3.5.3 Wachstum
versus Entwicklung
Im Brundtland-Bericht wird an mehreren
Stellen auf die ungerechtfertigte Benachteiligung der Länder in der
Dritten Welt verwiesen. Es stellt sich die Frage, durch welche Maßnahmen
das Wohlstandsgefälle in den Industrienationen abzubauen ist, um den
Entwicklungsländern einen gewissen Mindesstandard zu ermöglichen.
"Grundbedürfnisse
zu befriedigen, hängt teilweise davon ab, das volle Wachstumspotential
zu nutzen; dauerhafte Entwicklung erfordert jedenfalls wirtschaftliches
Wachstum in Gebieten, wo diese Bedürfnisse nicht befriedigt werden
[...] Daher erfordert dauerhafte Entwicklung, daß die Gesellschaften
menschliche Bedürfnisse befriedigen, indem sie das produktive Potential
vergrößern und zugleich gerechte Chancen für alle sicherstellen."[102]
Dem Brundtland-Report liegt eine
Wachstumsstrategie zugrunde, die den Durchbruch zu einer nachhaltigen
Entwicklung erreichen soll. Durch Energieeinsparung, Substitutions-
und Umweltschutztechnologien soll dafür gesorgt werden, daß die Entwicklungsländer
einen adäquaten Lebensstandard erreichen, ohne daß die globale Umweltzerstörung
wächst.
"Diese
Wachstumsraten können dauerhaft in bezug auf die Umwelt sein, wenn
die Industrienationen weiterhin wie kürzlich ihr Wachstum derart
verändern, daß weniger material- und energieintensiv gearbeitet
wird und daß die effiziente Nutzung von Materialien und Energien
verbessert wird."[103]
Diese
Thesen sind nicht unumstritten geblieben. Minsch kritisiert den "normativen
Optimismus" der den Aussagen im Brundtland-Bericht zugrundeliegt,
da dort keine konkreten Strategien für die Durchsetzbarkeit eines wachstumgestützten
Nachhaltigkeitskonzepts geliefert werden.[104]
Diese Konzeption wird auch als "ökologische Modernisierung"
verstanden. Es wird davon ausgegangen, daß eine nachhaltige Entwicklung
durch eine Reform im Umweltbereich, etwa durch den Einsatz umweltfreundlicher
Technologien, bewerkstelligt werden kann. Dabei wird jedoch von einem
Wachstums- und Zivilisationsmodell ausgegangen, daß von Vertretern einer
"strukturellen Ökologisierung" abgelehnt wird. Diese fordern
einen grundsätzlichen Umdenkungsprozeß und stellen den "Wachstumsmythos"
der westlichen Zivilisation generell in Frage.[105]
Auch
Daly begreift "Wachstum" und "Nachhaltigkeit" grundsätzlich
als unüberbrückbare Gegensätze. Er vertritt die Auffassung, daß die
Forderung nach einem nachhaltigen Wachstum als Paradoxie zurückgewiesen
werden sollte. Die traditionelle Auffassung, daß Wachstum gleichgesetzt
werden kann mit einer Zunahme an Reichtum, hält der Autor für überholt.
Vielmehr trägt Wirtschaftswachstum dazu bei, die Umweltverschmutzung
voranzutreiben. Während eine nachhaltige Entwicklung "eine qualitative
Verbesserung oder Ausschöpfung von Potentialen" umfaßt, setzt das
"Wachstum" auf eine rein quantitative Zunahme durch das "Hinzufügen
von Material mittels Assimilation oder Aneignung".[106]
Auch
Goodland u.a. halten die Idee des "Sustainable Growth", für
kontraproduktiv. Die Autoren plädieren vielmehr für einen abnehmenden
pro Kopf-Ressourcenverbrauch bei sinkender Bevölkerungszahl und fordern
die reichen Industrienationen auf, die Entwicklungsländer beim Aufbau
eines Lebensstandards zu unterstützen, der eine gerechtere Verteilung
vorsieht.[107]
Von
Weizsäcker vertritt die These, daß weltweite Wachstumsorientierungen
am Vorbild der Industrieländer zugleich eine effektive Umweltzerstörung
nach sich ziehen würden. Sofern die Weltbevölkerung den Pro-Kopf-Verbrauch
in den Industrieländern aufholen würde, ergäbe sich weltweit ein etwa
ein 5-facher Verbrauch.[108]
Auch Harborth nimmt eine kritische Haltung gegenüber den Wachstumsbestrebungen
in den Entwicklungsländern ein. Eine Orientierung an dem Lebensstandard
der Industrienationen, den zahlreiche Dritt-Welt-Staaten anstreben,
würde vielmehr den sicheren ökologischen "Untergang der Menschheit"
nach sich ziehen.[109]
102 Hauff
(Hg.) 1987, S. 47
103 ebd.,
S. 55
104 vgl.
Minsch 1993, S. 17
105 vgl.
Stahl 1992, S. 468
106 vgl.
Daly 1992, S. 1ff
107 vgl.
Goodland/Daly/Serafy/Droste 1992, S. 12
108 vgl.
von Weizsäcker 1990, S. 3ff
109 vgl.
Harborth 1992, S. 40