2.4
Bewertung des Nachhaltigkeitszustands von Unternehmen
Während sich das Konzept der Ökoeffizienz zu Beginn des zweiten Kapitels
als ungeeignetes Kriterium für die Nachhaltigkeit von Unternehmen herausstellte,
da es ein rein technisches Verständnis von Nachhaltigkeit verkörpert,
wird deutlich, dass die ökologische, ökonomische und soziale Zukunftsfähigkeit
von Unternehmen eher von ‚weichen' Faktoren abhängt. Die Kommunikationsfähigkeit
zwischen Unternehmen und Gesellschaft kristallisiert sich mehr und mehr
als zentraler Faktor heraus, um unternehmerische Aktivitäten zukunftsfähig
zu machen. Die Forderung nach einer diskursethischen Legitimation fügt
sich außerdem als normativer Hintergrund in das bereits vorgestellte
prozedurale Nachhaltigkeitsverständnis ein.
Eine Strategie
zur Ausrichtung eines Unternehmens an den Prinzipien der Nachhaltigkeit
muss also hauptsächlich im Hinblick auf Kommunikationsprozesse entwickelt
werden.[69] Die Kriterien zur Bewertung der Nachhaltigkeit
von Unternehmen sollen im Folgenden aus den drei vorangegangenen Gedankensträngen
konkretisiert werden. Die drei Überlegungen (Grundanforderungen) lauteten:
- Die Notwendigkeit zur
dialogischen Vernetzung der Einzelaspekte von Nachhaltigkeit (Drei-Dimensionen-Konzept
der Nachhaltigkeit. (vgl. 1.3.1)).
- Die Notwendigkeit zu
Reflexivität, Partizipation und Machtausgleich (systemtheoretische
Überlegungen: Nachhaltigkeit als Lernprozess (vgl. 1.3.2 u. 2.2)).
- Die Notwendigkeit zur
argumentativen Legitimation von Unternehmen gegenüber einer kritischen
Öffentlichkeit (vgl. 2.3).
Auf
der Basis dieser drei Grundanforderungen wurden konkrete Kriterien[70]
entwickelt.
- "Ein nachhaltiges Unternehmen
ist ein Unternehmen, das über alle Fragen der ökologischen, ökonomischen
und sozialen Leistungsfähigkeit und Verantwortlichkeit des Unternehmens
mit seinen Stakeholdern intensiv kommuniziert."[71]
‚Verantwortlichkeit'
als Thema der Kommunikation zielt auf die Herstellung von gesellschaftlicher
Legitimation. Weiterhin sollen auch problematische Seiten zur Diskussion
gestellt werden, z.B. die Betrachtung kritischer Technologien, deren
Risiken beim Einsatz aber auch die Konsequenzen eines Nichteinsatzes.
Außerdem soll das Unternehmen die Kommunikation zum Wissenstransfer
und zur Informationsgewinnung nutzen: "Durch Dialoge kann gezielt technisches
Know-how transportiert sowie Informationen aus der Umwelt gewonnen werden".[72]
‚Intensive Kommunikation' zielt auf echten Dialog mit Anspruchsgruppen
(Stakeholdern) ab, der letztlich auch zur Reflexivität beiträgt.
- "Ein nachhaltiges Unternehmen
informiert die Öffentlichkeit aktiv über seine Anstrengungen und Ergebnisse
auf dem Weg zur Nachhaltigkeit."[73]
Eine
derartige Informationstransparenz unterstützt eine verstärkte zivilgesellschaftliche
Kontrolle, die ihrerseits zu Legitimität und Machtausgleich beiträgt.
- "Ein nachhaltiges Unternehmen
hat eine Vision, Unternehmensziele und übergreifende Geschäftsstrategien,
in denen die Überlebensfähigkeit des Unternehmens in Zusammenhang
mit der Erreichung von sozialen und ökologischen Zielen gestellt wird."[74]
Luig
et al. betonen hierbei: "Unternehmensbezogene Visionen können [...]
einen wichtigen Beitrag zur Sinnstiftung leisten. Grundgedanke ist die
Annahme, dass eine umweltschutzbezogene zielgerichtete Entwicklung langfristig
nur durch die Formulierung visionärer Entwicklungsziele möglich ist.
Grundlegende Voraussetzung eines visionären Unternehmens ist hierbei
wiederum die Fähigkeit zur Selbstreflexion. [...] Ohne das Vorhandensein
konkreter Zielvorstellungen und Visionen kann eine ökologische Entwicklungsfähigkeit
nur ungerichtet ablaufen."[75]
- "Ein nachhaltiges Unternehmen
verfügt über Managementsysteme, über die es die Umsetzung der ökonomischen,
sozialen und ökologischen Ziele kontrolliert."
Das
Kriterium zielt vor allem auf die Notwendigkeit von Soll-Ist-Vergleichen,
die dann z.B. Gegenstand einer unternehmensinternen und externen Berichterstattung
sein können. Deutlich wird dabei das Reflexivitätsmoment. Einige Unternehmen
haben bereits mit einer sogenannten "Nachhaltigkeitsberichterstattung"[76]
begonnen. Die Berichte leisten so einen Beitrag zur Beschreibung des
Diskussions- und Umsetzungsstandes von Nachhaltigkeitszielen in den
Unternehmen.[77]
- "Ein nachhaltiges Unternehmen
ist ein Unternehmen, das von Experten und unternehmensunabhängigen
Meinungsbildnern als ein nachhaltiges Unternehmen angesehen wird."[78]
Dieses
Kriterium anerkennt den subjektiv wertenden und sich wandelnden Charakter"
der Vorstellung eines nachhaltigen Unternehmens (obwohl es eine Inszenierung
der Nachhaltigkeit begünstigt, wie im späteren Verlauf deutlich wird).
Es wird eingeräumt, dass die Beurteilungsinstanz
für Nachhaltigkeit nicht im Unternehmen selbst zu suchen ist, sondern
in einer kritischen Öffentlichkeit.
- Ein nachhaltiges Unternehmen
beweist seine ökologische Innovationsfähigkeit nicht nur durch technische
Innovationen, sondern auch im organisatorischem und sozialen Bereich.[79]
Im Folgenden wird untersucht, wie diese Kriterien konkret in der Unternehmenskommunikation
umgesetzt werden können.
69
Auch Schneidewind (2002: S. 35) fordert, Unternehmen
an
prozeduralen
Kriterien zu messen.
70 Anforderungen
an Unternehmen auf prozeduraler Basis wurden
formuliert
von den Instituten für Ökologische Wirtschaftsforschung
(IÖW)
und für Markt-Umwelt-Gesellschaft (imug) (vgl. Clausen et al.
(2002):
S. 23-26; Des weiteren von: A Luig/C. Gellrich/R. Pfriem:
"Umweltmanagement
und was dann? - Soft Factor Assessment", Beitrag
im
Rahmen der Internettagung "Umwelt98" der TU Harburg, vom
01.09.
bis 31.12.1998 im Internet: http://www.tu-harburg.de/
UMWELT98/papers/sektor_d/luig/main.html,
(Zugriff am 08.09.02).
Vollständiger
Titel des Projekts der Autoren: "Dauerhafte Sicherung der
Fähigkeit
von Unternehmen zur weiteren ökologischen Optimierung auf
dem
KMU-Sektor".
71 Clausen et
al. (2002): S. 24.
72 Georg Müller-Christ/Thomas
Höfer: "Ansätze eines Umweltdialog-
managements.
Interpretation einer explorativen Studie", im Internet:
http://www.tu-harburg.de/UMWELT98/papers/sektor_d/mueller/
text.html.
Beitrag im Rahmen der Internettagung "Umwelt98" der TU
Harburg,
vom 01.09. bis 31.12.1998, im Internet: http://www.tu-
harburg.de/umwelt98,
(Zugriff: 08.09.02).
73 Clausen
et al. (2002): S. 26.
74 Clausen
et al. (2002): S. 25.
75 Vgl. auch
Luig et al. (1998).
76 Im Folgenden
wird statt des Begriffs "Nachhaltigkeitsbericht (-erstat-
tung)"
nur noch Sustainable-Development-Reporting (SD-Reporting)
verwendet.
77 Vgl. Loew
(2001): S. 10.
78 Clausen
et al. (2002): S. 23.
79 Vgl. Luig
et al. (1998).