3.2.2
Verständigungsorientierte Öffentlichkeitsarbeit
Die Theoretiker verständigungsorientierter PR-Konzepte wählen einen
völlig anderen Zugang zur Öffentlichkeitsarbeit als die Befürworter
der PR durch Beeinflussung bzw. durch Anschlusskommunikation.
Wichtig sind hier zunächst die Erkenntnisse
von Grunig und Hunt, die verschiedene Stufen der PR auf dem Entwicklungspfad
zu einer anzustrebenden zweiseitig-symmetrischen Kommunikation beschreiben.
Für den Zusammenhang dieser Arbeit spielen die Modelle der Informationstätigkeit
und der asymmetrischen Kommunikation als Vorstufen und vor allem das
Modell der symmetrischen Kommunikation eine wichtige Rolle.
Die
Aufgabe der ersten Vorstufe, des Informationstätigkeits-Modells,
besteht in der einseitigen Verbreitung objektiver, also wahrheitsgemäßer
Informationen mittels kontrollierter Medien - wie beispielsweise Broschüren.[107]
In seiner Funktion, Transparenz herzustellen, kann das Informationstätigkeitsmodell
verständigungsorientierte Handlungskoordination vorbereiten. In diesem
Fall müssen die Informationen vor allem Argumente enthalten. Nur so
kann das nötige Vertrauen aufgebaut werden, das für spätere direkte
Kommunikationsprozesse notwendig ist.[108] Weil Informationsbroschüren
aber Informationen direkt zum Adressaten transportieren, ohne intermediäre
Zwischenstationen, könnten sie allerdings über ihre reine Informationsaufgabe
auch zur Beeinflussung missbraucht werden.[109]
Die
zweite Vorstufe, die asymmetrische Öffentlichkeitsarbeit, dient
vor allem der Erkennung der dualen Funktion von PR. Die zweiseitige
Kommunikationsrichtung lässt Feedback von außen zu und trägt "Außenkritik
in die eigene Organisation hinein."[110] Idealerweise
könnte hier bereits ein "Kreislauf der Selbstkorrektur" in Gang gesetzt
werden.[111]
Die höchste Stufe,
die zweiseitig-symmetrische PR, versteht sich als Konfliktlösungsstrategie.
Hier soll nicht nur die Kommunikationsrichtung zweiseitig zwischen Unternehmen
und Bezugsgruppen verlaufen, sondern auch der Zweck der Kommunikation
symmetrisch angeordnet sein, d.h. Persuasion wird zu Gunsten von Verständigung
zurückgestellt. Das wechselseitige Verständnis zwischen Unternehmen
und betroffenen Publikumsgruppen durch gleichberechtigten Dialog soll
zu Verhaltensänderungen auf beiden Seiten führen.[112]
Grunig selbst beschreibt die Vorzüge dieses Modells:
"I
will propose that the two-way symmetrical model represents the most
ethical and effective way to practise public relations - the best normative
model."[113]
Die
Rolle der PR wird somit die einer vermittelnden, oder sogar ethischen
Instanz. Grunig bezeichnet eine solche Handlungskoordination als "exzellente
PR", denn sie ermöglicht den Unternehmen eine effektive Interessenabstimmung
mit und stabile Beziehungen zu ihren Bezugsgruppen. Stabile Lösungen
durch zweiseitig-symmetrische PR treten ein, wenn beide Parteien davon
profitieren (sogenannte Win-win-Situationen).
Das Konzept einer
verständigungsorientierten Öffentlichkeitsarbeit (VÖA)[114]
baut auf dem Modell symmetrischer Kommunikation von Grunig/Hunt auf.
Es zielt ebenfalls auf die Lösung von Interessenkonflikten zwischen
Organisationen und deren Teilöffentlichkeiten ab und ist insbesondere
an spezifische Situationen gebunden.
Öffentlichkeitsarbeit
wird hier als managementrelevante Strategiefrage interpretiert, die
in der Gestaltung der Handlungskoordination mit nicht-marktlichen Bezugsgruppen
besteht.[115] Dabei stehen direkte, personale, nicht
massenmediale Kommunikationsformen im Vordergrund (wie z.B. der Unternehmensdialog).
Das
VÖA-Konzept zielt nicht auf erfolgsorientiert-strategisches Handeln
ab, sondern auf Handlungskoordination durch Verständigung. Dabei geht
Verständigung über reines Verstehen hinaus und zielt auf Einverständnis.[116]
Es basiert auf der diskursethischen "Theorie des kommunikativen Handelns"
von Habermas.[117] Die Kommunikationspartner sollen
hier in einen diskursiven Verständigungsprozess eintreten, der gemäß
der "idealen Sprechsituation"[118] ergebnisoffen
verläuft. Dazu sind machtfreie Diskurse nötig. Weitere Voraussetzungen
sind Unvoreingenommenheit, die Infragestellung von Vorurteilen und der
Verzicht auf Drohungen, sowie Nicht-Persuasivität, d.h. Vorrang für
Argumente statt für Rhetorik.[119]
Im
Gegensatz zur PR durch Beeinflussung können diese Diskurse zur Konfliktlösung
nur auf sprachlich-argumentativer Ebene geführt werden. Sprache, als
elementares Instrument der PR, wird hier zur Verständigung genutzt und
nicht wie in der persuasiven PR instrumentalisiert.[120]
Konkrete Ziele bleiben im VÖA-Konzept zunächst offen und sollen allein
durch die Diskursteilnehmer festgelegt werden. Die Lösung des Konfliktes
auf der Sachebene ist nachgeordnet.[121] Die Aufgabe
der PR besteht hier lediglich im Ermöglichen des ergebnisoffenen Dialogs.[122]
Bislang
wurde eine Grundannahme der verständigungsorientierten Öffentlichkeitsarbeit
vernachlässigt. Dies soll hier nachgeholt werden: Es wird stillschweigend
für möglich gehalten, dass sich ökonomisches und sozialverträgliches
Handeln gleichzeitig verwirklichen lassen. Eine solche Interessenintegration
ist jedoch ohne Abstriche meist nicht möglich, weil sich die Interessen
des Unternehmens und die der Vertreter gesellschaftlicher Anliegen teilweise
ausschließen.
Wenn
sich die Interessen der Wirtschaft und die der Gesellschaft im Extremfall
unversöhnlich gegenüberstehen, kann möglicherweise eine Lösung bzw.
eine Verständigung auf der Basis rein erfolgsstrategischer Sichtweisen
nicht möglich sein. "Die Grenzen des individuellen Erfolgsstrebens lassen
sich nicht auf subjektive Nutzenkalküle zurückführen."[123]
Die Kommunikation mit nicht-marktlichen Bezugsgruppen beruht nämlich
nicht auf einer austauschvertraglichen Basis, bei der der Preis die
Handlungen mit dem Kunden koordiniert. Vielmehr basiert diese Kommunikation
auf dem Funktionsprinzip von Recht und Moral - sie stellt also letztlich
eine Frage der transsubjektiven Vernunft dar.[124]
Gemäß der Diskursethik von Habermas können die jeweils nötigen Normen
nur in einem Konsens gefunden werden - im Sinne der ‚idealen Sprechsituation',
d.h. durch sprachlich-argumentative Prozesse.[125]
Konsens und auch die Bereitschaft zur Handlungsänderung sind deshalb
innerhalb des VÖA-Konzepts und des Modells der zweiseitig-symmetrischen
Kommunikation zentral. Nur so lässt sich eine Verständigung beider Seiten
erreichen.
107 Vgl.
Zerfaß/Scherer (1993): S. 27.
108 Vgl. Zerfaß
(1996): S. 215.
109 Vgl. Zerfaß
(1996): S. 363.
110 Claus-Heinrich
Daub: Spannungsfeld Unternehmenskommunikation.
Perspektiven
im Zeitalter der Globalisierung, Basel 2001, S. 90.
111 Vgl. Beger/Gärtner/Mathes
(1989): S. 23.
112 Vgl.
Sabine Seydel: Ökologieorientiertes Kommunikations-
management:
strategische Kommunikation mit Anspruchsgruppen,
Diss.,
Wiesbaden 1998, S. 88.
113 James E.
Grunig: "World Views, Ethics, and the Two-Way
Symmetrical
Model of Public Relations", in: Wolfgang Armbrecht/Ulf
Zabel
(Hg.): Normative Aspekte der PR, Opladen 1994, S. 70.
114 Das Konzept
verständigungsorientierter Öffentlichkeitsarbeit (VÖA)
wurde
von Roland Burkart und Sabine Probst 1991 erstmalig
veröffentlicht.
Vgl. Roland Burkart: PR als Konfliktmanagement, Wien
1993.
115 Vgl. Zerfaß/Scherer
(1993): S. 5.
116 Vgl. Zerfaß
(1996): S. 57.
117 Die Begründung
von Normen ist nach der Ansicht der Vertreter der
Diskursethik
(K.O. Apel und J. Habermas) nicht Sache des einzelnen
Menschen,
sondern an die Einhaltung des Verfahrens gebunden. Vgl.
Seydel
(1998): S. 174.
118 Jürgen
Habermas: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des
kommunikativen
Handelns, Frankfurt/Main 1984, S. 177.
119 Vgl. Zerfaß/Scherer
(1993): S. 22.
120 Öffentlichkeitsarbeit
qua Überredung nutzt Sprache als eines von
mehreren
denkbaren Medien zur Einflussnahme auf andere und gerät
deshalb
auch in die Nähe des Marketing (vgl. Zerfaß/Scherer (1993):
S.
25). Bei letzteren, tauschvertraglich strukturierten Beziehungen mit
marktlichen
Gruppen tritt Sprache nur als begleitender Koordinations-
mechanismus
hinzu, die Interaktionen bestimmen sich in erster Linie
nach
dem Preis (vgl. Zerfaß/Emmendörfer (1994): S. 47).
121 Vgl. Christian
Schicha: Kriterien einer nachhaltigen Wirtschaftsethik.
Kommunikation
im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie,
IKÖ-
Diskussionsforum, Bd. 4, Duisburg 1999.
122 Die Kritik
am VÖA-Konzept beruht auf der Problematik, dass
zwischen
Unternehmen und Öffentlichkeit meist keine prinzipielle
Gleichberechtigung
im Sinne der "idealen Sprechsituation" herrscht.
Vgl.
dazu: Röttger (2000): S. 43.
123 Zerfaß/Emmendörfer
(1994): S. 47.
124 Vgl. Zerfaß/Emmendörfer
(1994): S. 47. - Vgl. auch Dyllick (1989):
S.
466-469. - Dyllick trifft ebenfalls die Unterscheidung zwischen dem
Preis
als Lenkungsmechanismus des Marktes und quasi-politischen
Abstimmungsmechanismen,
die durch Moral bestimmt werden.
125 Vgl. Elisabeth
Göbel: Das Management der sozialen Verantwortung, Diss.,
Tübingen 1992, S. 171.