3.2
Modelle der Öffentlichkeitsarbeit
3.2.1
Erfolgsorientierte Öffentlichkeitsarbeit
Nach Auffassung der Vertreter der konventionellen unternehmensbezogenen
Öffentlichkeitsarbeit ist es das Ziel der PR, "die Verhaltensweisen
der Kommunikationspartner gemäß den eigenen Zielsetzungen zu steuern".[93]
Demnach kennzeichnet sich PR durch ihre asymmetrische Wirkungsabsicht
(Beeinflussung) und einseitige Kommunikationsrichtung (indirekt, unpersönlich)
aus.
Der
theoretische Ansatz zur PR des Kommunikationswissenschaftlers Merten
verknüpft Systemtheorie und radikalen Konstruktivismus. Merten interpretiert
PR als "Konstruktion von Wirklichkeit". Die fortschreitende funktionale
Differenzierung der gesellschaftlichen Teilsysteme erhöht den Bedarf
an Kommunikation und ermöglicht das "Hantieren mit Fiktionen"[94].
Fakten würden durch Fiktionen ersetzt, wodurch eine eigene kommunikative
Wirklichkeit konstruiert und mittels Massenmedien verbreitet wird. PR
ist hier letztlich ein "Prozess zur Konstruktion wünschenswerter
Wirklichkeit durch die Erzeugung von Images in der Öffentlichkeit".[95]
Die PR-Fachleute hinter den Images sind nach diesem Konzept allein der
Erreichung ihrer Ziele verpflichtet.[96] "Aspekte
der Wahrheit und Wahrhaftigkeit haben in [dieser] konstruktivistischen
Perspektive ebenso keine Bedeutung wie die Authentizität der PR-Aussagen."[97]
Im ebenfalls
systemtheoretischen Ansatz von Ronneberger und Rühl wird PR als Anschlusskommunikation
(Schaffung von Sinn zwischen gesellschaftlichen Teilsystemen) verstanden.
Es kommt dabei auf die Herstellung "durchsetzungsfähiger Themen" an.
Der Charakter dieses Konzepts ist hauptsächlich am Erfolg des Senders
der einseitigen Kommunikation ausgerichtet: PR ist nach dieser Auffassung
erst dann erfolgreich, "wenn die durch PR-Kommunikation gewonnenen Publika
im Sinne der persuasiven PR-Kommunikation handeln."[98]
Zerfaß/Scherer
kritisieren an beiden obigen systemtheoretischen Ansätzen ein sozialtechnologisches
Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit und deren rein erfolgsstrategische
Ausrichtung. PR werde für die Interessen des Verwenders und zur Beeinflussung
anderer instrumentalisiert.[99] Die beiden Konzepte
persuasiver PR böten außerdem keine Lösungsansätze für die zunehmenden
Interessenkonflikte im unternehmerischen Umfeld; zumindest könnten sie
diese nicht friedlich lösen. Sie tragen auch den gestiegenen Partizipationsansprüchen
und den zunehmenden Forderungen aus der Gesellschaft an Unternehmen,
sich zu legitimieren, nicht Rechnung.[100] Außerdem
basieren sie auf einseitiger, monologischer Kommunikation.
Positive Nachrichten
mehr oder weniger künstlich herbeizuführen und darüber zu berichten
kann deshalb nicht Ziel von Unternehmenskommunikation sein. Kommunikation
durch Beeinflussung wird nicht durchhaltbar sein, da es nicht möglich
ist, "kritische Publika systematisch zu persuadieren." Außerdem lässt
sich eine Fiktion eines blütenreinen Unternehmens nicht auf Dauer aufrecht
erhalten, wenn sie nicht der Realität entspricht.[101]
Olav Fjell, Vorstandsvorsitzender der norwegischen Ölfirma Statoil bestätigt
dies:
"Any
substantial gap between words and deeds is not sustainable for long.
There is no place to hide in today's interconnected world. Corporations
must walk the talk."[102]
Das
Beispiel Shell/Brent-Spar zeigt dies anschaulich: Die Firma Shell hatte
kurz vor dem Debakel um die Versenkung der Bohrinsel eine dreißig Millionen
Mark teure (einseitig- monologische) Anzeigen-Kampagne gestartet, in
der sie sich zu der "besonderen Verantwortung" bekannte, die das Unternehmen
für Gesellschaft und Umwelt trage.[103] Die Öffentlichkeit
nahm dies als besonders inkonsistent wahr. Shell hatte unterschätzt,
dass das Versenken einer Bohrinsel einen Informationswert hatte, der
die Aussagen der PR-Kampagne einfach überkompensierte. Das Auseinanderklaffen
von Kommunikation und Verhalten provozierte somit die heftige öffentliche
Reaktion. Nach dem von Greenpeace begonnenen und von vielen gesellschaftlichen
Kräften in Deutschland unterstützten Verbraucherboykott hat Shell aus
der einseitigen Kommunikation gelernt: Der Konzern verspricht heute,
"besser zuzuhören, zu informieren und zu erklären."[104]
Reale
Handlungen müssen folglich auch in den Kommunikationsbegriff einbezogen
werden.[105] Er darf nicht auf intentionale Sprechhandlungen
begrenzt werden , wie dies einige PR-Forscher tun.[106]
Auch die Sichtweise, dass man das Erscheinungsbild des Unternehmens
allein durch Kommunikation strategisch beeinflussen könne, ist verkürzt.
Handlungen stellen genauso Kommunikation dar und könnten so im Extremfall
die (symbolischen) Kommunikationsbemühungen konterkarieren. Dies kann
als weiterer Einwand gegen die Verwendung fiktionaler Images und schlichter
‚Anschlusskommunikation' in der Öffentlichkeitsarbeit verstanden werden.
93
Zerfaß/Scherer (1993): S. 2.
94 Klaus
Merten/Joachim Westerbarkey (1994): "Public Opinion und
Public
Relations", in: Klaus Merten/Siegfried J. Schmidt /Siegfried
Weischenberg
(Hg.): Die Wirklichkeit der Medien, Opladen 1994,
S.
208.
95 Klaus
Merten: "Begriff und Funktion der Public Relations", in: pr-
magazin
11 (1992), S. 44.
96 Vgl.
Merten (1992): S. 44.
97 Röttger
(2000): S. 30.
98 Franz
Ronneberger/Manfred Rühl (1992): Theorie der Public
Relations.
Ein Entwurf, Opladen, S. 26.
99 Vgl.
Zerfaß/Scherer (1993): S. 10 u. 25.
100 Vgl. Zerfaß/Scherer
(1993): S. 10.
101 Vgl. Zerfaß/Scherer
(1993): S. 12.
102 Olav Fjell,
CEO Statoil, in: Statoil (Hg.): "The future is now. Statoil
and Sustainable Development", im Internet:
http://www.statoil.com/future,
(Zugriff: 20.09.2002).
103 Vgl. Elisabeth
Kraus: "Die Brent-Spar-Kampagne oder: Wie
funktioniert
Öffentlichkeit?", in: Ulrike Röttger (Hg.): PR-Kampagnen.
Über
die Inszenierung von Öffentlichkeit, 2. Aufl., Wiesbaden 2001,
S.
99.
104 Chris Fay,
Vorstandsvorsitzender von Shell UK, zit. n. Shell
Umweltbericht
1995.
105 Eine solche
Begrenzung ist zunächst notwendig, um Handlungs-
möglichkeiten
durch symbolische Kommunikation isoliert zu
analysieren.
Es kommt aber doch das metakommunikative Axiom von
Watzlawick
zum Tragen: Gemäß dem Kommunikationsbegriff von
Watzlawick
kann man "nicht nicht kommunizieren" (Paul Watz-
lawick/Janet
H. Beavin/Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation,
Formen,
Störungen, Paradoxien. Bern 1972, S. 53). Demzufolge
haben
auch reale Handlungen Informationswert und stellen somit
Kommunikation
dar.
106 So beispielsweise
Zerfaß/Scherer (1993): S. 4.