2.2 Unternehmen und Gesellschaft im Lern- und Aushandlungsprozess
Die Strategie der Effizienzsteigerung leistet zwar wichtige Beiträge
zur Nachhaltigkeit, "verkörpert paradigmatisch aber ein rein umweltschutztechnisches
Denken".[50] Dagegen lautet die Konsequenz aus dem
neuartigen Verständnis von Nachhaltigkeit als gesellschaftlichem Prozess
für Unternehmen: Sie müssen sich von der unternehmensbezogenen (Innen-)
Sicht verabschieden, sich mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld über Nachhaltigkeit
auseinandersetzen und über konkrete Ziele kommunizieren.
"Nachhaltigkeit
auf Unternehmensebene lässt sich nicht einfach durch [umwelttechnische]
Kennziffern ausdrücken, sie muss erlernt und ausgehandelt werden! Für
diesen Prozess gibt es Strategien zur Umsetzung des Leitbilds einer
nachhaltigen Entwicklung, die durch Anspruchsgruppen (wie Öffentlichkeit
und Umweltverbände) von Unternehmen eingefordert werden müssen."[51]
Dies
bedeutet, dass die Beziehungen des Unternehmens zu seiner gesellschaftlichen
und natürlichen Umwelt selbst nachhaltig gestaltet sein müssen. Die
"gesellschaftliche Kommunikationsfähigkeit ist heute zu einer zentralen
unternehmerischen Herausforderung geworden".[52] Kommunikative
Prozesse in und um Unternehmen sollen Lern- und Konsensfindungsprozesse
mit so genannten Anspruchsgruppen (Stakeholdern) ermöglichen. Es geht
also um eine Herangehensweise, die die Verwirklichung von Nachhaltigkeit
auf einer neuen Ebene sucht und sie als dynamisches Ziel betrachtet.
Die im Kapitel
1.3 beschriebenen Komponenten der prozeduralen Nachhaltigkeit lassen
sich mit Wild für Unternehmen wie folgt konkretisieren:
"Reflexion: Unternehmen
müssen sich ihrer ökologischen und sozialen Handlungsfolgen und Handlungsmöglichkeiten
bewusst werden. Dies kann beispielsweise durch nachhaltigkeitsorientierte
Berichterstattung geschehen.
Partizipation und
Dialog: Unternehmen müssen Anspruchsgruppen beteiligen, informieren
und in die Lern-, Such- und Verständigungsprozesse einbeziehen.
Macht- und Konfliktausgleich:
Externe Anspruchsgruppen müssen real in Entscheidungsprozesse eingebunden
werden. Unternehmen müssen sich im demokratischen Willensbildungs-
und Entscheidungsprozess als faire Partner einbringen und auf einen
Ausgleichsprozess der Interessen hinwirken."[53]
Diese
Prozesse können die Basis bilden, auf der im nächsten Schritt konkrete
Ziele (z.B. ökologische Reduktionsziele) ausgearbeitet werden. Diese
Ziele sind dann Ergebnis einer offenen Auseinandersetzung mit Anspruchsgruppen
und der verantwortungsvollen Entscheidungsfindung durch das Unternehmen.[54]
50
Peter Ulrich: "Politik der 'Nachhaltigkeit' und
ihre ethischen Grund-
lagen",
Vortrag vor der Ethikgruppe im Grossen Rat des Kt. St. Gallens,
3.
Workshop, 23. Januar 2001, S. 5.
51 Wild (2001).
52 Thomas Dyllick:
Management der Umweltbeziehungen. Öffentliche
Auseinandersetzungen
als Herausforderung, Wiesbaden 1989,
Nachdr.1992,
S. 481.
53 Vgl. Werner
Wild: "Nachhaltigkeitsberichterstattung", in: Bund Umwelt
und
Naturschutz Deutschland (BUND)/UnternehmensGrün (Hg.):
Zukunftsfähige
Untenehmen: Wege zur nachhaltigen Wirtschaftsweise
von
Unternehmen, München 2002, S. 95 und Schneidewind (2002):
S.
29.
54 Vgl. Schneidewind
(2002): S. 30.