriftlich darstellen.
Als grundlegende Lebenseinstellung, die zu einer solchen Entscheidung
führen kann, lässt sich aber die gemeinsame Sehnsucht nach einer besseren,
d. h. einer engeren und innigeren Beziehung zur Mitwelt erahnen.
Mitwelt
Der
Mitwelt-Begriff wird zunehmend als Nachfolgewort für den Begriff Umwelt"
verwandt, weil er eine andere Welt-, insb. auch Naturauffassung zum
Ausdruck bringt[32]: Welt wird in erster
Linie nicht als etwas wahrgenommen, was sich bloß irgendwie um
uns herum befindet (wie es der Umwelt-Begriff suggeriert), sondern
als etwas mit dem wir leben (wie es der Mitwelt-Begriff nahelegt).
Die
Mitwelt des Menschen kann in zwei Dimensionen gefaßt werden: der äußeren
und der inneren Mitwelt.[33] Im Sinne
des klassischen Ökologiebegriffs von Ernst Haeckel besteht die äußere
Mitwelt aus allen organischen, belebten (biotischen) Elementen - etwa
Pflanzen, Tieren und Menschen - sowie allen anorganischen, unbelebten
(abiotischen) Elementen - etwa Luft, Wind und Sonnenschein - in der
Umgebung des Menschen, die auf ihn wirken und/oder auf die er einwirkt.
Aber
nicht nur die Außenwelt bildet Existenz-Bedingungen" (Ernst
Haeckel) für den Menschen. Es ist auch, bisweilen sogar vornehmlich
die Innenwelt, die Existenz und Befinden des Menschen bedingen. Die
innere Mitwelt umfasst ebenfalls organische Elemente - etwa Haut,
Knochen und Organe - sowie nicht-organische - etwa das Wahrnehmen,
Fühlen, Denken und Handeln. Diese Elemente fügen sich in unserem
Inneren zu einer inneren Welt zusammen, und nur mit
dieser Welt - niemals ohne sie - können wir leben.
Mitglieder
von Gemeinschaftsprojekten streben tendentiell nach einer ausgefüllteren
Beziehung zu sich selbst (der inneren Mitwelt), aber auch zu anderen
(der sozialen Mitwelt), zur Umwelt (der natürlichen Mitwelt) und zum
Teil auch zu der von ihnen angenommenen Gotteswelt (der göttlichen oder
transpersonalen Mitwelt). Es ist diese Motivation an einer mal mehr,
mal weniger ganzheitlichen Orientierung an der Mitwelt, welche Menschen
hauptsächlich anregt und bestärkt, in Projektgemeinschaften mit Gleichgesinnten
zu leben.
Eine
ausgeprägte Wahrnehmung der Mitwelt, die mit positiven Erlebnissen und
mit Freude verbunden ist, schafft die Voraussetzung für eine Orientierung
an der Mitwelt: Sie führt zu einem umfassenderen Verständnis für die
Bedürfnisse, Vorlieben und Verletzlichkeiten der Mitwelt und ermöglicht,
dass Menschen sich selbst und ihren Lebensstil an diesen ausrichten.
Gerade in Zeiten der ökologischen Krise, in der die Natur durch den
ausgedehnten Verbrauch von Ressourcen vereinnahmt wird, ist eine bewusstere
Orientierung an der Natur mit sehr konkreten und bedeutsamen praktischen
Konsequenzen verbunden. Gemeinschaftsprojekte und ihre Mitglieder versuchen
ihr Konsumieren naturfreundlich zu gestalten und schränken unnötigen
Konsum" oft drastisch ein. Das ist der Grund, warum Mitweltorientierung
eine wesentliche, vielleicht die entscheidende Ressource für zukunftsfähige
Lebensstile darstellt.
Lebensstil
Der Begriff Lebensstil
bezeichnet die spezifische Lebensweise eines Individuums oder einer
sozialen Gruppe. In systemischer Sicht kann ein Lebensstil als eine
Ganzheit betrachtet werden, die über das Zusammenspiel von Elementen
- nennen wir sie Lebensstilelemente - gebildet wird. Ein Lebensstil
erscheint dann als Arrangement von bestimmten Lebensstilelementen
zu einem komplexen Beziehungsgefüge.
Lebensstilelemente
sind Bedürfniseinheiten, die im Leben von Individuen und/oder sozialen
Gruppen eine zentrale Rolle spielen. In den Industrienationen sind
die Einheiten Körper, Ernährung, Bekleidung, Wohnung, Arbeit, Freizeit,
Mobilität, Konsum, Bildung, Beziehungen zur sozialen Mitwelt, Beziehungen
zur natürlichen Mitwelt und Spiritualität wichtige Lebensstilelemente.
Lebensstile
haben eine äußere und eine innere Dimension: sie verweisen auf Lebensformen
und Lebensinhalte. Zum einen - in Bezug auf Lebensformen - umfassen
sie alle Formen des (Re)Agierens und ermöglichen es, Typen von Verhaltens-
und Darstellungsweisen zu bilden. Zum anderen - in Bezug auf Lebensinhalte
- sind sie eng mit geistig-seelischen Inhalten der inneren Mitwelt,
das heißt mit allem Denken, Fühlen und Wahrnehmen verknüpft. Deshalb
spiegeln Lebensstile immer auch Lebensanschauungen, Menschenbilder,
ja buchstäblich Ansichten von Gott und der Welt" wider.
Sie können identitätsstiftend wirken, weil sie die Eigenwahrnehmung
von Individuen bzw. sozialen Gruppen reflektieren und Abgrenzungen
und Zugehörigkeiten schaffen. Lebensstile äußern sich im Verhalten,
sie wurzeln in inneren Einstellungen und Werten.
Die
Kultivierung von Lebensstilen vollzieht sich also nach Maßgabe der
inneren Mitwelt, aber auch von der äußeren Mitwelt ist sie stark abhängig.
Denn die den Lebensstilen zugrundeliegenden Bedürfnisse werden zwar
im Innenleben der Menschen gebildet. Sie erwachsen jedoch zugleich
in enger Umweltabhängigkeit und -anpassung, so dass sie weitgehend
durch Bedingungen der äußeren Mitwelt - wie etwa natürliche Ressourcen,
kulturelle Lebensbedingungen, gesellschaftliche Moden - mitgeprägt
werden.
Zukunftsfähige
Lebensstile weisen einen hohen Grad an Mitweltverträglichkeit oder
gar -förderlichkeit auf. Sie verknüpfen die Strukturen der inneren
und äußeren Mitwelt des Menschen miteinander, passen sie aneinander
an und harmonisieren strukturelle Differenzen. Das bedeutet, dass zukunftsfähige
Lebensstile sich dadurch auszeichnen, dass die Bedürfnisse und Präferenzen
der inneren Mitwelt im Einklang mit jenen der äußeren Mitwelt befriedigt
werden.
Eng verbunden mit der Motivation nach intensiven und harmonischen Beziehungen
zur Mitwelt und mit den entsprechenden zukunftsfähigen Lebensstilen
ist eine dritter Faktor: die Bedürfnisse der Individuen. Vielfach unterscheiden
sich die Bedürfnismuster von Gemeinschaftsmitgliedern in punkto Bedürfnisart,
-gewichtung und befriedigung stark von denjenen, der herkömmlichen
Angehörigen der Gesellschaft. Dieser Gedanke lässt sich mit Hilfe der
sog. Bedürfnispyramide des humanistischen Psychologen Abraham Maslow
(siehe Abb. 4) und der folgenden zweiten Abbildung (siehe Abb. 5) illustrieren:
Abbildung
4: Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow[34]

Nach
Maslow beherrschen die Bedürfnisse auf den unteren" Ebenen
der Hierarchie (Grundbedürfnisse) die Motivation eines Menschen so
lange, wie sie unbefriedigt bleiben. Sind sie jedoch in angemessener
Weise befriedigt worden, so beschäftigen die höheren" Bedürfnisse
die Aufmerksamkeit und Bestrebungen des Menschen.[35]
Mitglieder von Gemeinschaftsprojekten geben den höheren"
Bedürfnissen und Motivationen tendentiell einen größeren Raum als herkömmliche
Gesellschaftsangehörige. Sie räumen der Befriedigung von Transzendenz-
und Selbstverwirklichungsbedürfnissen mehr Bedeutung ein als der Befriedigung
der Grundbedürfnisse. Für die biologischen Bedürfnisse und die Bedürfnisse
nach Sicherheit und Bindung heißt dies, dass sie anders als in der übrigen
Gesellschaft bewertet und befriedigt werden. Eine biologische Ernährung,
Second-Hand-Kleidung, energiesparendes Wohnen oder die gemeinsame Nutzung
eines Autos müssen dementsprechend nicht immer mit Empfindungen von
Verzicht einhergehen. Sie können auch mit einem guten Gewissen und sogar
mit Freuden verbunden sein, weil sie einen naturgerechten Lebensstil
bedeuten. Diesen Gedanken stellt Abbildung 5 dar, in der die
Bedürfnisse und Motivationen von Projektmitgliedern anstatt in Form
einer Pyramide als Kegel erscheinen:
Abbildung 5: Allgemeines Motivations- und Bedürfnismodell von Mitgliedern
von Gemeinschaftsprojekten nach Donath/Fortmann
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Ausrichtungen der
Gemeinschaftsprojekte
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tendentielle Motivations-
und Bedürfnisräume der Projektmitglieder
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Alltags- und
Konsumbereiche
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Die für
zukunftsfähige Ansätze und Entwicklungen bedeutsamen fünf Ausrichtungen
von Gemeinschaftsprojekten - die ökologische, soziale, spirituelle,
kulturelle und ökonomische Ausrichtung - hängen ebenso wie die Alltags-
und Konsumbereiche mit den Motivations- und Bedürfnismustern der Projektmitglieder
zusammen (siehe Abb. 5). Ein ausgeprägtes Bedürfnis von Projektmitgliedern
nach Selbstverwirklichung kann beispielsweise eine starke kulturelle
Ausrichtung eines Gemeinschaftsprojektes zur Folge haben, so dass ästhetischen
und kognitiven Bedürfnissen ein großer Raum geschaffen wird. Hier
können kulturelle Veranstaltungen, Seminare, Workshops und andere Formen
von Freizeitangeboten in die Alltags- und Konsumbereiche des Gemeinschaftsprojektes
integriert werden.
Jedes
der vier nun portraitierten Projekte wird zunächst allgemein vorgestellt,
mit seiner Geschichte, seiner Größe, seinem Gelände etc. Daran schließt
sich eine Betrachtung seiner zukunftsfähigen Elemente an. In diesem
Rahmen versuchen wir, für jedes Projekt und dessen Mitglieder ein Modell
der jeweils charakteristisch ausgeprägten Motivations- und Bedürfnisräume
zu entwerfen, die in Verbindung mit den jeweils dominanten Ausrichtungen
und Alltags- und Konsumbereichen des Projekts stehen.
32 Siehe insb.
die Beiträge des Naturphilosophen Klaus Michael MEYER-ABICH 1990
und 1997
33 Siehe hierzu
grundlegend DONATH / METTLER-VON MEIBOM 1998
34 In: ZIMBARDO
1992, 352
35 Vgl. ZIMBARDO
1992, 352
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