Einleitung
‚Wirtschafte
nachhaltig und sprich darüber!' Sollte man Unternehmen diese Faustregel
empfehlen, wenn sie nach einer Strategie zur Umsetzung des Ziels Nachhaltigkeit
suchen? Eignet sich eine solche Formel, die - in Analogie zum altbekannten
Leitsatz aus der PR-Theorie "Tue Gutes und rede darüber!"[1]
- eine gute Tat stets mit der entsprechenden kommunikativen ‚Darbietung'
verknüpft? Allein, bleibt es nicht zu oft beim Reden? Sagen wir nicht
häufig, dass Gutes einfach ‚getan' werden sollte? Wie verkürzt diese
Anleitung ist, muss spätestens deutlich werden, wenn man sich die Komplexität
des Konzepts Nachhaltigkeit vor Augen führt und die globalen Herausforderungen
zum Schutz unseres Planeten und seiner Menschen betrachtet.
‚Nachhaltige Entwicklung'
ist das Ziel eines "weltweiten Programms des Wandels"[2]
, das die Vereinten Nationen als Antwort auf Umweltzerstörung, Hunger
und Unterentwicklung propagieren. Die Verantwortung zur Nachhaltigkeit
und zur Umsetzung der beim Erdgipfel von Rio 1992 [3]
beschlossenen Maßnahmen tragen auch Unternehmen; dies ist nach zähen
Verhandlungen auf der Nachfolgekonferenz in Johannesburg im September
2002 zum ersten Mal schriftlich festgehalten worden: "Companies have
a duty to contribute to the evolution of equitable and sustainable communities
and societies"[4].
Um solche Formulierungen
musste in Johannesburg lange gerungen werden. Während Unternehmensvertreter
ihre Auffassung von Nachhaltigkeit als selbstverständlichem ‚business
case' offensiv präsentierten und dies als "Dialog- und Partnerschaftsangebot"[5]
verstanden wissen wollten, protestierten Nichtregierungsorganisationen
(NGOs), als Vertreter der kritischen Weltöffentlichkeit, heftig gegen
die Vereinnahmung des Begriffs Nachhaltigkeit durch die Wirtschaft.
Deutlich wurde in Johannesburg vor allem, dass auch Unternehmen inmitten
der aktuellen gesellschaftlichen Debatten stehen. Um den brennenden
globalen Problemen Rechnung zu tragen, mit denen sie im Rahmen ihrer
Geschäftstätigkeit und in ihrem Umfeld ständig konfrontiert werden,
müssen sie konsens- und tragfähige Strategien entwickeln.
Welche ‚guten Taten'
müssen Unternehmen auf dem Weg zur Nachhaltigkeit aber im Einzelnen
vollbringen und wie können Unternehmen konkret zum geforderten Wandel
beitragen? Im Rahmen dieser Diplomarbeit soll deshalb
- analysiert werden, welche
Strategien[6], Prozesse und Initiativen in Unternehmen
notwendig sind, um ökologische, soziale und ökonomische Ziele gleichermaßen
zu fördern und dem Ruf nach einer nachhaltigen Entwicklung aus dem
gesellschaftlichen Umfeld gerecht zu werden, und
- beschrieben werden,
wie Kommunikation bzw. Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen im Rahmen
einer nachhaltigkeitsorientierten Unternehmensstrategie gestaltet
werden kann.
Als
These wird vertreten, dass Unternehmen, die sich strategisch auf Nachhaltigkeit
ausrichten wollen, nicht wie bisher nur die Produktion umweltfreundlich
und sozial verträglich gestalten sollten, sondern dass sie sich vor
allem auch in ihrer Unternehmenskommunikation an den Prinzipien der
Nachhaltigkeit orientieren sollten. Nachhaltigkeit kann sich nicht in
Maßnahmen zur Ökoeffizienz erschöpfen. Sie muss hauptsächlich als Lern-
und Aushandlungsprozess begriffen werden, bei dem die genauen Inhalte
einer anzustrebenden Nachhaltigkeit erst im Diskurs zwischen Unternehmen
und Gesellschaft festgelegt werden können. Deshalb sollten sich Unternehmen
durch kommunikative Maßnahmen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit für
den Dialog mit der Öffentlichkeit öffnen, sowie Partizipation und Selbstreflexion
ermöglichen. Andernfalls laufen sie Gefahr, ihre gesellschaftliche Legitimationsbasis
zu verlieren. Die Dialog- und Reflexionsprozesse sollen Orientierung
über die zu ergreifenden realen Veränderungsmaßnahmen ermöglichen, damit
die Produktion tatsächlich nachhaltig gestaltet werden kann und damit
es zu einem ausgewogenen Umgang mit kritischen Produkten und Technologien
kommt. Gelingen können diese Prozesse nur, wenn Nachhaltigkeit nicht
als Argument zur Rechtfertigung des Status quo oder als reines Werbeargument
verwendet wird. Um diese Gefahr der sprachlichen Instrumentalisierung
von Nachhaltigkeit zu vermeiden, müssen die kommunikativen Aussagen
von Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit selbst den Prinzipien der Nachhaltigkeit
folgen. Wenn den Aussagen ein partizipativer und ergebnisoffener Kommunikationsprozess
zugrunde liegt, kann man von einer tatsächlichen ‚Nachhaltigkeitskommunikation'
sprechen.
Der Aufbau der vorliegenden Arbeit
beginnt mit einer Bestimmung und Eingrenzung des Konzepts Nachhaltigkeit
sowie mit der theoretischen Erörterung notwendiger Umsetzungsschritte
(Kapitel 1). Im folgenden 2. Kapitel wird analysiert, wie das Ziel Nachhaltigkeit
auf Unternehmensebene adäquat umgesetzt werden kann, und wie Firmen
im Hinblick auf ihren Nachhaltigkeitszustand theoretisch bewertet werden
können. In Kapitel 3 werden unterschiedliche theoretische Ansätze aus
der Unternehmenskommunikation und der Öffentlichkeitsarbeit vorgestellt
und auf ihre Vereinbarkeit mit den Nachhaltigkeitsanforderungen an Unternehmen
hin überprüft. Die folgenden Kapitel 4 und 5 schlagen den Bogen zur
aktuellen Praxis nachhaltigkeitsorientierter Unternehmenskommunikation,
also zu denjenigen Kommunikationsmaßnahmen und -instrumenten, deren
Gegenstand Nachhaltigkeit ist. Hier sollen einzelne Fälle vorbildlicher
‚best practises', aber auch verbesserungswürdiger Öffentlichkeitsarbeit
vorgestellt werden. Alle Fälle wurden unsystematisch ausgewählt; sie
dienen der beispielhaften Anwendung der in den vorangegangenen Kapiteln
erarbeiteten Kriterien. Während im 4. Kapitel konkrete Beispiele untersucht
werden, bei denen Nachhaltigkeit kontraproduktiv inszeniert und instrumentalisiert
wird, beschäftigt sich das 5. und letzte Kapitel mit Sustainable-Development-Reports,
internetbasierter Nachhaltigkeitskommunikation und Unternehmensdialogen.
Diese Instrumente sollen die Möglichkeiten einer echten Nachhaltigkeitskommunikation
aufzeigen.
1 Georg-Volkmar
Graf von Zedtwitz-Arnim, Tue Gutes und rede darüber.
Public Relations
für die Wirtschaft, Berlin 1961.
2 "Ein weltweites
Programm des Wandels" zu formulieren, war der Auftrag
der Generalversammlung
der Vereinten Nationen an die Weltkommission
für Umwelt und
Entwicklung (WCED). Hier zit. n. Gro Harlem Brundt-
land, in: Volker
Hauff (Hg.): Unsere Gemeinsame Zukunft. Der Brundt-
land-Bericht der
Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven
1987.
3 UN-Konferenz
"Umwelt und Entwicklung" von Rio de Janeiro 1992.
4 United Nations
World Summit on Sustainable Development (Hg.):
"The Johannesburg
Declaration on Sustainable Development", Artikel 24,
Johannesburg
04.09.2002.
5 Vgl. ECC Kohtes-Klewes
(Hg.): "Die Wirtschaft in Johannesburg -
zwischen Skepsis
und Ansprüchen", im Internet:
http://www.agenturcafe.de/sustainability/index13024.htm,
(Zugriff: 10.09.2002).
6 Soweit im Rahmen
dieser Arbeit von "Strategien" die Rede ist, soll
darunter ein Gesamtkonzept
zur Erreichung eines Ziels zu verstehen sein,
insbesondere die
systematische Zuordnung von Mitteln zu Zwecken
seitens der Unternehmen
(vgl. Lass/Reusswig (2001): S. 167).