Einleitung

„Wir brauchen Typen von Gesellschaften und Gemeinschaften, in denen man sich an den wertkreativen Aspekten des Gleichgewichts erfreut, anstelle wertneutrales Wachstum zu glorifizieren, in denen das Zusammensein mit anderen Lebewesen wichtiger ist, als ihr Ausbeuten oder Vernichten."[1]

Arne Naess

Die gegenwärtige Lebens- und Wirtschaftsweise der Bundesrepublik Deutschland ist nicht zukunftsfähig. Sie hat, zusammen mit der Lebens- und Wirtschaftsweise anderer Industriegesellschaften, in eine weltweite ökologische Krise geführt, die wesentliche Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger Generationen bedroht. Wenn beispielsweise der globale jährliche Bedarf an Primärenergie weiterhin zu 80-90% aus den natürlichen Beständen von Kohle, Erdöl und Erdgas gedeckt wird, reichen die Vorräte an Öl und Gas vermutlich noch etwa 100 Jahre, diejenigen an Kohle wohl noch mehrere 100 Jahre - dies allerdings allein bei der derzeitigen globalen Verteilung des Naturkonsums.[2] Wenn der Lebensstandard und damit auch der Energiebedarf in sich beschleunigt entwickelnden Ländern, wie etwa China oder Indien, weiter ansteigt, so werden die Naturvorräte entsprechend mehr und schneller verbraucht. Diese ökologischen Entwicklungen erfordern eine umgehende zukunftsfähige Revision unserer Gesellschaft.
     
Aber sie sind nicht der einzige Grund für ein Umdenken. Viele Menschen, die in einer Industriegesellschaft leben, hinterfragen herkömmliche, noch dominierende gesellschaftliche Lebensentwürfe und Wertmuster, weil sie sich ganz persönlich nach einem glücklicheren Leben sehnen, nach einem Leben, das ihre spezifischen Bedürfnisse besser erfüllt. Häufig ist diese Sehnsucht mit der Suche nach einem Lebensstil verbunden, der individuellen Wünschen und Vorlieben gerecht wird und gleichzeitig eine intensive harmonische Beziehung zur sozialen und ökologischen Mitwelt ermöglichen soll.
     
Gemeinschaftsprojekte bilden eine Form des sozialen Zusammenlebens, in der sich diese dringenden Erfordernisse der Weltgesellschaft mit diesen ganz persönlichen Interessen des Einzelnen in einzigartiger Weise treffen können. Ein kommunitäres Zusammenleben birgt vielfältige vorteilhafte Aspekte und Potentiale, die für nachhaltig zukunftsfähige Entwicklungen nutzbar sind. Denn gemeinsam kann man mehr erreichen, als allein. Außerdem kann das Leben in einer alternativ-innovativen Gemeinschaft außerordentlich bereichernd und moralisch befriedigend sein und ein tiefgreifend erfülltes Lebensgefühl erzeugen. Und dies ist ja wiederum eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein mitweltgerechtes Verhalten.
     
Diese Studie bietet einen einzigartigen Einblick in die Landschaft der Gemeinschaftsprojekte. Erstmalig in einem Mix aus Theorie und Praxis werden deutsche Gemeinschaftsprojekte unter dem Gesichtspunkt ganzheitlicher Zukunftsfähigkeit systematisch erfasst und aufbereitet. Das Anliegen ist sehr vielschichtig: natürlich möchten wir über Gemeinschaftsprojekte, das Leben in ihnen und zukunftsfähige Lebensweisen berichten. Wir versuchen zu zeigen, dass und wie die Konzepte eines praktizierten Kommunitarismus und einer nachhaltig zukunftsfähigen Entwicklung miteinander gelebt werden können. Aber natürlich geht es uns gleichzeitig auch darum, die Anstrengungen und Erfolge der Projektmitglieder in Bezug auf zukunftsfähiges Leben zu würdigen und mitzuhelfen, sie publik zu machen.
     
Am Anfang stehen einführende Informationen über Gemeinschaftsprojekte und Zukunftsfähigkeit in Zeiten der öko-sozialen Krise. Wir erläutern Aspekte und Potentiale des Lebens in Gemeinschaftsprojekten, die Beiträge zu einer ganzheitlich zukunftsfähigen Entwicklung darstellen (können). Die Erhebung deutscher Gemeinschaftsprojekte zeigt, dass es vielfältige Ausrichtungen, Typen und Muster von Projekten gibt. Unterschieden in acht Muster, werden neunzehn ausgewählte deutsche Projekte beispielhaft vorgestellt. Zum besseren Überblick haben wir sie auch tabellarisch aufgeführt. In den Portraits am Ende versuchen wir, vier Gemeinschaftsprojekte lebensnah und alltagsbezogen zu charakterisieren. Dabei werden zum einen persönliche Eindrücke über das Leben in der Gemeinschaft geschildert und zum anderen die besonders zukunftsfähigen Elemente herausgestellt.
     
Wir können einen Wandel zu zukunftsfähigen Lebensweisen nur erreichen und dauerhaft erhalten, wenn es uns gelingt, eine neue Kultur der Freuden zu entwickeln. In dieser Studie möchten wir der Leserin und dem Leser daher nicht nur Informationen über Gemeinschaftsprojekte an die Hand geben, sondern gelegentlich auch die Freuden andeuten, die eine gelungene Gemeinschaft in unser Leben bringen kann. Also: viel Spaß beim Lesen!


1 Nach: NAESS 1989, 24
2 ZELLNER 1998
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