4.5
Rhetorische Strategien zur Inszenierung
Der Einsatz rhetorischer Mittel lässt sich beispielhaft anhand dreier
Besonderheiten in der nachhaltigkeitsorientierten Unternehmenskommunikation
feststellen: Im Verschieben des Bedeutungsinhalts von Nachhaltigkeit
(semantische Lenkung), in der Verwendung rhetorischer Allgemeinplätze
in Text und Bild sowie der gezielten Anpassung des sprachlichen Stils
an die Sprache der Ökologiebewegung.
Analysiert man
die rhetorische Verwendung des Begriffs ‚Nachhaltigkeit', so fällt auf,
dass oft einzelne semantische Konnotationen bewusst hervorgehoben und
andere weggelassen werden. Diese semantische Vereinfachung kann zur
sprachlichen Vereinnahmung von Nachhaltigkeit bis hin zur gänzlichen
Umdeutung des Begriffs führen. Beim Stichwort Nachhaltigkeit ist im
Jargon der Industrie meist die Rede von ‚kontinuierlicher Verbesserung',
statt beispielsweise von der ‚Beseitigung nicht-nachhaltiger Zustände'.
Zum Teil wird aus dem Postulat, unternehmerische Verhaltensweisen müssten
nachhaltig, also auch zukünftig durchhaltbar sein, eine Forderung nach
der "Überlebensfähigkeit"[170] der Unternehmen hergeleitet.
Dies bezieht sich dann auf das ökonomische Überleben des Unternehmens
und letztlich auf die Aufrechterhaltung des Status quo. Ökologische
und soziale Ziele werden so als Mittel zum Zweck instrumentalisiert;
dies widerspricht dem Nachhaltigkeitsgedanken als "Programm des Wandels"
(vgl. Kap. 1.1).
Diese
semantische Lenkung beeinflusst auch die Problemwahrnehmung der Empfänger
von Botschaften über Nachhaltigkeit. Gerne wird Nachhaltigkeit in griffigen
Formeln ausgedrückt, die das Problem wie im folgenden Beispiel auf zwei
simple Komponenten reduzieren:
"Sustainability: Ökologische Effizienz + soziale Kompetenz = nachhaltiger
Erfolg"[171]
Bei
einer solchen Vereinfachung läuft Nachhaltigkeit Gefahr, zur "Leerformel"[172]
oder zum "umweltpolitischen Beruhigungsmittel"[173]
zu werden, wie im Sustainability Report 2001 von Procter & Gamble im
folgenden Beispiel:
"Sustainable
development is a very simple idea. It is about ensuring a better quality
of life for everyone, now and for generations to come."[174]
Einer
regelrechten Image-Wäsche scheint sich die deutsche chemische Industrie
mittels des Leitbilds Nachhaltigkeit unterziehen zu wollen. Ihr Verband
VCI versucht
"sich
[...] mithilfe des Leitbilds Sustainable Development aus der Defensive
der umweltpolitischen Debatte - als ‚Problemverursacher' - zu befreien
und sich offensiv als ‚Problemlöser' anzubieten. Dies wird durch die
mit dem Nachhaltigkeitsdiskurs einhergehende Verschiebung der Problemwahrnehmung,
weg von der Gift- und Risikoproblematik hin zu Ressourcen- und Klimafragen,
ermöglicht. Nicht thematisiert werden die unmittelbaren Gefährdungen
durch Schadstoffe [...], jene Themen, aufgrund derer die chemische Industrie
immer wieder ins Zentrum der öffentlichen Kritik geraten war."[175]
Brand/Jochum
meinen, der Begriff der nachhaltigen Entwicklung werde in diesem Zusammenhang
bewusst so weit gedehnt, dass "letztlich damit jede Maßnahme in irgendeiner
Weise auf Sustainable Development bezogen werden kann".[176]
Selten finden sich dagegen sprachliche
Konkretisierungen wie im Sustainable-Development-Report (SD-Report)
der Firma Wilkhahn: Anhand von "Reparaturfähigkeit" und "Langlebigkeit"
als selbstgesteckte Ziele des Möbelherstellers wird Nachhaltigkeit greifbar
und vergleichbar.
Das Beispiel BPAmoco
Im November 2000 schaltete BP in US-amerikanischen Tageszeitungen eine
Anzeigenkampagne mit dem Slogan "Beyond Petroleum". Zuvor hatte die
NGO Rainforest Action Network einen ähnlichen Slogan in ihrer Kampagne
"Beyond Oil" verwendet, womit sie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen
anprangerte. BP subsumierte im Anzeigentext jedoch unter den Alternativen
zu Benzin auch explizit die eigene Erdgasproduktion, die keine wirkliche
Alternative zu Erdöl darstellt. NGOs wie Corpwatch bezeichnen diese
gezielte Verwendung ‚grünen' Öko-Vokabulars, die eine (sprachliche)
chamäleonhafte Wandlung ermöglicht, als einen der klassischen Tricks
des ‚Greenwash'.[177]
Neben
der Verwendung von ‚Nachhaltigkeit' als sprachlicher Figur finden sich
weitere rhetorische Mittel zur Inszenierung: Im Rahmen der SD-Reports,
die Unternehmen regelmäßig veröffentlichen, hat sich ein Vorrat an rhetorischen
Allgemeinplätzen herausgebildet, der immer wieder herangezogen wird,
um den Leser von den guten Absichten des Unternehmens zu überzeugen.
Um ihre eigene Legitimationsbasis zu fördern, wird Unternehmen geraten,
sich auf moralische Autoritäten, wie z.B. Nobelpreisträger, zu berufen.[178]
Deren Appelle sollen Glaubwürdigkeit herstellen. So ist beispielsweise
der Sustainable-Development-Bericht der Bayer AG mit Bildern von Kofi
Annan ausgestaltet. Daneben findet sich ein Auszug aus der Rede des
UN-Generalsekretärs und Friedensnobelpreisträgers, die dieser 1999 vor
dem Weltwirtschaftsforum in Davos hielt und in der er seine Vision von
einem "Weltmarkt mit menschlichem Antlitz" der Weltöffentlichkeit präsentierte.[179]
Der BMW-Umweltbericht enthält - ebenso dieser Strategie folgend - ein
Interview mit Klaus Töpfer, dem Chef der UN-Umweltbehörde UNEP.[180]
Auch die rhetorische Verwendung nonverbaler, bildlicher Elemente lässt
sich wiederkehrend in den Umwelt- und Sozialberichten beobachten, z.B.
in Gestalt von Kindergesichtern, Fotos ausländischer Mitarbeiter, unberührten
Naturlandschaften oder einfach nur grünlich-erdfarben gestalteten Seiten
im Bericht.
Ein Beispiel, in dem die Sprache
der Öko-Bewegung gezielt aufgegriffen wird, ist der Henkel Nachhaltigkeitsbericht
2001. Auf der Titelseite (vgl. Abbildung
2) ist vor dem Hintergrund des Fotos eines spielenden Kindes
ein vielzitierter Slogan der Umweltschützer zu lesen, mit einem Zusatz,
der sich auf die Firma Henkel bezieht:
"Wir
haben die Welt nur von unseren Kindern geliehen. Wir wissen das."[181]
Hierbei soll dem intendierten kritischen Leser suggeriert werden, dass
das Unternehmen ‚seine Sprache spricht' und dass man von Unternehmensseite
her seine Besorgnis um einen lebenswerten Planeten versteht und ernstnimmt
- vor allem durch den Zusatz "Wir [Henkel] wissen das". Argumente enthält
dieses Statement jedoch nicht, diese werden erst weiter hinten im Nachhaltigkeitsbericht
aufgeführt. Isoliert betrachtet könnte man deshalb eine unterschwellige
Manipulation vermuten. Wiederum ist die Nähe zur erfolgsorientierten
"Anschlusskommunikation" von Ronneberger/Rühl zu erkennen (vgl. Kap.
3.2.1).
170 Clausen
et al. (2002): S. 25.
171 Überschrift
der Internetseiten der Unternehmensberatung Kohtes
Klewes.
Im Internet: www.agenturcafe.de/_sustainability/
(Zugriff:
01.08.2002).
172 Brand/Jochum
(2000): S. 22.
173 Horst
Mierheim/Michael Wehrspann: "Nur ein Beruhigungsmittel?
Kommunikation
über Nachhaltigkeit als politisches Instrument", in:
Politische
Ökologie Nr. 63/64 (Januar 2000), S. 16.
174 Procter
& Gamble (Hg.): Sustainability Report 2001, o.O. 2002, S. 2.
175 Brand/Jochum
(2000): S. 158.
176 Brand/Jochum
(2000): S. 157. Die Autoren beziehen sich auf
Aussagen
des Verbands der chemischen Industrie (VCI) von 1995.
177 Vgl.
Kenny Bruno: "BP: Beyond Petroleum or Beyond
Preposterous?",
Special to CorpWatch, 14. Dezember 2000, im
Internet:
http://www.corpwatch.org/campaigns/PCD.jsp?articleid=219
(Zugriff:
09.09.02). Die Kritik bezieht sich auf den Satz im Wortlaut
der
BP-Anzeige vom 15.11.2000 in der International Herald Tribune:
"Beyond
means being a global leader in producing the cleanest burning
fossil
fuel. Natural Gas."
178 Vgl.
Otto-Peter Obermeier: Die Kunst der Risikokommunikation.
Über
Risiko, Kommunikation und Themenmanagement, München
1999,
S. 172.
179 Vgl. Bayer
AG (Hg.): Sustainable Development. Das Engagement von
Bayer
für Umwelt und Gesellschaft, Leverkusen 2001, S. 12. - Die
hierin
zitierte Rede Kofi A. Annans wurde am 31. Januar 1999 in
Davos/Schweiz
vor dem Weltwirtschaftsforum gehalten.
180 Vgl. BMW
Group (Hg.): Umweltbericht 1999/2000, München 2000.
181 Henkel
KGaA (Hg.): Henkel Nachhaltigkeitsbericht 2001, Düsseldorf
2002,
S: Titelblatt. - Bei dem Zitat "Wir haben die Welt nur von
unseren
Kindern geliehen" handelt es sich eine Indianerweisheit
(Häuptling
Sitting Bull, Lakota-Indianer), die in der Umweltbewegung
viel
zitiert und sehr populär ist.