5.1.3
Kritische Würdigung des Instruments SD-Report
Die Grenzen zwischen Inszenierung von Nachhaltigkeit und nachhaltiger
Kommunikation können auch in Nachhaltigkeitsberichten fließend sein.
Shell ist zwar aus bitterer Erfahrung zu der Erkenntnis gelangt, dass
Unternehmen in einer "show-me-society" agieren und deshalb ihren Worten
Taten folgen lassen müssen. Ob dies jedoch ein Indiz ist für einen generellen
Wandel der Öffentlichkeitsarbeit, weg von der Rhetorik und den vielgescholtenen
Lippenbekenntnissen, hin zu gelebter Verantwortung, bleibt offen.
Nachhaltigkeitsberichte sind auf
Zeichen und sprachliche Mittel zur Vermittlung angewiesen und müssen
die Wirklichkeit sprachlich rekonstruieren. Deshalb müssen auch die
Leser von SD-Reports vor Manipulation auf der Hut sein und sich selbst
ein Urteil darüber bilden, ob der Bericht einem nachhaltigen, ergebnisoffenen
Prozess dient. Wenn die Bayer AG eine Rede Kofi Annans abdruckt, so
könnte dies entweder als Austausch von Argumenten mit wichtigen Stakeholdern
des Unternehmens gewertet werden oder - wie es in dieser Arbeit getan
wurde - mit dem Versuch gleichgesetzt werden, das Unternehmen wolle
lediglich vom guten Ruf eines Nobelpreisträgers profitieren. Letzteres
ist am Ende genauso subjektiv wie die weiter oben geäußerte Vermutung,
Novo Nordisk habe Interesse an konstruktiver Kritik, weil das Unternehmen
Nichtregierungsorganisationen zu Wort kommen lässt.
Natürlich
haben SD-Reports auch einen gewissen ästhetischen Anspruch, allein,
um zum Lesen einzuladen. Eine ansprechende Aufmachung muss in angemessener
Weise rhetorische Mittel zulassen (dies können z.B. Bilder sein). Raupach
merkt kritisch an, dass das Ziel der Rechenschaftslegung oft verwässert
wird. Stattdessen verkämen SD-Reports eher zu "informationshaltigen
Imagebroschüren", wenn nicht gar vollständig zu Werbebroschüren, denn
vor allem kleine und mittelständische Unternehmen nutzen die Berichte
auch zur Selbstdarstellung.[247]
Während
sich viele Unternehmen durch SD-Reporting als proaktive Akteure im Nachhaltigkeitsprozess
erfolgreich profilieren können, sind die Erfolge für Natur und Gesellschaft
schwer zu messen. Shell wird beispielsweise zunehmend als ein führendes
Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit angesehen. Nach Angaben der Trendforschungsagentur
Environics International verbesserte sich der Ölkonzern in der Wahrnehmung
von 150 Experten von 4% 1999 auf 15% in 2001.[248]
Diese Verschiebung in der Beurteilung ist wohl in erster Linie auf die
"für Experten wahrnehmbare intensive Beschäftigung von Shell mit dem
Thema Nachhaltigkeit" zurückzuführen. Trotz der Reports People, Planet
and Profits ist Shell in so kurzer Zeit "kein grundlegend anderes
Unternehmen geworden". Allein, Shell hat die oben beschriebenen weltweit
beachteten Reports zu nachhaltigkeitsrelevanten Themen veröffentlicht
und sich öffentlich engagiert. So
hat der Ölkonzern auch nach der Brent-Spar-Krise hohe Erwartungen an
sich selbst gestellt, die nun erfüllt werden müssen. Dies ist ein mutiger
Schritt. Ein bewusstes ‚Understatement' wäre möglicherweise mit weniger
Risiko verbunden gewesen, um nicht abermals zum Opfer entlarvender kritischer
Medienberichte zu werden. Trotzdem kommuniziert das Unternehmen heute
ein starkes internes Engagement deutlich nach außen.[249]
Hinzu kommt, dass Shell beispielsweise in Deutschland verstärkt in erneuerbare
Energien investiert.[250]
Wichtig ist, dass alle Unternehmen,
die in der Kommunikation durch ihre SD-Reports führend sind, nun auch
die entsprechenden greifbaren Veränderungen herbeiführen und die aufgebauten
Erwartungen nicht enttäuschen. Dilemmasituationen dürfen keine Entschuldigung
für Untätigkeit sein, zumal vielen Unternehmen unterstellt wird, Interesse
an der Beibehaltung des Status quo zu haben. Andernfalls müsste man
die Strategie der Nachhaltigkeitskommunikation als besonders subtile
persuasive Strategie einstufen.
Der mehr oder
weniger gewollte Dialog mit der Öffentlichkeit hat aber in vielen Fällen
tatsächlich zu Verhaltensänderungen bei Unternehmen geführt. Schulz
berichtet dies beispielsweise vom Chemieproduzenten ICI. Dieser erwähnte
1993 in seinem Bericht Environmental Performance, dass Bedenken
aus der Öffentlichkeit dazu geführt hätten, dass nun verstärkt auf FCKW-freie
Produkte gesetzt werde.[251]
Was
das Potenzial der SD-Reports zur Förderung von Dialogen zwischen Unternehmen
und Stakeholdern angeht, ist folgendes festzustellen: Dialoge werden
zwar nach Angaben der berichterstattenden Unternehmen gewünscht, kommen
aber oft nicht zustande. Müller-Christ/Höfer stellten in einer empirischen
Studie fest: "Einheitlich wird berichtet, dass die breite Veröffentlichung
der Umweltberichte nicht zu einem verstärkten Dialog zwischen den Unternehmen
und ihren relevanten Umwelten geführt hat"[252].
Viele kleinere Unternehmen berichten, dass auch von Seiten der unmittelbar
betroffenen Stakeholder (z.B. der Nachbarschaft) so gut wie kein Interesse
an den Veröffentlichungen besteht. Die Forscher sehen die Ursache hierfür
aber weniger beim Stakeholder, als vielmehr in der mangelhaften Qualität
der Berichte. Unternehmen neigten dazu, "den Dialog auf den Austausch
von Informationen zu beschränken." Auch wenn keine
Rückfragen von der Stakeholder-Seite kämen, müsse dies nicht heißen,
dass die adressierten Stakeholder überzeugt worden seien. In Wirklichkeit
böten viele Berichte "keine inhaltlichen Anknüpfungspunkte für mögliche
Dialogpartner. Vermutlich würde das Ideal des Dialoges, durch Rede und
Gegenrede die Wahrheit zu entdecken, von den Unternehmen noch als bedrohlich
wahrgenommen."[253]
Außerdem
nehmen Stakeholder Dialogangebote nicht an, wenn kein ergebnisoffener
Prozess in Aussicht gestellt wird. Stakeholder erkennen schnell, ob
ihnen die Firmen das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung lediglich
entgegenhalten, um auf ihre ökonomische Überlebensfähigkeit oder ihre
(soziale) Arbeitsplatzverantwortung zu verweisen.[254]
Wenn das Wohlergehen des Unternehmens den ökologischen und sozialen
Nachhaltigkeitszielen übergeordnet wird, ist der Diskurs von vorneherein
eingeschränkt. In einem ergebnisoffenen Dialog darf es aber keine "Hierarchie
der Ziele" geben.[255]
247
Vgl. Michaela Raupach/Jens Clausen (2001): "Kreativität
oder Norm?
Nachhaltigkeitsberichterstattung
ist auf dem Weg", in: Ökologisches
Wirtschaften
1 (2001), S. 26f.
248 Vgl.
Environics International (Hg.): Globe Scan Survey Highlights,
unveröfftl.
Manuskript, Toronto 2001, zit. n. Clausen et al. (2002):
S.
22.
249 Vgl. Clausen
et al. (2002): S. 22f.
250 Vgl. z.B.
die Internetseiten von Shell Deutschland über die Shell
Solarzellenfabrik
in Gelsenkirchen, die die weltweit modernste und
zugleich
größte Produktionsanlage zur Herstellung von Solarzellen in
Europa
darstellt. Im Internet: http://www.shell-solar-piz.de,
(Zugriff:
31.08.2002).
251 Vgl. Schulz
(1995): S. 182.
252 Müller-Christ/Höfer
(1998).
253 Müller-Christ/Höfer
(1998).
254 Vgl. Schneidewind
(2002): S. 24.
255 Wild
(2002): S. 98.