5.1
Sustainable-Development-Reporting
Ein SD-Report ist ein Unternehmensbericht[182], der
"offen über die relevanten vom Unternehmen ausgehenden ökologischen
und sozialen Probleme und die ergriffenen Maßnahmen berichtet und der
die Probleme und Handlungen systematisiert und priorisiert."[183]
SD-Reports haben sich inzwischen zu einer Art ‚Textgattung' innerhalb
des Nachhaltigkeitsdiskurses entwickelt. Als Print-Medium stellen sie
eine asymmetrisch und einseitig angelegte Kommunikationsform dar. Dies
steht zunächst im Widerspruch zu der oben hergeleiteten Notwendigkeit
dialogischer Kommunikation für Nachhaltigkeit. Allein praktisch ist
ein Dialog jedoch nicht immer mit sämtlichen Betroffenen der Unternehmensaktivitäten
und allen Stakeholdern realisierbar. Dies macht es erforderlich, auch
indirekte und monologische Kommunikationsinstrumente in eine nachhaltige
Kommunikationsstrategie aufzunehmen.[184] Außerdem
finden sich auch im an sich monologischen Kommunikationsmedium ‚SD-Report'
immer häufiger Elemente zweiseitiger, symmetrischer Kommunikation: Die
Berichte werden bereits zum Teil mit Stakeholder-Dialogen und internetbasierten
Kommunikationsformen verzahnt.
Ungeachtet
der qualitativen Anforderungen (die im Folgenden behandelt werden) deklarieren
immer mehr Großunternehmen[185] ihre Unternehmensberichte
als ‚Nachhaltigkeitsberichte', auch wenn nicht alle Kriterien erfüllt
werden.[186] Unter den berichterstattenden Unternehmen
finden sich sowohl Firmen, die sich unter Druck von außen dem Thema
Nachhaltigkeit zuwenden, als auch ‚Überzeugungstäter', darunter oft
inhabergeführte Mittelständler.[187]
Laut der
umfangreichen Studie der britischen Beratungsfirma SustainAbility decken
nicht alle ‚Sustainability-Reports' alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen
gleichmäßig ab. Meist erfüllen die Firmen die Anforderungen nur im Bereich
der Umweltleistungen; ökonomische bzw. soziale/ethische Performanz werden
nur von einem Drittel erfüllt.[188] Andererseits
können auch Berichte, die nicht explizit das Wort ‚Nachhaltigkeit' im
Titel führen, die Anforderungen erfüllen. Gemeint sind also auch erweiterte
Umwelt-, Geschäfts- und Sozialberichte genauso wie Corporate Responsibility
bzw. Corporate Citizenship Reports.
Die Entwicklung hin zu voll entwickelten
Sustainable-Development-Reports verläuft meist graduell, so dass sich
jedes Unternehmen in einer unterschiedlichen Ausprägungsphase befindet.
Die Umweltbehörde der Vereinten Nationen (UNEP) und Sustain-Ability
klassifizieren die ökologie- und gesellschaftsorientierten Kommunikationsanstrengungen
in einem Fünf-Stufen-Modell. Das Modell erfasst sowohl Berichte, die
noch Entwicklungsbedarf aufweisen und von einseitiger, persuasiver Kommunikation
geprägt sind, als auch Reports, die unter interaktiver Einbindung der
Anspruchsgruppen entstanden sind. Erst diese letzte Stufe kann dann
als Phase des "Sustainability-Reporting" bezeichnet werden. Ziel
sollte demnach für die Unternehmen sein, ihre Reports nicht als "grüne
Hochglanzbroschüren mit Landschaftsbildern" zu gestalten, sondern relevante
Informationen preiszugeben. Externe Stakeholder sollten dadurch in die
Lage versetzt werden, das Unternehmen qualitativ einzuschätzen. Über
welche Themen und Informationen berichtet wird, sollte nicht allein
das Unternehmen bestimmen, sondern dies muss Ergebnis der Verständigung
mit den Anspruchsgruppen sein.[189]
Aus
theoretischer Sicht sind SD-Reports in der Lage, wesentliche Beiträge
zur Nachhaltigkeit zu leisten. Schneidewind sieht in der integrierten
Umwelt- und Sozialberichterstattung die "zentrale Grundlage für ein
reflexives Unternehmen", da es der Gesellschaft und letztlich sich selbst
Rechenschaft über die Nebenfolgen seines Tuns ablegt.[190]
Auch SustainAbility/UNEP begreifen SD-Reporting im Sinne der Rechenschaftspflicht
("corporate accountability") und als Instrument zu Veränderungen im
Unternehmen.[191] ‚Accountability' trägt somit zur
Erlangung der ‚license to operate' (Gesellschaftlichen Betriebsgenehmigung
für Unternehmen) und zur Herstellung von gesellschaftlicher Legitimität
bei.[192]
Andere
Autoren sehen SD-Reporting vielmehr als Teil symmetrischer Kommunikationsprozesse,
wobei der Bericht durch authentische Informationen die Basis für Dialog
schafft. Wild betont den Stellenwert des SD-Reports als "zentrales Instrument
kritischen Dialogs zwischen Unternehmen und Gesellschaft".[193]
Die Funktion des Einstiegs in den Dialog erfüllen die Berichte, "sofern
[...] klare Dialogangebote gemacht werden".[194]
(Nennung von Ansprechpartnern; beigelegte Rückfrage-Postkarten, ausdrückliche
Aufforderung zum Feedback, usw.)
Die Notwendigkeit
zur ganzheitlichen und vernetzten Darstellung ökologischer, sozialer
und ökonomischer Aspekte der Unternehmenstätigkeit wird von Raupach
hervorgehoben. Grundsätzlich sei ein SD-Report "mehr als lediglich die
Summe der drei Einzelaspekte", da "Wechselwirkungen, Synergien und Zielkonflikte"
dargestellt werden müssten. Die beiden Dimensionen Ökologie und Ökonomie
könnten sinnvoll verknüpft werden, indem beispielsweise über die Umwelteinwirkung
des Unternehmens pro Dienstleistungseinheit berichtet wird. Zum ganzheitlichen
Bild gehöre auch die Beschreibung gemeinsamer Planungsprozesse mit Anspruchsgruppen
und ein Bericht über Kritik und Beschwerden an das Unternehmen.[195]
SD-Reporting
als ein Instrument des Wandels funktioniere nur, so Gray/Owen/Adams,
wenn dadurch die derzeitige Nicht-Nachhaltigkeit von Unternehmen offengelegt
werde. Denn Ziel der Kommunikation mit dem Stakeholder sei es, Verhaltensänderungen
beim Adressaten der Information und auch beim Sender, also dem Management
der Firma, herbeizuführen.[196]
"Reporting for sustainability is likely to show
that western organisations are not currently sustainable. [...] If corporations
are to contribute fully to humanity's attempts to seek a sustainable
existence then a strong case can be made for the development of accounting
and reporting systems which will support this process. In broad terms
this will require the monitoring and recording of data that relates
to the extent to which an organisation is acting (un)sustainably. This
data will form the basis of information for both management and the
external participants of the organisation who should then be in a position
to monitor and assess the organisation's progress towards sustainability
(or away from un-sustainability) and make judgements and take steps,
in the light of the information, as they see fit."[197]
Bezüglich
des genauen Inhalts der Berichte und der Informationsbedürfnisse der
Anspruchsgruppen gibt es Diskrepanzen zwischen der Wahrnehmung der berichterstattenden
Firmen und der Sicht der Stakeholder selbst: Während nach Erkenntnissen
von UNEP/ SustainAbility viele Firmen meinen, die Leser der Berichte
wollten sich lediglich oberflächlich über die guten Absichten des Unternehmens
rückversichern, hätten die meisten Stakeholder doch weitaus konkretere
Erwartungen an SD-Reports. Die Anspruchsgruppen wollten hauptsächlich
erkennen können, dass sich eine Firma um Nachhaltigkeit deutlich bemüht.
Was die technischen Informationen der Berichte angehe, so müssten diese
überprüfbar und vergleichbar sein. Die Stakeholder wollten aber nicht
mit Details, beispielsweise mit einzelnen Emissionswerten, überhäuft
werden, sondern sich einen Begriff von den damit verbundenen Umweltauswirkungen
machen.[198] Schaltegger geht davon aus, dass es
genüge, wenn ein Unternehmen glaubwürdig den Eindruck vermittele, dass
es die technischen Prozesse "im Griff hat". Wichtiger als Einzelheiten
sei es, zu beweisen, dass das Unternehmensziel ein legitimes ist und
dass die Stakeholder den Werten des Unternehmens zustimmen können.[199]
Im
Rahmen der von den Vereinten Nationen geförderten Global Reporting
Initiative[200] wird in Zusammenarbeit mit Vertretern
aller Stakeholder-Gruppen über Richtlinien verhandelt, die für alle
SD-Reports gelten sollen. Dies wird mehr Klarheit darüber bringen, über
welche Einzelheiten konkret berichtet werden soll. Ziel dieser Organisation
ist es, einen Konsens über die operativen Indikatoren für Nachhaltigkeit
zu entwickeln.[201]
Themen,
die auf jeden Fall von jedem größeren, international agierenden Unternehmen
angesprochen werden sollten sind:
- Arbeits- und Sozialbedingungen,
- Tragfähigkeit des Ökosystems
beim Umgang mit Materie und Energie,
- Verwirklichung von Gerechtigkeit
und Konfliktausgleich[202] sowie
- Rolle des Unternehmens
bei der Verteilung von Reichtum.[203]
182
Teilweise werden SD-Reports auch lediglich als
Beleg eines
erweiterten
buchhalterischen Umwelt-Rechnungslegungsansatzes
gesehen.
Dies ist durchaus notwendig zur Internalisierung externer
Kosten,
nicht aber Gegenstand dieser Arbeit. Die Darstellung der
gesellschaftlichen
und sozialen Verantwortung der Unternehmen soll
hier
Vorrang vor einer rein umwelt- und finanztechnischen Aufstellung
haben.
183 Schneidewind
(2002: S. 30) bezieht sich auf Nachhaltigkeitsberichte,
der
Begriff wird aber in dieser Arbeit synonym mit SD-Report
gebraucht.
184 Vgl.
Seydel (1998): S. 187.
185 Laut
dem "KPMG International Survey of Corporate Sustainability
Reporting
2002" liegt der Anteil der Firmen, die SD-Reports
publizieren,
heute bei 45 Prozent der "Fortune 250", also der 250
größten
Unternehmen im Ranking des amerikanischen Wirtschafts-
magazins
Fortune. Bei der letzten Untersuchung vor drei Jahren hatte
er
noch bei 35 Prozent gelegen.
186 Auch
NGOs stimmen meist zu, dass allein die Existenz eines
Umweltberichts
ein gutes Zeichen ist, auch von der "schmutzigsten"
Firma.
(Vgl. SustainAbility/Deloitte Touche Tohmatsu (Hg.): Coming
Clean:
Corporate Environmental Reporting, o.O. 1993, S. 38).
187 Vgl.
Heike Leitschuh-Fecht, "Wie sage ich es meinen Bürgern?
Kommunikation
über Nachhaltigkeit in Unternehmen", in: Frankfurter
Rundschau,
04.05.2002.
188 Vgl.
SustainAbility/UNEP (Hg.): The Global Reporters. First
International
Benchmark Survey of Corporate Sustainability Reporting,
London
2000, S. 3.
189 Vgl.
SustainAbility/UNEP (Hg.): Engaging Stakeholders - The
Benchmark
Survey. The second international progress report on
company
environmental reporting, Bd. 1, London 1996, S. 19-25.
190 Vgl. Schneidewind
(2002): S. 30.
191 Vgl. SustainAbility/UNEP
(2000): S. 1.
192 Vgl. Clausen
et al. (2000): S. 12.
193 Wild (2002):
S. 95.
194 Müller-Christ/Höfer
(1998).
195 Vgl.
Michaela Raupach: "Kreativität oder Norm? Nachhaltigkeits-
berichterstattung
ist auf dem Weg"; in: Ökologisches Wirtschaften, 1
(2001),
S. 26f. - Siehe auch: Philipp Hauth/Michaela Raupach:
"Nachhaltigkeitsberichte
schaffen Vertrauen", in: Harvard Business
Manager,
5 (2001), S. 24-33.
196 Vgl.
Gray/Owen/Adams (1996): S. 42.
197 Rob
Gray: "Corporate Reporting for Sustainable Development:
Accounting
for Sustainability in 2000AD", in: Environmental Values, 3
(1994),
S. 18.
198 Vgl.
SustainAbility/UNEP (1996a): S. 7.
199 Vgl. Stefan
Schaltegger: "Management von Stakeholderbeziehungen -
Mehr
Handlungsspielraum durch Reporting?", Vortrag gehalten beim
"Round
Table 'Unternehmensreporting', am 12. September 2002 im
Presseclub
München, veranstaltet von ECC Kohtes Klewes, Bonn.
200 Vgl. Global
Reporting Initiative (Hg.): Sustainability Reporting
Guidelines,
Boston 2002.
201 Vgl. United
Nations Environment Programme (UNEP), Division of
Technology,
Industry and Economics (Hg.): Industry as a partner for
sustainable
development 10 years after Rio: the UNEP assessment;
A
contribution to the
World Summit on Sustainable Development,
Extended
Executive summary, Paris 2002.
202 Vgl. Wild
(2001).
203 Vgl. Gray/Owen/Adams
(1996): S. 296.