6. Fazit: Mit Gemeinschaftsprojekten
in eine zukunftsfähige Gesellschaft
Für eine zukunftsfähige
Erneuerung der Gesellschaft leisten Gemeinschaftsprojekte entscheidende
Beiträge. Schon als Gemeinschaften, in denen Menschen miteinander wohnen
und zumeist auch gemeinsam arbeiten und essen, bergen sie vielfältige
zukunftsfähige Aspekte, die sich kaum vollständig aufzählen lassen.
Darüber hinaus setzt die kommunitäre Lebensform zahlreiche Potentiale
für eine alternativ-innovative Lebensweise frei, die ihnen ermöglichen,
zukunftsfähige Projekte zu entwickeln und auch selbst umzusetzen. Im
Folgenden werden einige dieser Aspekte und Potentiale, vielleicht die
entscheidendsten, kurz vorgestellt.
Wollen
wir, dass sich die Gesellschaft auf gegenwärtig und zukünftig
Wünschbares hinentwickelt, eine zukunftsfähige Entwicklung also, dann
haben wir unumgänglich eine Vielzahl von Faktoren zu beachten. Es gilt,
ganzheitlich sowohl Ökonomie, Ökologie und Soziales als auch Kulturelles
und eventuell Spirituelles in den Blick zu nehmen. Von Ganzheitlichkeit
wird dabei gesprochen, weil diese Dimensionen sämtliche menschlichen
Motivations- und Bedürfnisräume miteinschließen. Wichtig ist nun, dass
diese Dimensionen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern dass
nach Wegen gesucht wird, die sie harmonisch aufeinander abstimmen und
für alle jeweils möglichst zuträgliche oder zumindest wenig abträgliche
Konsequenzen erwarten lassen. Zukunftsfähige Ansätze und Projekte zeichnen
sich also dadurch aus, dass sie der Verantwortung für die Zukunft gerecht
werden und Entwicklungen ausloten, die unter den vielfältigen obigen
Gesichtpunkten im Ganzen vorteilhaft sind.
Das
Leben in einem Gemeinschaftsprojekt ist sehr auf soziale Förderlichkeit
angelegt. Das zeigt sich an der Freude an Geselligkeit, den gemeinsam
verbrachten Zeiträumen und der Art des Umgangs miteinander ebenso wie
an politischen Entscheidungsverfahren (meist das Konsensprinzip) und
den bisweilen anzutreffenden Eigentumsgemeinschaften.
Gemeinschaftsprojekte
sind soziale Oasen im Ellenbogenkapitalismus. Denn Sinn für das
Kommunitäre und das gemeinsame Wohl werden in Gemeinschaftsprojekten
groß geschrieben. Als praktizierende Kommunitaristen" sind
Gemeinschaftsmitglieder mehr als durchschnittliche Gesellschaftsangehörige
an intensiven und erfüllenden Beziehungen zu ihren Mitmenschen interessiert.
Sie pflegen ihre gemeinschaftliche Verbundenheit in Festen und diversen
sonstigen Aktivitäten und Veranstaltungen In verstärktem Maße sind sie
aber auch bereit, in Notfällen Verantwortung füreinander zu übernehmen
und mit Tatkraft füreinander einzustehen. Durch die Vielzahl der Mitglieder
wird dieser Solidaritätsgewinn nicht mit nennenswerten Auflagen an die
persönliche Autonomie erkauft. Im Gegenteil, gerade der kommunitäre
Rahmen kann eine individuelle Lebensführung ermöglichen und schützen,
wie er außerhalb einer Gemeinschaft nicht denkbar wäre. Dass er durch
das soziale Miteinander gleichzeitig auch Geborgenheit und Spaß mit
sich bringt, versteht sich wohl von selbst.
Gemeinschaftsprojekte
fordern zu Gemeinschaftsfähigkeit heraus. Je nachdem, wie viele
Lebensbereiche in das Gemeinschaftsleben integriert sind und wie stark
sie vom volonté commune" geprägt werden, muss der Einzelne
bereit sein, sich der Gemeinschaft anzupassen. In einer Wahlgemeinschaft
geht es immer wieder darum, die eigenen Wünsche mit den Orientierungen
der Gemeinschaft auszubalancieren. Und sicherlich kann und möchte nicht
jeder sein persönliches Alltagsleben in dem Maße mit anderen abstimmen,
wie es eine kommunitäre Lebensgemeinschaft erfordert. Diese Anforderung
kann man aber auch als Chance sehen. Gerade die erhöhten Ansprüche an
die Kooperations- und Kompromissfähigkeit des Einzelnen bewirken ja
andererseits, dass Gemeinsinn hier besonders gut als habit of
the heart" erlebt und erlernt werden kann. In Zeiten, in denen
ein weitverbreiteter individualistischer Atomismus, nicht nur gesellschaftliche
Probleme erzeugt, sondern zugleich auch deren Lösung erschwert, wird
Gemeinschaftsfähigkeit zu einem wichtigen Vermögen.
Gemeinschaftsprojekte
überwinden Spaltungen zwischen Arbeit und Familie. Durch die Integration
verschiedener Lebensbereiche in das gemeinschaftliche Leben - das gemeinsame
Wohnen, z.T. Arbeiten und Essen - findet in Gemeinschaftsprojekten
eine dichotome Trennung von Arbeit- und Freizeit deutlich weniger oder
überhaupt nicht statt. An die Stelle der monolitischen Tagesblöcke Beruf
oder Familie, die für den gesellschaftlichen Alltag noch so typisch
sind, treten in Gemeinschaften häufig Tagesabläufe, die den Mitgliedern
gestatten, häufiger und umfassender mit Familienangehörigen und Freunden
in Kontakt zu sein.
Gemeinschaftsprojekte
verbinden Privatsphäre und öffentlichen Raum. Sie helfen, Anonymität,
soziale Isolation und Einsamkeit zu verhüten. Denn das gemeinschaftliche
Leben bringt es mit sich, dass zahlreiche soziale Elemente in das Private
integriert werden und Vieles in der Öffentlichkeit stattfindet. Andererseits
geht dies mit einer stärkeren sozialen Beobachtung und Kontrolle einher,
die als nachteilig empfunden werden können.
Mit
der gemeinschaftlichen Lebensform sind neben sozial zunkunftsfähigen
Aspekten aber auch ökonomische und ökologische verbunden:
Gemeinschaftsprojekte
optimieren die Dienstleistungs- und Güterausschöpfung. Schon die
Zerlegung eines Arbeitsprozesses in mehrere Teilschritte, die Arbeitsaufteilung
auf mehrere Personen und die Fähigkeit, ein Erzeugnis von Anfang bis
Ende selbst herzustellen und sich selbst zu versorgen, können ökonomisch
und ökologisch von Nutzen sein. Außerdem gestatten Sharing-Strategien
(Car-Sharing, Werkzeug-Sharing etc.) eine Steigerung der Ressourceneffektivität
und -schonung.
Gemeinschaftsprojekte
dichten Raum und Zeit. Durch ihre infrastrukturelle Verdichtung
zielen sie auf zweifache ökonomische Profite - sie gewinnen Raum und
sparen Zeit - und wirken damit gleich doppelt als effizienz- und suffizienzsteigerndes
Modell für zukunftsfähige Entwicklung. Diese raumzeitlichen
Vorzüge können über die folgende Darstellung (Abb. 10) des Bio-Kybernetikers
Frederik Vester erläutert werden. Vester illustriert darin die unterschiedliche
Vernetzungsstruktur von qualitativem (links) und bloß quantitativem
(rechts) Wachstum - Abbildung 10[45].
 |
 |
| strukturierte Vernetzung |
unstrukturierte Vernetzung |
Stellen wir uns die
in den Darstellungen vernetzten Punkte als menschliche Individuen
vor, auf der linken Seite die Mitglieder von Gemeinschaften und auf
der rechten diejenigen mit weniger engmaschiger Vernetzung, so werden
die Vorteile kleiner Räume und kurzer Zeiten sichtbar.
In Bezug
auf kommunitäre Raummuster ist es die räumliche Integration von unterschiedlichen
Lebensbereichen an einen Ort (z.B. Arbeiten und Wohnen) sowie verschiedener
sozialer Lebensbezüge auf einen Fleck (z.B. Arbeits- und Freundeskreis),
die einen anderen Umgang mit Räumen ermöglichen: weniger Raumverbrauch,
mehr Raumgebrauch. Räume werden intensiver und effektiver genutzt,
indem sie für vielfältige Zwecke verwandt werden und einer Vielzahl
von Personen zur Verfügung stehen. Gemeinschaftsprojekte effektivieren
also die Raumnutzung und mindern einen exzessiv individualorientierten
Raumkonsum.
Auf
kommunitäre Zeitmuster bezogen, ermöglichen schon die äußeren Strukturen
(z.B. Arbeitsteilung und kurze Wege) einen anderen Umgang mit Zeit (innere,
motivationale Strukturen, die auf eine bewusste Entschleunigung zielen,
können hinzukommen): weniger Zeitverbrauch, mehr Zeitgebrauch.
Denn weniger Zeit wird verbraucht für Mittel-zum-Zweck-Aktivitäten",
die andere Aktivitäten erst eröffnen (z.B. Vorbereitungen und Verkehr).
Statt dessen kann mehr Zeit für die eigentliche Ziel-Aktivität"
gebraucht werden. Gemeinschaftsprojekte reduzieren also unnötigen Zeitkonsum,
effektivieren die Zeitnutzung und nähren auf diese Weise den persönlichen
Reichtum an Zeit.
Gemeinschaftsprojekte
sind Poole von Kapital und Kompetenz. Die personelle Vernetzung
gestattet nicht nur, dass die Projektmitglieder ihr Geld und Kapital
zusammenlegen und sich damit ihre Aktionsspielräume beträchtlich ausweiten.
Sie ermöglicht zudem die Bündelung der Erfahrungs- und Wissensschätze,
die die einzelnen Projektmitglieder einbringen. Beide Effekte stärken
die Handlungsflexibilität der Gemeinschaften im Allgemeinen und damit
auch ihre Potenz, sich selbst zukunftsorientiert auszurichten und zu
organisieren.
Damit
kommen wir zu ihren Potentialen für zukunftsfähige Entwicklungen. Viel
besser als der Einzelne oder einzelne Familienhaushalte können Gemeinschaftsprojekte
globalen Herausforderungen mit lokalen Lösungen begegnen. Denn durch
die gezielte Umsetzung zukunftsweisender Leitideen eignen sie sich besonders
dafür, Grass-roots-sustainability" zu praktizieren.
Gemeinschaftsprojekte
sind Ideenquellen. Wo Menschen sind, sind auch Ideen. Und wenn viele
Menschen zusammenkommen, kumulieren sich auch viele Ideen. Das gilt
nicht nur für Gemeinschaftsprojekte, sondern generell - in Gemeinschaftsprojekten
aber umso mehr, als es sich bei Projektmitgliedern häufig (noch) um
einen besonderen Typus Mensch handelt: Es sind oft außergewöhnlich ideenreiche
Menschen, die offen sind für Neues. Dass sie sich nicht der herkömmlichen
gesellschaftlichen Lebensform anschließen, sondern für eine kommunitäre
Lebensgemeinschaft entschieden haben, zeigt ja schon, dass sie in besonderem
Maße über individuelle Vorstellungen und Wünsche verfügen und diesen
eine große Bedeutung einräumen. Ein dritter Faktor für die große kreative
Kraft von Gemeinschaftsprojekten kann - neben der Menschenmenge und
dem Mitgliederprofil - schließlich darin gesehen werden, dass auch die
erweiterten Umsetzungsmöglichkeiten motivieren, über zukunftsweisende
Verbesserungen nachzudenken. Oft handelt es sich dabei um Innovationen,
die aus der Situation geboren sind und das praktische Alltagsleben betreffen.
So dass die hervorgebrachten Ideen häufig einen hohen Praxisbezug aufweisen.
Gemeinschaftsprojekte
sind Tat-Orte. Darin liegt vielleicht die eigentlich herausragende
Leistung der Projektgemeinschaften. Ideen sind die Rohstoffe der
Zukunft. Aber Taten sind es, die sie Wirklichkeit werden lassen
- lautet ein Slogan für die EXPO 2000. Letztlich hängt der Wert von
zukunftsfähigen Konzepten und Projekten nicht von der Qualität der ursprünglichen
Idee, sondern von ihrer Umsetzbarkeit und realen Umsetzung ab, also
davon, inwieweit sie in der Lebenswelt verwirklicht werden (können).
Immer deutlicher zeigt sich, dass Umweltbewusstsein und Umweltwissen
nicht automatisch mit umweltgerechtem Verhalten einhergehen. Mitglieder
von Gemeinschaftsprojekten predigen nicht, sie praktizieren. Die außerordentliche
Ideenvielfalt und die kommunitären Aktionspotentiale ermöglichen es
ihnen, in punkto Mitweltorientierung effektiv zur Tat zu schreiten.
Dabei erweist sich das engere Miteinanderleben, das eben auch eine stärkere
soziale Beobachtung miteinschließt, psychologisch durchaus als vorteilhaft.
Häufig fällt es nämlich leichter, einer gemeinsam getroffenen Absprache
nachzukommen (die auch persönliche Einschränkungen oder gar ein Verzichten
beinhalten kann), wenn die Beteiligten wissen, dass die anderen Vereinbarungsteilnehmer
einen Verstoß bemerken würden - ganz abgesehen davon, dass das Leben
in einer Gemeinschaft immer eine Vielzahl von Ablenkungsmöglichkeiten
schafft oder gar dazu führt, dass man erst gar nicht in Versuchung gerät,
zum Natursünder" zu werden, weil andere Beschäftigungen im
Vordergrund stehen.
Gemeinschaftsprojekte
sind Räume, um Visionen zu (er)leben. Nicht nur ihre beträchtlichen
kreativen und operativen Ressourcen ermöglichen es Gemeinschaftsprojekten,
Zukunftsvisionen lebendig werden zu lassen. Auch ihre kleinräumigen
und übersichtlichen Strukturen eignen sich hervorragend für ganzheitlich
zukunftsfähige Ansätze, die gleich mehreren Dimensionen der Lebenswelt
- der ökologischen, sozialen, kulturellen, spirituellen und ökonomischen
- gerecht werden. Die Überschaubarkeit der kommunitären Lebensform führt
dazu, die Zusammenhänge zwischen diesen Dimensionen besser erkennen
zu können, leichter multidimensionale Ansätze entwickeln und umsetzen
zu können, die für mehrere Dimensionen vorteilhaft sind, und Probleme
schneller entdecken, besser bewältigen und verhüten zu können. Das zukunftsfähige
Potential ist in der Regel bei Projekten mit multidimensionalen Ansätzen
am größten. Zum einen erhöht nämlich die Abstimmung verschiedener Dimensionen
aufeinander den Ansatzertrag, weil sie sich gegenseitig verstärken
können. Zum anderen erhöht sich die Wirkungsdauer des Ansatzes,
weil die multidimensionale Abgestimmtheit einer Erosion sichernd entgegenwirkt.
Die
insgesamt 22 von uns näher untersuchten deutschen Projekte (sie entsprechen
etwa einem Fünftel aller Gemeinschaftsprojekte in Deutschland) sind
von bestimmten Visionen beseelt und geben an, dass sie sich für ihr
gemeinschaftliches Zusammenleben von bestimmten Ideen leiten lassen.
Alle 22 folgen sozialen und ökologischen Leitideen, 12 spirituellen
und 7 kulturellen Ideen. Ökonomische Orientierungen werden in den Angaben
zwar deutlich, aber nicht explizit als Leitideen genannt. Diese Visionen
prägen das Gemeinschaftsleben in unterschiedlicher Tiefe. Nicht immer
hat eine ausgesprochene Leitidee tatsächlich eine solche Kraft, dass
sie das Alltagsleben programmatisch bestimmt. Auf der anderen Seite
kann ein Projekt maßgeblich durch eine Ausrichtung (z.B. eine ökonomische)
charakterisierbar sein, obgleich es diese nicht ausdrücklich als Leitidee
verfolgt. In allen Fälle werden mindestens zwei Leitideen miteinander
verbunden, am häufigsten tritt die Kombination von sozialen und ökologischen
Leitideen auf. Es überrascht nicht, dass sich die ökologisch akzentuierten
Projekte vielfach in ländlichen Gegenden befinden (siehe
Karte in Kapitel 4.1). Vermutlich haben ökologisch orientierte Mitglieder
ihre Projekte gezielt in ländlichen Lagen gegründet, weil sich ihre
Anliegen dort besonders gut verwirklichen lassen.
Häufig
äußern Projektmitglieder, dass sie ihren selbstgesetzten Ansprüchen
und Zielen nicht immer gerecht werden (können). Bei sich und anderen
beobachten sie Inkonsequenzen und Misserfolge, wenn es darum geht, die
eigenen Vorhaben umzusetzen und aufrechtzuerhalten. Und vielfach klagen
sie über soziale Spannungen und Konflikte. Demgegenüber ist anzumerken,
dass sich Gemeinschaftsmitglieder an hochgesteckten Idealen orientieren
und messen, so dass sie über extreme Ansprüche verfügen, die sich tendentiell
auch in ihrer Selbsteinschätzung widerspiegeln. Ihre kritischen Bekenntnisse,
auch ihre Selbstkritik, ist grundsätzlich vor diesem Hintergrund zu
interpretieren. Auch wenn einzelne Projektmitglieder ihre persönlichen
Erwartungen an sich und andere nicht immer zureichend erfüllt sehen:
Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass dies den zukunftsweisenden
Beiträgen der Projekte und ihrer Mitglieder objektiv betrachtet nur
einen geringen Abbruch tut. Es ändert nichts an ihren faktisch erbrachten
Leistungen, ihre Visionen zu leben.
Gemeinschaftsprojekte
und -mitglieder sind Leitbilder für die Gesellschaft. Sie können
nicht nur sich selbst zukunftsfähig entwickeln, sondern auch die Umgestaltungsprozesse
der Gesellschaft begleiten und voranbringen. Zu den Funktionen, die
sie dabei erfüllen, gehören: (a) ihr selbst erbrachter Beitrag zu Schutz
und Schonung unserer umgebenden Mitwelt (Umweltschutz- und -schonungsfunktion);
(b) ihr Dienst als persönliche Vorbilder und kommunitäre Modelle (Vorbild-
und Modellfunktion); (c) ihr dadurch erwachsendes Vermögen, zu motivieren
und zu mobilisieren (Motivations- und Mobilisationsfunktion); und schließlich
(d) ihre Kompetenz, als gesellschaftliche Zukunftswerkstätten zu wirken,
indem sie Instrumente für ein multidimensional zukunftsorientiertes
Leben entwickeln und austesten, die z.T. auch auf weitere Gesellschaftsteile
übertragen werden können (Pionier- und Pilotfunktion).
All
die genannten Funktionen und Vorzüge von Gemeinschaftsprojekten für
zukunftsfähige Entwicklungen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass
die Projekte nur relativ kleine und vereinzelte Grass-roots-Organisationen"
innerhalb der Gesellschaft darstellen und für deren Zukunftsfähigkeit
bis dato nur eine marginale Rolle spielen. Zwar befindet sich mit 123
deutschen im Europäischen Projekteverzeichnis" aufgeführten
Gemeinschaftsprojekten (von insgesamt 365) rund ein Drittel in Deutschland
- deutlich vor den folgenden europäischen Ländern Großbritannien mit
66, Frankreich mit 45, Italien mit 25 Projekten (doch ebenso deutlich
hinter den USA mit über 400 Projekten). Rechnet man aber die Anzahl
der Projekte mit ihren Mitgliederzahlen hoch und vergleicht sie mit
der Bundesbevölkerung, so wird deutlich, dass die direkten Zuträge
der Projekte für eine öko-soziale Erneuerung der gesamten Gesellschaft
lediglich als gering einzustufen sind. Die zukunftsfähige Kernrelevanz
von Gemeinschaftsprojekten besteht nicht in ihren eigenen Kapazitäten
für Umweltschutz- und -schonung. Sie liegt vielmehr in ihren zugleich
wegweisenden und impulsgebenden Kräften. Denn Gemeinschaftsprojekte
entwerfen Perspektiven und machen im Kleinen vor, was im Großen erst
noch zu erreichen ist. Sie setzen Maßstäbe auch für jene, die der Gesellschaft
in herkömmlicher Lebensweise angehören. Der Hauptnutzen von Gemeinschaftsprojekten
für eine zukunftsfähige Entwicklung der Gesellschaft kann daher darin
gesehen werden, die kommunitären zukunftsfähigen Aspekte und Potentiale
ein Stück weit in die Gesellschaft hineinzutragen: Zukunftsfähigkeit
zu entwickeln und weiterzuvermitteln.
Allerdings
ist auch hier vor überhöhten Erwartungen zu warnen. Denn viele der zukunftsfähigen
Projektelemente sind eng an die gemeinschaftliche Lebensform gebunden
und lassen sich nicht ohne weiteres auf private Haushalte übertragen.
Und nicht jedem Gesellschaftsangehörigen ist ein zukunftsorientierter
Lebensstil ein dermaßen entscheidendes Anliegen, wie es in der Regel
für Projektmitglieder gilt (bzw. nicht jeder, dem er wichtig ist, ist
auch gewillt und in der Lage, in vergleichbarem Maße Konsequenzen daraus
zu ziehen). Dem Worte Fausts Wer Gutes will, der sei erst gut!"
von Johann Wolfgang von Goethe wird als Lebensmaxime wohl stets nur
eine gesellschaftliche Minderheit zu folgen bereit sein.
Auch
wenn dem Übertragen der zukunftsfähigen Ansätze von Gemeinschaftsprojekten
auf die Gesellschaft also beträchtliche Hürden aufgestellt sind - eines
ist deutlich geworden: Gemeinschaft ist ein Prinzip, das zukunftsfähige
Entwicklungen erheblich begünstigt. Neben einem effizienterem und effektiverem
Produzieren (im Sinne der Effizienzstrategie) und einem eingeschränkten
und naturfreundlichen Konsumieren (im Sinne der Suffizienzstrategie)
kann auch eine kommunitäre Lebenspraxis als ein Weg angesehen werden,
der Zukunftsfähigkeit befördert. Das gemeinschaftliche Ausgestalten
unserer Lebensvollzüge erzeugt etliche Aspekte und Potentiale für zukunftsfähige
Entwicklungen. Das gilt nicht nur für Gemeinschaftsprojekte, in denen
das Prinzip Gemeinschaft ganzheitlich umgesetzt wird, weil sie die zentralen
Lebensbereiche Wohnen, Essen und Arbeiten ins Gemeinschaftsleben integrieren.
Auch schon in Lebens-, Wohn- und Hausgemeinschaften, Nachbarschafts-
und Dorfgemeinschaften sowie in vielfältigen anderen Formen gemeinschaftlichen
Tuns (Car-, Computer-Sharing etc.) können wir von den zukunftseröffnenden
Elementen von Gemeinschaft profitieren. Die langfristig tiefgreifendsten
und umfassendsten Erfolge einer kommunitären Zukunftsstrategie werden
allerdings in Gemeinschaftsprojekten zu erzielen sein, wie sie in dieser
Studie beschrieben worden sind. Und insofern ist an einer Tatsache wohl
nicht zu rütteln: Gemeinschaftsprojekte sind unsere Gärten der Zukunft.
45 VESTER 71991,
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