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Nachhaltigkeit
1.1
Zum Begriff des "Sustainable Development"
"Sustainable Development
meets the needs of the present without compromising the ability of future
generations to meet their own needs."[7] Dies
ist die am weitesten verbreitete Definition von ‚Sustainable Development'
(SD), im Wortlaut der so genannten Brundtland-Kommission von 1987. Sie
beschreibt eine Entwicklung, die dauerhaft aufrechterhalten werden kann,
indem sie menschliche Bedürfnisbefriedigung heute und morgen zulässt.
Sustainable Development beinhaltet auch das Postulat einer globalen
Verantwortung, sowohl für die Lebensbedingungen gegenwärtiger als auch
zukünftiger Generationen.[8]
Gemäß dem Auftrag
der UN-Generalversammlung an die Brundtland-Kommission sollte das SD-Konzept
ein "Programm des Wandels" darstellen.[9] Es prägte
auch den Erd-Gipfel von Rio 1992, welcher Ausgangspunkt für die aktuelle
Debatte um Nachhaltigkeit wurde. Ziel der Brundtland-Kommission war
es, Lösungsansätze für die miteinander verknüpften und sich bedingenden
ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme zu erarbeiten. Seither
werden Phänomene aus allen drei Problembereichen wie beispielsweise
Unterversorgung und Armut, Umwelt- und Naturzerstörung, Verletzung der
individuellen Freiheit und soziale Ungerechtigkeit mehr und mehr als
Ausdruck eines nicht zukunftsfähigen Zustandes angesehen, der nur durch
eine vernetzte Problemsicht und durch integrierte Herangehensweisen
bekämpft werden kann.
Die in Deutschland
geläufige Übersetzung für Sustainable Development, der Begriff ‚Nachhaltigkeit',
stammt bereits aus der Forstwirtschaft des 18. Jahrhunderts. Er bezog
sich zunächst auf eine Nutzung von natürlichen Ressourcen, die sich
an deren Regenerierungsfähigkeit orientieren sollte.[10]
Heute versteht man unter Nachhaltigkeit neben der Erhaltung der Regenerierungsfähigkeit
vor allem auch ‚Durchhaltbarkeit', ‚Dauerhaftigkeit' oder ‚Zukunftsfähigkeit'.
So sehr das Prinzip der Nachhaltigkeit
allgemein begrüßt wird und große Zustimmung erhält, birgt es doch erhebliches
Konfliktpotenzial. Verschiedenste Meinungen konkurrieren um die Wege
zur Erreichung von Nachhaltigkeit. Uneins ist man sich, ob Wachstum
oder Verzicht, Effizienz oder Innovation, Markt oder Staat die geeigneten
Mittel sind.
Da
sich die Operationalisierung des Nachhaltigkeitskonzepts als schwierig
erweist, betont die Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages "Schutz
des Menschen und der Umwelt", dass "nicht vorgegeben oder definiert
werden kann, wie eine nachhaltig zukunftsverträgliche Gesellschaft oder
eine nachhaltige Wirtschaft konkret auszusehen hat".[11]
Die Kommission hat aber 1998 den Nachhaltigkeitsbegriff für Deutschland
im Rahmen eines "Drei-Dimensionen-Modells" konkretisiert, indem sie
auf die Notwendigkeit der gleichzeitigen "Respektierung ökonomischer,
ökologischer und sozialer Ziele"[12] hinweist (Abbildung
1 im Anhang verdeutlicht die drei Dimensionen grafisch).
Nachhaltigkeit ist also nicht auf den Umweltgedanken beschränkt, wie
es oft fälschlicherweise verstanden wird. Wirtschaftliche Entwicklung,
Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und soziale Wohlfahrt sind
gemäß dem Drei-Dimensionen-Modell die Maximen der Nachhaltigkeit.
Aus der dreidimensionalen
Betrachtungsweise ergeben sich wiederum Fragen. Ist unser heutiges ökonomisches
Konsum- und Produktionsverhalten ökologisch durchhaltbar, und wenn nicht,
was müsste geändert werden? Wie steht es um die sozialen Auswirkungen
des Wirtschaftens? Wie müsste eine sozialverträgliche (und somit dauerhaft
nachhaltige) Einkommensverteilung aussehen?[13] Auch
der Aspekt des Ausgleichs zwischen Generationen und innerhalb der Generationen
führt zu einer normativen Betrachtung des Problems. Allesamt sind es
Fragen der Gerechtigkeit, die zusätzliche eine Auseinandersetzung mit
dem Begriff Nachhaltigkeit unter einem ethisch-moralischen Blickwinkel
erfordern.
Das Paradigma der Nachhaltigkeit
enthält also eine Fülle von Aspekten, die schwer in eine sinnvolle Beziehung
gesetzt werden können, da die drei Ziele Ökonomie, Ökologie und Soziales
meist nicht gleichzeitig erreicht werden können, oder sie widersprechen
sich zum Teil und führen in unauflösliche Dilemmasituationen. Es wurde
bereits mittels verschiedener Begriffsdifferenzierungen versucht, dieses
Problem zu beheben: So erlaubt beispielsweise das Konzept der ‚schwachen
Nachhaltigkeit' das vorübergehende Abweichen von einer Zielvorstellung,
um ein anderes Ziel zu verwirklichen. Gefordert wird dabei beispielsweise
die Inkaufnahme von mehr Umweltverschmutzung oder Naturverbrauch, wenn
dies zu einer Schaffung von mehr Arbeitsplätzen führt.
Je nach Standpunkt
und Argumentation wird Nachhaltigkeit mit unterschiedlichen Inhalten
gefüllt. Auch die über siebzig konkurrierenden Definitionen[14],
die neben der allgemein anerkannten, aber sehr weit interpretierbaren
Brundtland-Definition existieren, zeugen von der Unschärfe des Begriffs.
Die vielen, letztlich subjektiven Auslegungen stellen so auch die Aussagefähigkeit
des Begriffs in Frage.
Wegen
seiner Komplexität ist der Begriff der Nachhaltigkeit noch wenig bekannt.
Laut einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes kennen nur 28% der
Bundesbürger den Begriff Nachhaltigkeit.[15] Dies
mag auch daran liegen, dass die Diskussion um Nachhaltigkeit hauptsächlich
in akademischen Kreisen geführt wird. Wo über Nachhaltigkeit geredet
wird, erfreut sich das Konzept jedoch meist höchster Popularität und
politischer Attraktivität. Viele Wirtschaftsführer halten nachhaltiges
Wirtschaften so auch für einen "Modebegriff", wenn auch "schwammiger"
Natur. [16]
7 World
Commission on Environment and Development (WCED) (Hg.):
Our Common
Future ("Brundtland Report"), Oxford 1987, S. 8.
8 Vgl.
Susanne Gröner: Umweltberichterstattung für eine nachhaltige
Entwicklung
- eine theoretische und empirische Analyse, Diss.,
Augsburg
1999, S. 6.
9 Vgl.
Karl-Werner Brand/Georg Jochum: Der deutsche Diskurs zu
nachhaltiger
Entwicklung, MPS-Texte 1 (2000), München 2000, S. 20.
10 Vgl. Martin Sebaldt:
"'Von den Zinsen leben, nicht von der Substanz':
Problemhintergrund
und Entwicklung der Idee der Nachhaltigkeit", in:
Ders.
(Hg.): Sustainable Development - Utopie oder realistische
Vision?
Karriere und Zukunft einer entwicklungspolitischen Strategie,
Hamburg
2002, S. 23-48.
11 Deutscher Bundestag
(Hg.) (Enquête): Konzept Nachhaltigkeit. Vom
Leitbild
zur Umsetzung. Abschlußbericht der Enquête-Kommission
"Schutz
des Menschen und der Umwelt - Ziele und Rahmenbedingungen
einer
nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung" des 13. Deutschen
Bundestages,
Bonn 1998, S. 21.
12 Enquête (1998):
S. 21.
13 Vgl. Rob Gray/Dave
Owen/Carol Adams: Accounting and
Accountability:
Changes and Challenges in Corporate Social and
Environmental
Reporting, Hemel Hempstead 1996, S. 61.
14 Vgl. Ulrich
Jüdes: "Nachhaltige Sprachverwirrung. Auf der Suche nach
einer
Theorie des Sustainable Development", in: Politische Ökologie Nr.
52
(Juli/August 1997), S. 26-29.
15 Die Tendenz
ist allerdings steigend. Vgl. U. Kuckartz/H. Grunenberg:
"Umweltbewusstsein
in Deutschland 2002 - Ergebnisse einer
repräsentativen
Bevölkerungsumfrage", im Internet:
http://www.empirische-paedagogik.de/ub2002neu/inhalt/ergebnisse/
konzept_nachhaltigkeit/frame.htm,
(Zugriff: 04.09.02).
16 Vgl. Kohtes
Klewes Meinungsbarometer Nr. 15 - Mai 2001, im
Internet:
http://www.agenturcafe.de/downloads/
Meinungsbarometer15.pdf,(Zugriff:
16.09.02).