5.1.2
Beispiele aus der Praxis
5.1.2.1
Dilemmasituationen thematisieren
"Gewinn ist nicht alles, aber ohne Gewinn ist alles nichts. [...] Unser
Streben gilt daher angemessenen Erträgen zur Sicherung der Arbeitsplätze
und der unternehmerischen Unabhängigkeit. [...] Die Erwirtschaftung
von Erträgen ist kein Selbstzweck, sondern dient der Sicherung einer
verantwortungsvollen, nachhaltigen Entwicklung."[206]
Das
Zitat ist dem SD-Report Wilkhahn Mehrwerte des mittelständischen Möbelherstellers
Wilkhahn entnommen, der das Dilemma zwischen dem ökonomischen Nachhaltigkeitsziel
und den beiden anderen Dimensionen treffend beschreibt. Viele Unternehmen
stellen sich den Schwierigkeiten bei der Verwirklichung der drei Nachhaltigkeitsdimensionen,
indem sie die Konflikte und Dilemmasituationen offen ansprechen, mit
denen sie sich konfrontiert sehen. Vorbildliche SD-Reports legen solche
Problemlagen offen, beziehen Vor- und Nachteile in die Argumentation
mit ein und berichten über die unternehmensinterne Diskussion zu strittigen
Themen. Der Dialog mit Stakeholdern wäre danach erst der nächste Schritt.
Die Auseinandersetzung
mit Dilemmasituationen findet sich zum Beispiel auch im Corporate Citizenship
Report der Ford Motor Company: Der Autohersteller gesteht ein, dass
eine seiner profitabelsten Sparten, die sogenannten "Sport Utility Vehicels",
wegen ihres hohen Treibstoffverbrauches eigentlich umwelt-unfreundlich
sind.[207]
Das Beispiel Novo Nordisk
Novo
Nordisk stellt in seinen Berichten umstrittene Themen zur Diskussion.
Der SD-Report des dänischen Pharmaherstellers von 2002 trägt den Untertitel:
Dealing with dilemmas[208].
Die dilemmatische Situation des Unternehmens wird überzeugend dargestellt,
indem das Bekenntnis des Unternehmens zu ethischen Werten nicht losgelöst
neben der Beschreibung des Geschäftsalltags steht. Stattdessen geht
der Bericht konsequent auf die ethischen Fragen ein, die sich im Geschäftsalltag
eines Pharmaherstellers ergeben. Die Leitfrage des Reports lautet deshalb:
"How
do we do business consistently in an unjust, unequal world?"[209]
Der
Bericht setzt sich dann ausführlich mit der Kontroverse um Globalisierung
auseinander. Es folgen auf neun Seiten die Themen ‚Recht auf Gesundheit'
und ‚Zugang zu Gesundheitsversorgung', die auf anspruchsvollem Niveau
erörtert werden. Konkret bezieht sich die Darstellung auf die Auseinandersetzung
mit der südafrikanischen Regierung um die Patentrechte an Medikamenten.
Es wird gefragt:
"How
do we improve access to healthcare and make our products affordable,
and yet continue to operate a profitable business?"[210]
Der
Reflexionsprozess innerhalb des Unternehmens wird glaubwürdig dokumentiert:
Im Vorwort setzt sich der CEO des Unternehmens mit seiner eigenen, in
der Öffentlichkeit gemachten Aussage "We are not a humanitarian organisation"
auseinander.[211]
Die Meinung der eigenen Mitarbeiter zieht das Management von Novo Nordisk
als Indikator zur Bewertung der eigenen Glaubwürdigkeit heran und überprüft
dadurch, ob die im Bericht publizierten sozialen und ökologischen Wertehaltungen
auch eingehalten werden.[212]
Auch auf die
vehemente Kritik am Unternehmen wird eingegangen, indem die Argumente
von Globalisierungsgegnern wiedergegeben werden. Aktivisten kommen sogar
selbst zu Wort (wie z.B. eine Vertreterin der britischen NGO Oxfam),
wodurch der glaubwürdige Eindruck entsteht, dass das Unternehmen einen
ernsthaften, auf Verständigung gerichteten Dialog mit seinen Stakeholdern
führt. Die Einbeziehung der Stakeholder-Kommentare unterstützt kommunikativ-dialogische
Legitimität und substituiert eine tendenziell unglaubwürdige Selbstdarstellung
durch eine Fremddarstellung.[213]
Novo Nordisk
stellt daraufhin seine eigenen Argumente dar und legt Beispiele vor,
wie das Unternehmen konkret seiner moralischen Verpflichtung gegenüber
mittellosen Schwerstkranken in Entwicklungsländern gerecht werden will,
ohne die wirtschaftliche Grundlage des Unternehmens und seine Rentabilität
in Frage zu stellen.[214]
Das dänische Unternehmen behandelt
damit Themen, die sowohl für die finanziellen Stakeholder (Investoren)
als auch für die gesamte kritische Öffentlichkeit von höchster Relevanz
sind. Das Unternehmen beschränkt sich nicht auf die Nennung von Emissionsdaten
und Abfallmengen und sieht seine soziale Verantwortung auch nicht durch
das Aufsummieren aller wohltätigen Spenden als erschöpft an. Die integrierte
Darstellung sozialer und ökonomischer Inhalte ist selten und daher geradezu
auffallend in der Nachhaltigkeitskommunikation eines Unternehmens.
Um dem Gedanken der Nachhaltigkeit
als Lernprozess Rechnung zu tragen, zeichnet Novo Nordisk seine Fortschritte
graphisch als Lernkurve auf. Der Lernprozess begann mit der Auseinandersetzung
über Umweltfragen, darauf folgte die Beschäftigung mit bioethischen
Fragen, weiterhin soziale Verantwortung und Menschenrechte und zuletzt
kam das Thema Zugang zu Gesundheitsversorgung in die interne Diskussion.
Umweltfragen wurden bei Novo Nordisk so bereits seit Anfang der 1990er
Jahre diskutiert, die notwendigen Mechanismen zur Berücksichtigung von
Umweltfragen in allen Managemententscheidungen sind nun implementiert.
Einen Bericht über die entsprechenden Leistungen auf dem Umweltsektor
gibt es seit 1993 jährlich. Nach und nach wurden auch die neuen Bereiche
in die Berichterstattung integriert (Bioethik (1997), soziale Verantwortung
(2000)).
206
Wilkhahn, Wilkening+Hahne GmbH&Co (Hg.): Wilkhahn
Mehrwerte,
Bad
Münder 2000, S. 6.
207 Vgl. SustainAbility/UNEP
(2000): S. 18.
208 Novo
Nordisk (Hg.): Reporting on the Triple Bottom Line 2001.
Dealing
with dilemmas, Bagsvaerd/Dänemark 2002.
209 Novo Nordisk
(2002): S. 13.
210 Novo Nordisk
(2002): S. 23.
211 Vgl. Novo
Nordisk (2002): S. 2f.
212 Vgl. Novo
Nordisk (2002): S. 11.
213 Theoretisch
erörtert bei: Bernd Ulrich Biere: "Strategien der
Selbstdarstellung",
in: Theo Bungarten, (Hg.): Selbstdarstellung und
Öffentlichkeitsarbeit,
Eigenbild und Fremdbild von Unternehmen,
Beiträge
zur Wirtschaftskommunikation, Tostedt 1994, S. 17.
214 Zwei Initiativen
von Novo Nordisk sind beispielsweise: LEAD
(Leadership
in Education and Access to Diabetes care) und DAWN
(Diabetes
Attitudes, Wishes and Needs); vgl. Novo Nordisk (2001):
S.
20f.