4.4
Inszenierung durch emotionale Aufladung
Das Interesse an Themen aus dem Ökologiebereich ist in den letzten Jahren
trotz Globalisierungsdebatte stetig zurückgegangen. Man spricht im Zusammenhang
mit der Übersättigung an ökologierelevanten Informationen auch vom ‚green
overkill'. Ein Grund dafür könnte die Versachlichung und Verwissenschaftlichung
der Umweltthematik sein.[162] Dieser Prozess führte
nach Auffassung von Zundel zu einem Abbau der visionären Aufladung ökologischer
Leitbilder, so dass das Umweltthema nicht mehr "als Projektionsfläche
für Sinnangebote in einer säkularisierten Gesellschaft" dienen konnte.[163]
Auch
das Leitbild Nachhaltigkeit ist bereits stark mit kognitiv-sachlichen
Inhalten beladen. Es hat keine so große Ausstrahlungskraft wie beispielsweise
der Begriff der Menschenrechte.[164] Die Einen spricht
das Leitbild deshalb mangels emotionaler, ästhetischer und symbolischer
Gehalte nicht an. Für die Anderen ist Nachhaltigkeit aber dennoch eine
Wunschvorstellung und als solche anfällig für eine rhetorische Inszenierung.
Viele Unternehmen sind sich dessen bewusst und versuchen, Nachhaltigkeit
gezielt zu popularisieren, emotionalisieren und visualisieren. "Emotionale
Greifbarkeit" ist laut Steinert die Erklärung, warum es der Industrie
gelungen ist, sich gegenüber Sustainable Development "positiv zu positionieren".
Für Steinert ist dies auch der Grund, warum Unternehmen "faktisch zum
Öko-Vorreiter" geworden seien. Umweltverbände hätten statt eines kommunizierbaren
Leitbildes nur Verzichtspredigten und die Ablehnung technischer Lösungen
verbreitet.[165]
Eine
"Wiederverzauberung der aufgeklärten Welt"[166] durch
einen emotionalen Zugang zu Nachhaltigkeit könnte die Veränderungsbereitschaft
für die notwendigen ökologischen und sozialen Veränderungen bremsen.
Die gezielte Rhetorisierung der Nachhaltigkeit durch das Fördern von
Sehnsüchten nach sozialer und ökologischer Stabilität könnte auch mächtigen
gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen, allein ihr Interesse am Status
quo durchzusetzen.[167] Fischermann sieht im Einsatz
emotionaler Kommunikation ernstzunehmende Probleme: Es sei daraus ein
"Modephänomen lauthals moralisierender Konzernchefs" entstanden, die
statt gesellschaftlicher Verantwortung "strategische Menschenliebe"[168]
praktizierten.[169]
162 Vgl.
Lichtl (1999).
163 Zundel
(2000).
164 Vgl. Schönborn/Steinert
(2001): S. 15.
165 Vgl. Schönborn/Steinert
(2001): S. 15.
166 Becker
(1999): S. 7.
167 Vgl.
Becker (1999): S. 7.
168 Carleton
S. (Carly) Fiorina, CEO bei Hewlett-Packard Company,
zit.
n. Fischermann (2001).
169 In
dieser Arbeit kann diesen Bedenken aus Platzgründen nur begrenzt
nachgegangen
werden. Vgl. für ausführlichere Darstellungen z.B. die
Ausarbeitungen
von Helga Eblinghaus: Nachhaltigkeit und Macht. Zur
Kritik
von Sustainable Development, Frankfurt/Main 1996; Jed
Greer/Kenny
Bruno: Greenwash. The Reality behind Corporate
Environmentalism,
Penang/Malaysia 1996; Kenny Bruno/Joshua
Karliner:
Earthsummit.biz: The Corporate Takeover of Sustainable
Development,
o.O. 2002.