3.6 Handlungsebene

Dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung liegt eine umfassende ökologische Betrachtungsweise zugrunde, bei der die Ausblendung von relevanten Umweltaspekten untersagt wird. Die Bemühungen verlaufen dahingehend, konkrete Handlungskonzepte zu erarbeiten, aus denen Handlungen und Unterlassungen resultieren, die der Erhaltung eines zuträglichen Lebensraums dienen. Im folgenden soll aufgezeigt werden, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um den angestrebten Zielen näher zu kommen. Zunächst ist eine länderübergreifende Koordination interdisziplinärer Zusammenarbeit unverzichtbar, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen, wie Amelung anführt:

"An effective implementation of compensation payments, however, requires coordination by a multinational organisation that may administrate global environment funds."[110]

Auf der institutionellen Ebene kann die Berufung von "Langzeitverantwortlichen" bzw. eines Rates für Sachverständigen für Zukunftsfragen dazu beitragen, den entsprechenden Aufgaben nachzukommen.[111] Daneben sollen die betroffenen Akteure möglichst umfassend an der Entscheidungsgebung an den für sie relevanten ökologischen Fragen beteiligt werden (Partizipationsprinzip).[112]
      Die Orientierung an einem "Vorsichtsprinzip" soll durch strenge Grenzwerte, Schaffung eines Klagerechtes für Umweltschutzverbände sowie Umkehr der Beweispflicht erreicht werden.[113] Dabei ist nachzuweisen, daß Eingriffe in den Naturhaushalt keine dauerhaften Schäden verursachen. Es sind nicht nur diejenigen Arten zu erhalten, deren Nützlichkeit feststeht, vielmehr ist einer irreversible Ausrottung nur dann zuzustimmen, wenn die Schädlichkeit für den Menschen eindeutig belegt werden kann, etwa bei einem pathogenem Bakterium.[114]
      Für die Nutzung von Ressourcen gilt, daß regenerative Fähigkeiten bei erneuerbaren Ressourcen erhalten bleiben sollten (z.B. Wald als Holzlieferant, Wasser als Trinkwasserressource).
      Als konkrete Maßnahmen werden exemplarisch genannt: Wiederaufforstung, Erhalt von Landschaftspufferzonen, selektive Nutzung von Pestiziden und Kunstdüngern, Bau von Aufbereitungsanlagen, Einführung von erneuerbarer Energie, Förderung öffentlicher Verkehrsmittel, Recyling u.v.m.[115]
      Auf der Produktebene soll die Recyclingfähigkeit und ein möglichst geringer Ressourcenverbrauch angestrebt werden.[116]
      Die Förderung von Technologien, die eine bessere Ressourcen-Produktivität ermöglichen, hält Daly neben Maßnahmen zur Energeieinsparung weiterhin für unverzichtbar.[117]

Hierbei stellt sich die Frage, über welche Technologien zukünftige Generationen verfügen, um die heute entstandenen ökologischen Schäden einzudämmen. Brenck merkt an:

"Die entscheidende (ethische) Frage ist nun, ob wir Ressourcenverbrauch im Vertrauen darauf betreiben dürfen, daß dieser Schaden durch neue, heute noch unbekannte Technologien in Ordnung gebracht werden kann."[118]

Eine meiner Auffassung tragfähige Maßnahme in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung liegt in der monetären Bewertung von Naturgütern. Die ökologische Ineffektivität des Marktes kommt u.a. deshalb zustande, weil ein großer Teil der natürlichen Güter, wie saubere Luft, reines Wasser und intakte Atmosphäre keinen Eingang in den Markt finden. Für den einzelnen ist es ökonomisch irrational, sich in der möglichst extensiven Nutzung öffentlicher Güter (z.B. Fischbestände) zurückzuhalten, sofern sich andere nicht ebenso verhalten. Die Ausbeutung von Naturgütern, etwa bei Bodenschätzen und fossilen Brennstoffen erfolgt marktorientiert.
      Obwohl es in vielen Bereichen problematisch ist, Natur und damit verbundene Merkmale wie Erholung oder ästhetische Kategorien in Preise umzusetzen, kann auf eine Bewertung von Naturgütern nicht verzichtet werden. Grundsätzliche Fragen stellen sich hingegen bei der Frage der Bewertungsmaßstäbe. Während der Asthmakranke der schadstoffarmen Luft eine hohe Bedeutung zumißt, besitzt die Luftqualität für den Gesunden zunächst einen untergeordneten Wert. Diese Frage läßt sich auch auf die Alterstruktur übertragen. Während Säuglinge und Alte sensibler auf Umweltbelastungen reagieren, messen junge gesunde Menschen diesen Faktoren in der Regel eine geringere Bedeutung zu.
      Von Weizsäcker fordert, daß "die Preise die Wahrheit sagen müssen".[119] Das Problem besteht darin, daß das Eingreifen in den Naturhaushalt in vielen Bereichen nahezu kostenfrei erfolgt. Wenn man von den Förder- und Erntekosten einmal absieht, gelten natürliche Ressourcen als freie Güter, obwohl sie inzwischen zu knappen Gütern geworden sind.[120] Auf der ökonomischen Ebene gibt es oftmals für Naturgüter keine Marktpreise, die in die betriebliche Kalkulation einbezogen werden, obwohl neben den gewünschten Effekten der Rentabilität und Produktivität durch den Eingriff in den Naturhaushalt auch negative Effekte entstehen - etwa Luft- und Wasserverschmutzung - sogenante "soziale Kosten", die vom Verursacher nicht monetär getragen werden, sondern auf die Allgemeinheit und zukünftige Generationen abgewälzt werden.[121] Da sich diese Kosten nicht in den Preisen wiederspiegeln, entstehen gravierende gesamtwirtschaftliche Fehlsteuerungen, die von Weizsäcker zufolge durch eine umfassende Preis- und Steuerreform behoben werden sollten.[122]
      Eine Untersuchung des Umwelt- und Prognose-Institutes Heidelberg beziffert die ökologischen und sozialen Kosten in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1989 auf 475,5 Mrd. DM, was einer Größenordnung von 20% des Bruttosozialproduktes entspricht. In dieser Kostenrechnung werden u.a. die Luft-, Lärm- und Wasserbelastung einbezogen, wobei psychosoziale Kosten der Luftverschmutzung und die Kosten des Aussterbens von Arten und die Zerstörung von Ökosystemen nicht berücksichtigt worden sind.[123]

Trotz der ökologischen Problematik wird immer noch das Bruttosozialprodukt (BSP) als das primäre wirtschaftliche Ziel der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung betrachtet. In das BSP fließen alle wirtschaftlichen Leistungen, unabhängig von ihrer Qualität für den Menschen und die natürliche Umwelt in die Kalkulation mit ein. Autounfälle, Reparaturen von Umweltschäden, die Versorgung von Unfallopfern gelten ebenso als Erfolgsgröße wie die Produktionen beliebiger Produkte sowie andere Wirtschafts- und Dienstleistungen.
      Die wachstumsorientierte Ausrichtung beim Instrument des BSP wird als überholter Gradmesser in Hinblick auf die Lebensqualität der Menschen und die Erhaltung der natürlichen Umwelt von zahlreichen Autoren abgelehnt.[124] Der Philosoph und Ökologe Hardin merkt hierzu kritisch an:

"Das Bestreben eines Politikers, ein möglichst hohes Bruttosozialprodukt zu erzielen, ist etwa genauso vernünftig wie der Versuch eines Komponisten, möglichst viele Noten in einer Symphonie unterzubringen."[125]

Gefordert wird stattdessen die Errichtung eines "Ökosozialproduktes", das Umweltschäden und den Abbau von Naturreserven in die Kalkulation einbezieht.[126]
      Die Übertragung des Nachhaltigkeitsprinzips auf die Gesamtwirtschaft würde es erforderlich machen, daß bisherige Ziel der Einkommensmaximierung (Gewinnmaximierung) zugunsten der Ziele einer Bestanderhaltung von Naturvermögen aufzugeben.[127] Rademacher fordert als grundlegende Randbedingung die Funktion von Preisen als Knappheitsindikatoren.[128]
      Pearce u.a. schlagen als Instrument die Bereitstellung von "Kompensationsinvestitionen" vor, wobei die Idee von der Erhaltung des natürlichen Kapitalstocks berücksichtigt werden soll.[129] Da für eine Vielzahl von Naturgütern keine Marktpreise existieren, sind ökonomische Projekte durch sogenannte Schattenpreise zu ergänzen, um die entsprechenden langfristigen Umweltschäden in den Blickpunkt zu rücken. Da nicht alle Schäden finanziell ausgeglichen werden können und z.B. der Verlust für den Lebensraum für Pflanzen und Tiere nicht substituierbar ist, werden weitergehende Regeln, Ge- und Verbote, Anreize und Steuern gefordert.[130]


110 Amelung 1992, S. 415
111 vgl. Klöpfer, S. 12
112 vgl. Busch-Lüthy 1992a, S. 50
113 vgl. Leipert 1990, S.42
114 vgl. Hampicke 1992, S. 310
115 vgl. Tinbergen/Huetin 1992, S.55
116 vgl. Dyllik-Brenzinger/Rufer 1992, S. 3
117 vgl. Daly 1992, S. 4
118 Brenck 1992, S. 391
119 vgl. von Weizsäcker 19902
120 vgl. Daly 1992, S. 31, Gross 19902, S. 59
121 vgl. Wicke 1988, S. 270
122 vgl. von Weizsäcker 19902
123 vgl. UPI 1991, S. 78
124 vgl. Tinbergen/Huetin 1992, S. 51f, Brown/Postel/Flavin 1992, S. 99, Leipert 1990, S. 39f, UPI 1991, S. 1, Ott 19942, S. 125
125 Hardin 1990, zit. nach Brown/Postel/Flavin 1992, S.99
126 vgl. Leipert 1990, S. 45, Halbritter 1994, S. 45
127 vgl. Immler 1992, S.22
128 vgl. Radermancher 1993, S. 336
129 vgl. Pearce/Barbier/Montandya 1990, S. 57
130 vgl. Tinbergen/Huetin 1992, S. 53

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