3.5.1 Intragenerationelle
Gerechtigkeit
Die Verantwortung
für zukünftige Generationen (intergenerative Gerechtigkeit) ist zu unterscheiden
von der Verantwortung zwischen den bereits existierenden Generationen
(intragenerationelle Gerechtigkeit). Beide Typen stellen Brenck zufolge
entscheidene ethische Prinzipien des Sustainable Development-Ansatzes
dar.[88]
Die Diskrepanz zwischen dem Luxus in den Industrieregionen
und der Armut in der "Dritten Welt" ist eklatant. Im Zuge
einer "aufholenden Entwicklung" fordert der Brundtland- Bericht,
die aus dem Bevölkerungswachstum resultierende Armut und Umweltzerstörung
einzudämmen.
"Die
Grundbedürfnisse weiter Teile der Bevölkerung in den Entwicklungsländern
nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Arbeit- werden nicht befriedigt,
und über diese Grundbedürfnisse hinaus haben diese Menschen berechtigte
Wünsche nach einer besseren Lebensqualität. Eine Welt, in der Armut
und Ungerechtigkeit herrschen, wird immer ökologischen und anderen
Krisen ausgesetzt sein. Dauerhafte Entwicklung erfordert, die Grundbedürfnisse
aller zu befriedigen und für alle die Möglichkeit zu schaffen, ihren
Wunsch nach einem besseren Leben zu befriedigen."[89]
Der normative Gehalt dieser Forderungen
liegt in dem Postulat der "Chancengleichheit". Gefordert wird
die Solidarität zwischen dem Norden und dem Süden. Der Wohlstand für
alle stellt ein Hauptmerkmal der nachhaltigen Zielsetzung dar. Damit
ist jedoch nicht gemeint, daß die Entwicklungsländer den gleichen Lebensstandard
wie die Industrieländer erreichen sollten, da die sozialen und ökologischen
Folgen aufgrund des übermäßigen Naturverbrauchs bereits heute die Grenzen
nachhaltigen Wirtschaftens bei weitem überschritten haben. Das primäre
Ziel liegt zunächst in der Befriedigung der Grundbedürfnisse. Die Orientierung
an den Entwicklungsmustern der Industrienationen ist zwar aus Sicht
der Dritten Welt verständlich, eine Durchsetzung derselben Konsumgewohnheiten
würde die ökologische Krise jedoch rasant beschleunigen. Doch nicht
nur die Bevölkerung in der Dritten Welt ist gezwungen, auf Wachstum
zu verzichten, das über die Befriedigung der Grundbedürfnisse hinausgeht.
Auch die wohlhabenden Nationen leben über ihre Verhältnisse; die Aufrechterhaltung
ihrer Konsumgewohnheiten ist nicht mehr zu rechtfertigen. Verzichte
werden gefordert. Simonis konstatiert:
"Zukunftsfähigkeit
ist jedoch kein leicht zu definierender Zustand der Harmonie zwischen
Ökonomie und Ökologie, sondern vielmehr ein komplizierter und voraussichtlich
schmerzlicher Prozeß des politischen und institutionellen Wandels,
in dem Positionen aufgegeben und Privilegien abgebaut werden müssen."[90]
Als einen entscheidenen
Weg in die Richtung einer nachhaltigen Entwicklung sieht Harborth den
Abbau der absoluten Armut in der Dritten Welt. Die Sicherstellung eines
materiellen Mindeststandards stellt er ebenso zur Diskussion, wie die
Festlegung eines Höchststandards für die wohlhabenden Industrieländer.[91]
88 vgl.
Brenck 1992, S. 383
89 Hauff
(Hg.) 1987, S. 47
90 Simonis
1991, S. 3
91 vgl. Harborth
1989, S. 1