3.4 Prinzipien und Postulate

Nachhaltigkeit ist kein Begriff, der im Sinne einer allgemein akzeptierten Konvention beschrieben werden kann. Durch den verbreiteten Gebrauch dieses modernen Schlagwortes herrschen im Detail eine Reihe unterschiedlicher Bedeutungen und Verständniszusammenhänge vor.
     
Hier nun einige Leitlinien:

1. Schutz der Ökosphäre

    - Erhaltung der Pufferkapazität der Natur
    - nachhaltige Nutzung erneuerbarer Ressourcen
    - minimale Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen

2. Stabile wirtschaftliche Entwicklung

    - Wachstum der Lebensqualität
   
- hoher Beschäftigungsgrad
   
- Preisniveaustabilisierung
   
- außenwirtschaftliches Gleichgewicht

3. Gerechte Verteilung der Lebenschancen (Verteilungsproblem)

    - zwischen Individuen
   
- zwischen Nord und Süd sowie Ost und West
   
- zwischen den Generationen [58]

Diese Forderungen berühren neben technischen, ökonomischen, und ökologischen Komponenten auch soziale Dimensionen. Pearce, Barbier und Markandya heben besonders die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Zielkategorien bei ihrer Definition einer nachhaltigen Entwicklung hervor. Dazu gehören:

- increases in real income per capita,
- improvements in health and nutritional status
- educational achievement
- access to resources
- a fairer distribution of income
- increases in basic freedom[59]

Von einer nachhaltigen Entwicklung werden zwei Ziele erwartet. Neben ökologischen Verbesserungen soll zugleich die Lebensqualität gesteigert werden.

"Nachhaltige Entwicklung wird genau definiert als Entwicklungsprozeß, der die menschliche Lebensqualität verbessert, ohne aber Ökosysteme zu zerstören und globale Prozesse zu beeinträchtigen."[60]

An diesem Punkt stellt sich hingegen die Frage, ob ökologische Prioritäten nicht zugleich Verzichte, zumindest in den Industrieländern erforderlich machen. Henning merkt an, daß das Nachhaltigkeitsprinzip eine "nicht unerhebliche Opferbereitschaft" der jetzigen für zukünftige Generationen einschließt.[61] Costanza postuliert zwar eine Entfaltung der menschlichen Individuen unter Weiterentwicklung menschlicher Kulturen, fordert jedoch zugleich, daß die

"[...] Auswirkungen menschlicher Tätigkeiten begrenzt bleiben, damit die Vielfalt, Komplexität und Funktion des ökologischen Lebenserhaltungssystems nicht zerstört wird."[62]

Im Gegensatz zu spontanen, kurzfristigen Hilfsmaßnahmen- etwa in Katastrophenfällen sollen nachhaltige, langfristig wirksame und dauerhafte Maßnahmen Veränderungen mit Breitenwirkung erreichen. Braun lehnt projektorientierte Definitionen von Nachhaltigkeit grundsätzlich ab. Ihm zufolge muß eine nachhaltige Strategie empirisch überprüfbar, administrativ handhabbar und moralisch akzeptabel sein.[63]

Im ökonomischen Verständnis gilt Nachhaltigkeit als ein Prinzip für den wirtschaftlichen Umgang mit Vermögenswerten: Dabei sollen die in einer Periode zu verzeichnenden Zugänge an Vermögensgütern den Abgängen entsprechen, so daß der Vermögensbestand gewahrt bleibt. Nachhaltigkeit liegt nur dann vor, wenn das Verhältnis vom End- zum Anfangsbestand den Wert Eins hat. Als Beispiel nennt Olson die in einer Periode insgesamt getätigten (Brutto-) Investitionen, die (mindestens) so groß sein sollen, wie der Werteverschleiß (Abschreibung), um eine Wahrung des Kapitalbestandes zu gewährleisten.[64]
      Anders formuliert:

"Nachhaltigkeit meint rein formal, daß der Wert des Entwicklungs-Vektors im Zeitablauf nicht sinken darf."[65]

Innerhalb der Umweltökonomie gilt, daß das Naturkapital nicht abnehmen soll.[66] Page hierzu:

"I defined a sustainable economy as one in which the resource base is kept intact over generational time. In this view, the various broad aggregates of resources (e.g. energy, matals, wood, soils, water) are managed to balance depletation with renewal (technological and otherwise) and balance waste generation with environmental capacity for assimilation."[67]

Die Lebensgrundlagen des Menschen sind so zu erhalten, daß die Produktionspotentiale sowohl qualitativ als auch quantitativ weiter existieren.[68] Grundsätzlich sollen durch Produktion und Konsum keine zusätzlichen Umweltbelastungen auftreten, um den Kapitalstand zu wahren.[69]
      Nachhaltigkeit wird oftmals mit den Begriffen "Überleben" und "Fortbestehen" in Verbindung gebracht. Von Nachhaltigkeit kann gesprochen werden, wenn eine Gesellschaft so strukturiert ist, daß sie über Generationen hinweg existenzfähig bleibt.[70] Anders ausgedrückt:

"[...] Sie ist so weitsichtig, so wandlungsfähig und so weise, daß sie die eigenen materiellen und sozialen Existenzgrundlagen nicht unterminiert."[71]

Wer nicht nachhaltig wirtschaftet, lebt über seine Verhältnisse und gefährdet seinen zukünftigen Wohlstand oder sogar seine zukünftige Existenz.[72]
      Minsch setzt im folgenden sieben Kernpostulate voraus, die dazu beitragen sollen, den skizzierten Aufgaben gerecht zu werden:

A) Ressourcennutzung
Die Nutzung erneuerbarer Ressourcen ist nur in dem Maße zulässig, wenn die Nutzungsrate nicht größer ist als die natürliche Regenerationsrate.[73] Erneuerbare Ressourcen sind nur soweit zu nutzen, daß die Quellen sich nicht erschöpfen. Mai fordert Grenzen einer maximalen Ergiebigkeit (maximum sustainable yield), die für ausgewählte Ressourcengruppen festzulegen sind. Er nennt exemplarisch Fang-, Abholzungs- und Belastungsquoten.[74]

B) Absorptionsfähigkeit der Ökosysteme
Sofern die Umwelt durch Abfälle und Emmissionen belastet wird, ist dafür Sorge zu tragen, daß der Verschmutzungsgrad die Absorptionsrate der natürlichen Umwelt nicht übersteigt.[75]

C) Ökologische Risiken
Risiken von Großprojekten, bei denen die Postulate der Nachhaltigkeit verletzt oder nicht abgeschätzt werden können, sind zu vermeiden.[76]

D) Nicht erneuerbare Ressourcen
Hierbei vertritt Mai die Forderung nach Strategien der Sparsamkeit. Technische Maßnahmen sollen dazu beitragen, nicht erneuerbare Ressourcen durch erneuerbare Ressourcen zu substituieren.[77] Eine nachhaltige Nutzung nichtregenerierbarer Ressourcen ist strenggenommen jedoch nicht möglich.

E) Erhaltung der Biosysteme und Artenvielfalt
Mai fordert als grundlegende Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaften die Gesunderhaltung der Biosysteme und Erhaltung der Artenvielfalt (Biodiversität).[78]

F) Erhaltung einer lebenswerten, menschenwürdigen Kulturlandschaft
Hier plädiert der Autor für eine "Gestaltung des natürlichen Lebensraumes für den Menschen", die sich von der "Idee der Menschenrechte leiten lassen" soll." Er bezieht sich dabei explizit auf die "Würde des Menschen."[79]
      Das Problem dieser Aussage liegt in ihrer Unbestimmtheit. In Bezug auf zukünftige Generationen ergibt sich die Frage, welche Kulturlandschaft unsere Nachwelt anstrebt. Können wir unsere heutigen Bedürfnisse analog übertragen? Welche Kriterien bleiben uns heute, um die Präferenzen unserer Machkommen adäquat einzuschätzen?

G) Verbot der Problemverschiebung [80]
An diesem Punkt hebt Minsch die Verantwortung der Erzeuger von Umweltschäden hervor. Diese Auffassung korreliert mit dem Verursacherprinzip, das besagt, daß die Verursacher von Schäden auch für ihre Beseitigung und Kosten aufkommen müssen. Von Weizsäcker kommt in einer Anaylse zu dem Ergebnis, daß die Umweltbelastungen nur zu rund einem Zehntel von ihren Verursachern getragen werden.
[81] Jedoch ist es gerade bei ökologisch komplexen Prozessen mit mehreren Verursachern von Umweltschäden problematisch, eindeutige, zurechenbare Verantwortungsanteile zuzuschreiben. Umstritten ist z.B., welcher Anteil der Luftverschmutzung von Kraftfahrzeugen, bzw. durch die Industrie verursacht wird. Zur Klärung solcher Fragen ist es hilfreich, Bilanzierungssysteme zu entwickeln, die eine genauere Zuschreibung von Schadstoffmengen ermöglichen.

Weiterhin ergibt sich die Frage, wie streng eine nachhaltige Entwicklung definiert sein sollte. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, daß der Entwicklungsfaktor D (Development) einer positiven nachhaltigen Entwicklung nicht abnehmen darf. Sofern diese Maßregel für jede Zeitperiode gilt, sprechen Parce, Barbier und Markandya von einer "strong substainability", wenn eine aufgrund von Anpassungsprozessen sinkende D ausgeschlossen ist. Bei der "weak substainibility" zählt der langfristige Erfolg, der kurzfristige Entwicklungseinbußen toleriert. In den Worten der Autoren:

"Nor does it tell us if the rate of change of D with respect to time t must be positive for each and every time period (which we might term strong substainability), or whether only the trend of dD/dt must be positive (weak substainability)."[82]

Insbesondere bei Fragen der Substituierbarkeit von nicht regenerierbaren Ressourcen ist m. E. eine strenge Form der Nachhaltigkeit nicht durchzuhalten, da ansonsten jeglicher Konsum von Ressourcen verboten werden müßte, die sich nicht selbständig regenerieren können.


58 Hinterberger/Welfens 1993, S. 8
59 Pearce, Barbier, Markandya 1990, S. 2
60 Martin 1992, S. 9
61 vgl. Henning 1991, S. 68
62 Costanza 1992, S. 87f
63 vgl. Braun 1993, S. 26f
64 vgl. Olsson/Piekenbrock 1993, S. 211
65 Brenck 1992, S. 382
66 vgl. Hinterberger/Welfens 1993, S. 6
67 Page 1991, S. 58f
68 vgl. Lucas 1992, S. 21, Leipert 1989, S. 42
69 vgl. Karl, S. 557
70 vgl. Mai 1993
71 Meadows/Meadows/Randers 1992, S. 250
72 vgl. Radermancher 1993, S. 331
73 vgl. Minsch 1993, S. 34
74 vgl. Mai 1993, S. 116
75 vgl. Minsch 1993, S. 35
76 vgl. ebd., S. 37
77 vgl. ebd., S. 39f
78 vgl. ebd., S. 45f
79 vgl. ebd., S. 47
80 vgl. ebd., S. 47
81 vgl. von Weizsäcker 1990, S. 6
82 Pearce/Barbier/Markandya 1990, S. 23

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