4.1
Gefahr des Schein-Dialogs
Zunächst scheint es, als seien bereits wesentliche Anforderungen an
einen im Verfahren nachhaltigen Diskurs zwischen Unternehmen und Gesellschaft
erfüllt. Im Rahmen der ökologieorientierten Kommunikation haben sich
Unternehmen in ihrer Kommunikationsweise dem Stil der Umweltbewegung
vielfach angeglichen.[138] Den Forderungen der Anspruchsgruppen
und Kritiker nach einer sachlich-argumentativen Auseinandersetzung wird
Rechnung getragen, indem die meisten Veröffentlichungen der Unternehmen
im journalistischen Stil aufbereitet werden und auch meist eine Vielzahl
an Fakten über das Unternehmen preisgegeben wird. Um die Unternehmensposition
argumentativ und wissenschaftlich nachvollziehbar zu erklären, wird
meist Text (im Gegensatz zu Werbefotos, etc.) als das wesentliches Gestaltungsmittel
eingesetzt.[139]
In ihren Außendarstellungen
bekennen sich Unternehmen auffallend häufig zum sachlichen Dialog mit
ihren Anspruchsgruppen - zumindest seit der Dialog einhellig auch von
Seiten der Theoretiker als wesentliche Strategie für die Unternehmenskommunikation
empfohlen wird.[140] Trotz dieses oberflächlichen
Trends zum Dialog, drängt sich der Verdacht eines Schein-Dialogs auf,
denn allein die Bereitstellung von Informationen und das Gewähren von
Einsicht in Daten reicht nicht aus. Dies bestätigt die Untersuchung
zum Umweltdialogmanagement von Müller-Christ/Höfer, die zum Ergebnis
kommen, dass die Möglichkeit zu Lernprozessen durch Dialoge noch nicht
ausreichend genutzt werden:
"Die Unternehmen schaffen bisher eher nur sporadisch
Dialogangebote und machen sich noch wenig Gedanken über eine systematische
Vor- und Nachbereitung, um die Dialogergebnisse effizient in das Unternehmensgeschehen
einfließen zu lassen. Es herrscht aufgrund der besonderen Brisanz von
Umweltschutzfragen die Tendenz vor, durch Informationen direkt überzeugen
zu wollen und damit kritisches Nachfragen zu verhindern statt zu fördern."[141]
Genauso,
wie der Dialog häufig nur propagiert, aber nicht praktiziert wird, sind
auch persuasive Kommunikationsformen nur auf den ersten Blick in den
Hintergrund geraten. Es existieren auch unter dem Etikett der ‚Nachhaltigkeitskommunikation'
subtile Formen der manipulativen Inszenierung und Instrumentalisierung.
"Die
Gefahr besteht darin, dass aufgrund eines modernisierten Verständnisses
der Vertrauenswerbung die unternehmerische Öffentlichkeitsarbeit auf
eine neue Stufe der Professionalität angehoben wird, ohne dass sich
das Handeln ändert. Die Konsequenz einer solchen sehr kurzfristigen
Taktik zieht aber sehr rasch den neuerlichen Manipulationsverdacht nach
sich."[142]
Einige
Stakeholder hegen einen intensiven ‚Manipulationsverdacht' und glauben
nicht an den Dialog mit Firmen. Sie meinen, die Unternehmen suchten
zwar mit ihren ‚Gegnern' nach möglichen gemeinsamen Ansatzpunkten, diskutierten
aber nicht "über den Verhandlungsgegenstand, sondern auf einer allgemeinen
Ebene". Fouad Hamdan von Greenpeace bemängelt konkret: "Ich glaube einfach
nicht, dass sich diese Konzerne von selber verändern wollen."[143]
Es
ist bekannt, dass durch den Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen auch
versucht wird, deren Expertise "abzuschöpfen"[144].
So wundert es nicht, wenn Stakeholder-Aktivisten den Slogan prägen:
"Kein Dialog! Lieber Torten werfen!"[145] Dieser
Tenor lässt sich seit einiger Zeit vor allem unter Globalisierungskritikern
ausmachen. Statt einer konstruktiven Auseinandersetzung mit Vertretern
von Unternehmen, setzen sie Rufschädigung als Waffe gegen Unternehmen
ein.[146]
Weiterhin werden auch die Informationen
selbst kritisiert, die der Öffentlichkeit als Grundlage für Dialog zur
Verfügung gestellt werden:
"Der
Öffentlichkeit wird in der Unternehmensdarstellung nur eine begrenzte
und idealisierte Auswahl von Themen, Symbolen und Erwartungen kommunikativ
vermittelt, wobei inkonsistente Fakten verheimlicht werden."[147]
Objektive
Informationen seien von Unternehmen ebenfalls nicht zu erhalten:
"Es liegt in der Natur der Sache, dass Selbstdarstellung
von Multis über ihre Praktiken oft eher Firmenwerbungs- als Aufklärungscharakter
haben. Handfeste Aufschlüsse über kurz- und langfristige Auswirkungen
der Aktivitäten transnationaler Unternehmen auf die Lebensverhältnisse
der Kommunen ihrer Gastländer - etwa im Bereich der Umweltveränderung
- sind von ihnen selbst kaum zu erhalten."[148]
Vehemente
Skepsis wird den Unternehmen auch im Bezug auf die Aufnahme von Kritik
entgegengebracht. Noch 1985 sprechen Kasch et al. in ihrer Studie Multis
und Menschenrechte in der Dritten Welt von Umgangsformen, die konträr
zum von der PR-Forschung propagierten Dialogmodell stehen. Sie sehen
ein klares Reaktionsmuster zur Rechtfertigung bei Kritik. Die Gegenstrategie
der transnationalen Unternehmen bestehe darin, die Kritiker als Gegner
des Systems[149] zu identifizieren und sie somit
als Diskussionspartner zu diskreditieren. Danach würden den Kritikern
zweifelhafte Motive unterstellt und durch isolierte Beispiele das Gegenteil
bewiesen.
138 Vgl.
Lichtl (1999): S. 59.
139 Vgl. Lichtl
(1999): S. 79.
140 Vgl. Lichtl
(1999): S. 78.
141 Müller-Christ/Höfer
(1998).
142 Dyllick
(1989): S. 481.
143 Zit.
n. Thomas Fischermann: "Strategische Nächstenliebe: Die
Ethikbranche
wächst: Konzerne kaufen sich einen guten Ruf bei
Kunden
und Politikern", in: Die Zeit Nr. 23, 31. Mai 2001, S. 21f.
144 Laut
eines internen Papiers des Bundesverbandes der Deutschen
Industrie
(BDI). Zit. n. Fischermann (2001).
145 Aktivisten
der NGO Corporate Watch im britischen Oxford, zit. n.
Fischermann
(2001).
146 Vgl.
Fischermann (2001).
147 Tiia
Hassinen/Marion Wenner: "Zur Selbstdarstellung in Werk- und
Kundenzeitschriften",
in: Bungarten, Theo (Hg.): Selbstdarstellung und
Öffentlichkeitsarbeit,
Eigenbild und Fremdbild von Unternehmen,
Beiträge
zur Wirtschaftskommunikation, Tostedt 1994, S. 42.
148 Volker
Kasch et al.: Multis und Menschenrechte in der Dritten Welt,
Bornheim-Merten
1985, S. 17.
149 D.h.
im weiteren Sinne: der freien Welt.