5.1.2.3
Glaubwürdigkeit beim Leser
Wenn Unternehmen mit ihren gesellschaftlichen Anspruchsgruppen mittels
SD-Reports in einen Dialog kommen wollen, sind sie darauf angewiesen,
dass sie überhaupt Gehör bei diesen Kommunikationspartnern finden. Dazu
müssen SD-Reports glaubwürdig sein[223], sonst können
sie ihre Funktion als Grundlage des gesellschaftlichen Dialogs und der
gesellschaftlichen Legitimation nicht erfüllen.
Bei den Lesern eines Unternehmensberichtes
führt aber allein
"die
Identifikation des Unternehmens als Absender einer ökologischen Botschaft
zu einem Glaubwürdigkeitsproblem. Das Glaubwürdigkeitsdefizit von Unternehmen
gilt in der wissenschaftlichen Literatur und kommunikativen Praxis als
eines der zentralen Probleme [...]. Hinsichtlich der Frage, wer objektiv
über Umweltfragen informiert, genießen die Unternehmen in der Bevölkerung
als Informationsquelle das geringste Vertrauen."[224]
Nicht
zuletzt spielt offene, glaubwürdige Kommunikation eine Rolle bei Verkürzung
der Distanz zwischen der Lebenswelt des Unternehmens und den verschiedenen
Lebenswelten externer Anspruchsgruppen.[225] "Um
dauerhaft glaubwürdig zu bleiben, müssen die Unternehmen bereit sein,
auch darüber zu sprechen, wie und womit sie ihr Geld verdienen. Wofür
sie es ausgeben, ist für die Öffentlichkeit eher von nachgeordnetem
Interesse."[226]
Ein
Faktor für Glaubwürdigkeit ist die Wesentlichkeit und Relevanz der im
Bericht dargestellten Inhalte. Dies bedeutet, dass vor allem Probleme
von hohem öffentlichen aktuellen Interesse offen thematisiert werden
müssen. Oft ist dies aber nicht der Fall.
Die
Wissenschaftler Hroch und Schaltegger führten eine empirische Untersuchung
zu einem der derzeit brisantesten Umweltthemen, dem Treibhauseffekt,
durch. Dabei untersuchten sie eine Auswahl von Umweltberichten und -erklärungen
großer deutscher Unternehmen. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus, - die
Berichte gehen "insgesamt wenig auf die aktuelle umweltpolitische Diskussion
ein. Umwelterklärungen und -berichte nehmen auf die Treibhausproblematik
und den Energieverbrauch nur wenig Bezug und können also nicht als aktualitätsbezogen
bezeichnet werden".[227]
In vielen anderen SD-Reports werden
aktuelle Problemsituationen dennoch tatsächlich thematisiert. Allerdings
ist hier wiederum die Wesentlichkeit der Information fragwürdig. Es
wird kritisiert, dass der Eindruck entstehe, die einzigen Sorgen der
Unternehmen seien vereinzelte Störfälle und Arbeitsunfälle. Dies trifft
beispielsweise auf die "Responsible Care"- Initiative der chemischen
Industrie zu[228], die mühsam Daten zu besonderen
Vorkommnissen (pro Tausend Arbeitsstunden) zusammenträgt.
Von
größerem Interesse wäre dagegen eine Aufstellung der externen Auswirkungen
unternehmerischer Tätigkeit: Beispielsweise die Implikationen der Unternehmenstätigkeit
auf die Gesellschaften der Entwicklungsländer.[229]
Auch strategisch kritische Fragen, die die langfristige Entwicklung
des Unternehmens im gesellschaftlichen und ökologischen Umfeld betreffen,
müssen in die Berichterstattung eingebunden werden. Die Automobilbranche
müsste so beispielsweise den Verkehrsinfarkt thematisieren und zu steigendem
Ressourcenverbrauch Stellung nehmen. In den Berichten finden sich jedoch
statt dieser öffentlich diskutierten Themen oft nur Kapitel über die
neueste Motorentechnik. Ein ähnlich unglaubwürdiges Verdrängungsschema
findet sich bei Luftfahrtgesellschaften, die gerne über Lärmreduktion,
nicht aber über die Folgen des steigenden Luftverkehrsaufkommens berichten.
Stattdessen sollte deutlich werden, dass Unternehmen Verantwortung für
diese großen gesellschaftlichen Probleme übernehmen.[230]
Positiv zu
erwähnen ist das norwegische Unternehmen Norsk Hydro. Schulz hebt den
Bericht Norsk Hydro Environmental Responsibility 1993 in seiner
empirischen Analyse zu 13 Konzernen aus der Chemiebranche hervor. "Die
ausgewiesenen Informationen orientieren sich im Gegensatz zu den anderen
Berichten direkt an den negativen Umwelteinflüssen wie Überdüngung,
saurem Regen und Greenhouse-Effekt, für jedes dieser Hauptprobleme werden
die dafür mitverantwortlichen und von Norsk Hydro emittierten Stoffe
quantitativ dargestellt und Maßnahmen zur weiteren Reduzierung der Emissionen
aufgezeigt."[231]
Das
Beispiel British Airport Administration (BAA)
Der
britische Flughafenbetreiber BAA gab erstmals für 1999/2000 einen SD-Report
heraus, in den auch der offizielle Geschäftsbericht integriert ist.
Obwohl der Bericht auf Anhieb das Ranking der Beratungsfirma SustainAbility
und der UN Umweltbehörde UNEP gewann, wurde er stark kritisiert. Fundamentale
Aspekte der Unternehmenstätigkeit, nämlich die Auswirkungen des zunehmenden
Flugverkehrs auf Umwelt und Gesellschaft würden nicht erkannt - oder
zumindest nicht genannt. BAA gehe implizit davon aus, dass auch in Zukunft
der Luftverkehr weiter unbeschränkt zunehmen wird.[232]
"[Der Bericht] ignoriert damit die auch unternehmensstrategisch wichtigen,
langfristigen Konsequenzen einer solchen Entwicklung für die Umwelt."[233]
Damit ist ein wesentlicher Bestandteil der geforderten Informations-Transparenz,
nämlich die Lückenlosigkeit der Informationen[234],
nicht erfüllt. Die Folge ist eine erhebliche Minderung der Glaubwürdigkeit
des Berichtes, obwohl alle offengelegten Informationen ansonsten wahrheitsgemäß
sind.
BAA berichtet dagegen ausführlich
über Bemühungen zur Lärmminderung und über die Abgasreduzierung bei
Flughafenfahrzeugen. Die Umweltauswirkungen von Flugzeugen werden eingehend
nur im Bezug auf Lärmverursachung behandelt, von der relevanten
Thematik der Flugzeugabgase wird eher abgelenkt durch den Hinweis,
dass nicht nur Flugzeuge die Umwelt schädigen, sondern auch die anreisenden
Fluggäste im Individualverkehr:
"It's
not just planes that have an impact on the environment - travelling
to and from the airport by car increases congestion and pollution too.
[...] Which is why we do everything we can to encourage alternative
forms of transport to our airports."[235]
Vom
Umweltgesichtspunkt her völlig unproblematisch wird andererseits die
Entwicklung des zunehmenden Billigflugsektors dargestellt, genauso die
Tatsache, dass im Jahr 2001 bereits 3,3 Millionen Briten auch über das
Wochenende für einen "short break" ins Flugzeug stiegen. London-Stansted,
der Heimatflughafen vieler Low-Budget-Airlines, ist der weltweit am
schnellsten wachsende Airport. Dies veranlasst den Betreiber zu sagen:
"So at BAA we continue to plan for future development."[236]
Im
Gegensatz zum obigen Beispiel, könnten SD-Reports Glaubwürdigkeit vielmehr
durch aktive Verantwortungsübernahme erlangen. Hier kommt es darauf
an, Probleme und Auswirkungen zu benennen, die durch das Unternehmen
verursacht werden und Lösungen aufzuzeigen.
Die Beispiele BPAmoco und Unilever
Trotz
Kritik an einigen PR-Aktionen von BP (wie in Kapitel 4.5 dargestellt)
sollen positive Seiten des SD-Reports des Ölkonzerns nicht unerwähnt
bleiben. Isoliert betrachtet, wirkt der Bericht Performance for all
our futures glaubwürdig. Das Unternehmen übernimmt explizit die
Verantwortung für die eigenen Produkte und die von diesen ausgehenden
schädlichen Wirkungen.
"We recognise that so far we have only focused
on about one-tenth of the emissions from the oil and gas we extract,
which we use within our operations. It is the consumption of our products
that has the greater impact on the environment and so offers the most
significant opportunity for progress."[237]
BP
will angesichts der noch nicht bewiesenen Ursachen des Klimawandels
nach dem Vorsichtsprinzip handeln.
Noch differenzierter stellt der
Unilever Social Review 2000[238] die Unternehmensverantwortung
dar. Unilever erkennt drei Stufen der Verantwortung an (vgl. dreistufige
Pyramide, Abbildung 4).
Es wird unterschieden zwischen den unmittelbaren Auswirkungen der eigenen
Operationen und den indirekten Auswirkungen durch die Wertschöpfungskette.
Die soziale Verantwortung basiere vor allem in der Übernahme von Verantwortung
in diesen beiden Kategorien. Das Unternehmen versichert damit, dass
es zunächst vor der eigenen Türe ‚kehren' will. Wohltätige Spenden gehören
trotzdem zum Verantwortungsverständnis des Unternehmens, jedoch eher
als ‚Krönung' der Pyramide und nicht als Ausgleich für etwaige negative
Auswirkungen der eigenen Operationen.
223
Vgl. Dyllick (1989): S. 485.
224 Lichtl
(1999): S. 81.
225 Waldemar
Hopfenbeck/Peter Roth: Öko-Kommunikation. Wege zu
einer
neuen Kommunikationskultur, Landsberg/Lech 1994, S. 58.
226 Andreas
Steinert, Kohtes Klewes Bonn GmbH: Im Internet:
www.agenturcafe.de/_sustainability/index_12145.htm,
(Zugriff:
15.05.2002).
227 Die
Autoren sehen die Berichterstattung als Spiegel des Umwelt-
managements.
Vgl. Nicole Hroch, Stefan Schaltegger: Wie gut
berücksichtigen
Umwelterklärungen und -berichte zentrale umwelt-
politische
Themen? Vergleichende Untersuchung am Beispiel von
Angaben
über CO2- Emissionen und Energieverbrauch für 1995/96
und
1998/99, Lüneburg 2001, S. 3/11/20.
228 Vgl.
Greer/Kenny (1996): S. 35.
229 Vgl.
SustainAbility/UNEP (2000): S. 4.
230 Vgl. Clausen
et al. (2001): S. 32.
231 Thomas
M. Schulz: Ökologieorientierte Berichterstattung von
Unternehmen.
Ökologieorientierte Berichterstattung in Geschäfts- und
Umweltberichten
unter Berücksichtigung der Informationsbedürfnisse
der
Stakeholder, untersucht in der europäischen Chemieindustrie,
Diss.,
Bern 1995, S. 177. - Auch Gray (1994: S. 41) bestätigt, dass
Norsk
Hydro außergewöhnlich weit gegangen sei in der Offenlegung
von
Informationen, die eigentlich zum Nachteil der Firma seien. Gray
stuft
den Report als besonders ausführlich und ehrlich ein.
232 Vgl.
SustainAbility/UNEP (2000): S. 52 und Raupach (2001).
233 Clausen
et al. (2002): S. 86.
234 Vgl.
Wild (2001).
235 British
Airport Administration (BAA): Investing for the future. Annual
Report
2001/02, London, S. 15.
236 BAA:
S. 29.
237 BPAmoco:
Performance for all our futures, o. O. 2002, S. 12.
238 Vgl.
Unilever (Hg.): Social Review 2000. Unilever's approach to
corporate
social responsibility, o.O. 2001, S.4, Chart 8.