1.3
Nachhaltige Entwicklung als Kommunikationsprozess
1.3.1.
Ökologie, Ökonomie, Soziales: Vernetzung durch Dialog
Das Drei-Dimensionen-Modell der Enquête-Kommission des Bundestages hat
dazu beigetragen, dass Sustainability nicht länger als ein "übergeordneter,
unverhandelbarer Bezugspunkt"[23] wahrgenommen wird,
sondern mehr und mehr als "Verhandlungssache zwischen den beteiligten
gesellschaftlichen Akteuren". Kommunikativ-politische Prozesse erhalten
dadurch einen hohen Stellenwert bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsideale.
Ein solches "prozedurales, integratives Nachhaltigkeitskonzept"[24]
verlangt nach dem Austarieren der Zielkonkurrenzen zwischen den drei
Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie. Austarieren bedeutet, dass
die legitimen Ansprüche gesellschaftlicher Gruppen ins Gleichgewicht
gebracht werden müssen: Beispielsweise der Anspruch der Unternehmen,
die natürlichen Ressourcen zu beanspruchen, der Anspruch der Bürger
auf eine lebenswerte Umwelt und ihr Anspruch auf eine bestmögliche Güterversorgung.
"Indem
das ‚Drei-Säulen'-Modell die wechselseitige Akzeptanz der Interessen
und Perspektiven ökologischer (Umweltakteure), sozialer (Gewerkschaften)
und wirtschaftlicher Akteure (Industrie) postuliert, lenkt es das Augenmerk
auf die [...] Bedeutung konsensorientierter, dialogisch-partizipativer
Verfahren für die Konkretisierung und Umsetzung des Leitbilds nachhaltiger
Entwicklung."[25]
Hamacher
verdeutlicht dies:
"The
concept of sustainable development will have to be perceived more as
a platform for debate [...] and its concrete translation into environmental
objectives, priorities and options needs to be negotiated by means of
discourses in various specific situations. [...] [Sustainability] should
evolve from communication processes of consensus-building and decision-making."[26]
Die
prozedurale, auf die "dialogische Vernetzung aller Einzelaspekte und
Betroffenen gerichtete Auslegung hat heute in Deutschland einen dominanten
Stellenwert im Diskurs zu nachhaltiger Entwicklung erhalten".[27]
Deshalb soll die Debatte um Nachhaltigkeit im Folgenden als Kontroverse
betrachtet werden, "in der konkurrierende Weltbilder und Interessen,
unterschiedliche Vorstellungen von Gesellschaft, Natur und Gerechtigkeit
miteinander verhandelt werden."[28] Trotz der erheblichen
Zielkonflikte und Umsetzungsprobleme, stellt der Nachhaltigkeitsbegriff
so doch einen begrifflichen Rahmen dar, worin Probleme formulierbar
und greifbarer werden. Das Konzept gibt eine Richtung für die Suche
nach Lösungen innerhalb eines gesellschaftlichen Lernprozesses an.
23 Brand/Jochum
(2000): S. 180.
24 Brand/Jochum
(2000): S. 189.
25 Brand/Jochum
(2000): S. 184.
26 Winfried Hamacher:
"Sustainable Development as a Guiding Principle",
in:
Oepen, Manfred/Ders. (Hg.): Communicating the environment,
Frankfurt/Main
2000, S. 23.
27 Brand/Jochum
(2000): S. 189.
28 Brand/Jochum
(2000): S. 12.