Gewalt hört
da auf, wo die Liebe beginnt
Rede
vor der Generalversammlung der Jugend
bei den Vereinten Nationen
New York, 1985
Petra Kelly
Wir sind weniger sicher, daß wir völlig
recht haben. Erwachsene, die sicher sind, daß sie völlig
recht haben, führen wegen dieses Anspruches Krieg.
Arn Chorn, 18 Jahre alt
Flüchtling aus Kambodscha
Am
15. Juli 1944 schrieb Anne Frank in ihr Tagebuch: "Ich sehe, wie
die Welt allmählich in eine Wildnis verwandelt wird. Ich höre
den nahenden Donner, der auch uns vernichten wird, ich kann das Leiden
von Millionen spüren und dennoch glaube ich, wenn ich zum Himmel
blicke, daß alles in Ordnung gehen und auch diese Grausamkeit
ein Ende finden wird und daß Ruhe und Frieden wieder einkehren
werden." Anne Frank, die selbst unter der Schreckensherrschaft
des Nationalsozialismus und Antisemitismus zu leiden hatte, die im Shatten
des Todes lebte, konnte noch an das Gute im Menschen, die wahre Liebe
und den Sieg von Recht über Unrecht glauben. Die Nazis verbrannten
unzählige Bücher. Sie übersahen jedoch ein von einem
jungen Mädchen geschriebenes Buch. Und dieses Buch kennen nun Millionen
von Menschen auf der ganzen Welt. Gewalt hört da auf, wo die Liebe
beginnt!
Angesichts
der Umweltkatastrophen auf unserer Erde, die von beispiellosen Gefahren
bedroht wird - von dem Aussterben von Spezies und dem Verlust genetischer
Vielfalt, dem Anwachsen toxischer und radioaktiver Abfallstoffe, der
Entwaldung, der Ausbreitung der Wüstengebiete bis zur völligen
Veränderung des globalen Klimas -, ist es für uns alle schwer,
über die Rechte und Verantwortlichkeiten sowie die Zukunft der
Jugend zu sprechen. Dies um so mehr, weil es allzu viele auf Wettbewerb
eingestellte, expansionistische, Machismo-orientierte, militaristische,
patriarchalische Nationalstaaten gibt, die überhaupt nicht zu verstehen
scheinen, daß sich auf dieser Erde eine Kultur entwickelt - mit
einer auf das Überleben des Menschen ausgerichteten Ethik und Politik.
Hier in den Gartenanlagen der Vereinten
Nationen befindet sich das russische Denkmal "Sword into Plowshares"
(Schwerter zu Pflugscharen) - und dennoch werden viele meiner Freunde
in der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR festgenommen, ins
Gefängnis geworfen, diskriminiert oder von ihren Arbeitgebern entlassen,
weil sie dieses Symbol anstecken!
Zwanzig Prozent der Weltbevölkerung
(einer von fünf) gehören der Altersgruppe der 15- bis 24jährigen,
von den Vereinten Nationen als "Jugend" bezeichnet, an. Die
jungen Menschen (665 Millionen) leben in der Mehrheit in Entwicklungsländern
in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es ist sehr schwer, über die
Rechte der Jugend zu sprechen, wenn man sich vor Augen führt, daß
im vergangenen Jahr 800 Milliarden Dollar für militärische
Zwecke ausgegeben worden sind. Gegenwärtig leisten 29 Millionen
ihren Wehrdienst ab oder sind Berufssoldaten. Seit Ende des Zweiten
Weltkriegs haben 150 bewaffnete Auseinandersetzungen stattgefunden,
bei denen mehr als sechzehn Millionen Menschen ihr Leben verloren haben.
Diejenigen, die bei bewaffneten Auseinandersetzungen
ihr Leben verloren haben, waren großenteils Jugendliche und Kinder.
Jugendliche in den Krieg zu schicken, zählt in der heutigen Welt
zu den schlimmsten Verbrechen an der Jugend. Es ist nicht nur äußerst
grausam, ihr Leben dieser großen Gefahr auszusetzen, sondern auch
unglaublich, ihnen das Recht abzusprechen, den Dienst mit der Waffe
zu verweigern und ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Diese Ausbeutung
der Jugend ist in der Regel akzeptiert worden. Roger Rosenblatt (Autor
von "Kinder des Krieges") schrieb beispielsweise: "Die
Jugendlichen und Kinder werden am wenigsten über ihre eigene Zukunft
konsultiert ... Niemand fragt sie, niemand läßt ihnen die
Wahl, und das erste, wozu sie üblicherweise von ihren Regierungen
aufgefordert werden, ist zu kämpfen..."
Die Jugend, das wertvollste menschliche
Potential, wird als Kononenfutter benutzt. Und einige Regierungen sprechen
bei Jugendlichen die Gefühle an, um ihnen durch Gehirnwäschen
den Wunsch zum Kriegsdienst zu suggerieren. Informations- und Meinungsfreiheit
sowie eine tolerante Einstellung der betroffenen Staaten sind von wesentlicher
Bedeutung für die Rolle, die die Jugend bei der so dringenden Förderung
des Friedens zu spielen hat.
Es sind jedoch nicht erst Opfer zu verzeichnen,
wenn die Bomben fallen - Massenvernichtungswaffen, Rüstungsetats
und konventionelle Waffen fordern schon jetzt Menschenleben. Infolge
der Strahlenvergiftung während des gesamten Waffenproduktionszyklus
- von der Urangewinnung bis zur Erprobung der Waffen - verlieren Menschen
ihr Leben. Ein weiterer Aspekt der Militarisierung unserer Gesellschaften
- der Einsatz von Ressourcen zu falschen Zwecken - hat zum Tod vieler
Menschen geführt. Während viele Milliarden Dollar zur Vorbereitung
von Kriegen aufgewendet werden, hungern Millionen von Menschen. 1981
und 1982 starben 17 Millionen Kinder unter fünf Jahren, und 1983
waren es noch mehr. Diese Situation ist mit dem Holocaust im Zweiten
Weltkrieg vergleichbar, der sich alle 4 1/2 Monate wiederholt. Während
ich jetzt über die Rechte und Verantwortlichkeiten der Jugend spreche,
stirbt alle zwei Sekunden ein Kind. Etwas muß in uns tot sein,
wenn wir zulassen, daß die großen Ungerechtigkeiten auf
diesem Planeten weiter bestehen. Im Gespräch mit zahlreichen Jugendlichen
in ganz Europa habe ich den Eindruck gewonnen, daß die drohende
Gefahr des Nuklearkrieges oder der ökologischen Katastrophe zu
Hoffnungslosigkeit, psychischer Starrheit geführt hat. Diese Hoffnungslosigkeit
ist nirgendwo so stark verbreitet wie bei der Jugend. Dr. Robert J.
Lifton, Professor für Psychatrie an der medizinischen Fakultät
der Yale Unitersity, beschreibt das Doppelleben der Kinder wie folgt:
"Sie wachsen mit der üblichen Mischung aus Sicherheitsgefühl
und Elementen der Unsicherheit auf und wollen ihr Leben in der herkömmlichen
Art und Weise verbringen. Dennoch haben sie sich u. a. darauf eingestellt,
daß alles, selbst ihre Eltern und alle anderen Menschen, die sie
gekannt oder mit denen sie in Berührung gekommen sind, plötzlich
vernichtet werden."
Die tatsächliche Gefahr sowie die potentiellen
Lösungen sind nicht dort draußen zu finden. Beide liegen
in uns selbst, und die Übernahme der Verantwortung für unser
persönliches Verhalten ist so ziemlich das einzige in dieser Welt,
was wir hundertprozentig in der Hand haben.
Die Aspekte, von denen ich gesprochen habe,
führen zu neuen Dimensionen im Leben auf diesem Planeten Erde.
Es sind die Aspekte der Gewaltlosigkeit in Ihrem persönlichen Leben
und in Ihrem Arbeitsleben sowie die endgültige Absage an Korruption,
korrupte Praktiken, den industriell-militärischen Komplex. So vielen
von uns wurde früher oder später blinder Patriotismus und
Akzeptanz von Autorität gelehrt. Diese Eigenschaften durchziehen
alle gesellschaftlichen Schichten und manifestieren sich schließlich
in der Habsucht der Firmen und in militärisierter Macht.
In der Rede Präsident Reagans 1985
zum internationalen Jahr der Jugend legte er der amerikanischen Jugend
nahe, sich Gedanken über ihre kostbaren Freiheiten zu machen, ihre
Gedanken untereinander und mit Jugendlichen in allen Teilen der Welt
auszutauschen und gemeinsam mit anderen auf eine Verbesserung des gegenseitigen
Verständnisses, die verstärkte Beachtung der Menschenrechte
und Förderung des Weltfriedens hinzuarbeiten. Zu den wichtigsten
Menschenrechten gehört das Recht auf Wehrdienstverweigerung - das
Recht, den bewaffneten und unbewaffneten Militärdienst zu verweigern.
In den meisten Ländern ist dieses Recht nicht gesetzlich verankert;
in anderen existiert es überhaupt nicht und ist sogar undenkbar.
Keine internationale Konvention erkennt es an. Dieses Recht zur Kriegsdienstverweigerung
ist eine Form oder ein Ausdruck des Rechts auf Gewissensfreiheit. Leider
erscheint das Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht in der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (1948). Die
Anerkennung und Beachtung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung setzt
die Erkenntnis voraus, daß der Macht souveräner Staaten verfassungsrechtliche
und rechtliche Grenzen gesetzt sind.
Ich habe einen Großteil meiner Tätigkeit
in der Partei "Die Grünen" dem Bereich der Menschenrechte
in Ost und West gewidmet. Beide Militärblöcke und beide Supermächte
mißbrauchen die Menschenrechtsfrage zu ihren eigenen Zwecken.
Sie tendieren stets dazu, mit dem Finger auf die andere Seite zu zeigen,
und vergessen, daß die Menschenrechte auf ihrem eigenen Territorium
verletzt werden. Die Politik der Grünen ist entschieden auf eine
Einmischung in alle Angelegenheiten ausgerichtet: nicht nur in die Angelegenheit
des eigenen Landes, sondern in die Angelegenheit aller Länder,
denn die Menschenrechtsprobleme betreffen uns alle. Menschenrechte sind
unteilbar. Wir haben uns mit den Menschenrechtsproblemen in der Türkei,
Mittel- und Lateinamerika, Afghanistan, den osteuropäischen Ländern,
den Vereinigten Staaten und dem blockfreien Jugoslawien befaßt.
Und diese Liste könnte ich fortsetzen. In einigen Fällen werden
die Menschenrechte so sehr mit den Füßen getreten, daß
Schweigen herrscht und keine Spuren in der Geschichte hinterläßt.
Denn die Geschichte hält nur die Worte und Taten derjenigen fest,
die, wenn auch nur in geringem Umfang, in der Lage sind, über ihr
eigenes Leben zu bestimmen oder zumindest das zu tun versuchen. Es gibt
nach wie vor eine Vielzahl von Männern, Frauen, Kindern und Jugendlichen,
die infolge von Armut, Terror oder Lügen völlig zum Schweigen
gebracht worden sind. Und wir können sie nicht hören. In diesem
Augenblick befinden sich Millionen von Menschen, unsere Brüder
und Schwestern, in Aufruhr, leisten gewaltlosen Widerstand und warten
darauf, daß wir - Sie und ich - tätig werden. Henry David
Thoreau schrieb 1849 in seinem Aufsatz über zivilen Ungehorsam:
"Es wird nie einen wirklich freien und aufgeklärten Staat
geben, es sein denn, der Staat erkennt die Einzelperson allmählich
als eine höhere und unabhängige Macht an, von der sich seine
ganze eigene Macht und Autorität herleitet, und behandelt sie dementsprechend."
Ein guter Freund von mir, Bruce Kent, von
der Bewegung für nukleare Abrüstung in Großbritannien,
erklärte in einem Antwortschreiben an Freunde der unabhängigen
Friedensbewegung in der Tschechoslowakei und der DDR: "Wirklicher
Friede hängt tatsächlich davon ab, daß die Menschenrechte
überall von jedermann beachtet werden. Die offizielle Propaganda
im Westen macht sehr viel Aufhebens über die Mißachtung der
Menschenrechte in den sozialistischen Staaten. Wir sind darüber
informiert und verurteilen sie entschieden. Wir haben jedoch Augen und
Ohren für die schweren Verstöße gegen die Menschenrechte,
die in zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Einflußbereichen
des Westens stattfinden und die unsere offiziellen Propagandisten ignorieren.
Es wird erst einen echten Freiden geben, wenn wir uns alle als Mitglieder
einer Gemeinschaft betrachten, die unseren kleinen Planeten gemeinsam
besitzt."
Wir haben weitreichende Vorstellungen, wenn
wir jedoch nicht zugrunde gehen wollen, besteht unsere unmittelbare
Aufgabe darin, uns einige Schritte von dem vor uns liegenden Abgrund
zu entfernen: keine weiteren Nuklearversuche, keine Erstschlag-Technologie,
keine Ersteinsatz- oder interventionistische Politik, das sofortige
Einfrieren aller Atomwaffen, die Abschaltung aller Kernkraftanlagen,
die so rasch in Atomwaffen verwandelt werden könnten!
Militärische Mittel sind im wesentlichen
unvereinbar mit den Friedenszielen, da erstere davon ausgehen, daß
auf Andersdenkende Zwang ausgeübt werden muß, während
letztere davon ausgehen, daß diese überzeugt werden können.
Deshalb erklärte Mahatma Gandhi einfach: "Ich glaube nicht
an die Möglichkeit, den Weltfrieden durch Gewalt herzustellen."
Vielleicht könnte dieses Jugendsymposium
hier in der Generalversammlung den Vereinten Nationen empfehlen, gewaltlose
Maßnahen zur Sicherung des Friedens zu beschließen. Nicht-interventionistische,
gewaltlose Maßnahmen zur Friedenssicherung, wie zivile oder soziale
Verteidigung, würden die moralische Unterstützung sehr vieler
Jugendlicher in allen Teilen der Welt erhalten und könnten eine
Lösung darstellen bei der Suche nach einem Weg aus dem wahnsinnigen
Abschreckungsdenken.
Es muß uns allen - insbesondere der
heutigen Jugend - klarwerden, daß Widerstand gegen den Krieg,
gegen den Einsatz von Atomwaffen, unmöglich ist ohne Widerstand
gegen Sexismus, Rassismus, Imperialismus und Gewalt als etwas Alltägliches.
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Tatsache, daß viele
einzelne Frauen und junge Mädchen geschlagen und vergewaltigt werden,
und der Tatsache, daß der gesamten Welt Krieg droht. Die Welt,
so wie wir sie kennen, sollte und kann geändert werden. Ich spreche
von einer anderen Art von Macht, nicht der Macht über jemanden,
nicht der Macht zu dominieren oder zu terrorisieren oder zu unterdrücken.
Gewaltlosigkeit als Prinzip und als Technik ist eine Reihe von Ideen
darüber, wie das Leben gelebt werden sollte, und eine Strategie
zur Herbeiführung eines gesellschaftlichen Wandels. Die Achtung
vor dem Leben ist ein wesentliches Merkmal und gleichzeitig ein Wunsch
nach Befreiung. Sie bedeutet, kurz gesagt, andere ebenso als Menschen
zu behandeln wie uns selbst. Wenn die Achtung vor dem Leben und der
Wunsch nach Befreiung zu Leitlinien für politisches Handeln erhoben
werden, dann können sie eine Menge bewirken. Wenn wir von Gewaltlosigkeit
sprechen, geht es um die Abschaffung der Macht, so wie wir sie kennen,
und um ihre Neudefinition als etwas, das wir alle gemeinsam haben, das
von allen und für alle eingesetzt werden kann. Macht über
etwas ist durch geteilte Macht zu ersetzen, durch die Macht, Dinge zu
tun, durch die Entdeckung unserer eigenen Kraft im Gegensatz zu der
passiven Entgegennahme von Macht, die von anderen - häufig in unserem
Namen - ausgeübt wird. Viele von uns fühlen sich in vielerlei
Hinsicht machtlos gegenüber sogenannten Autoritäten. Wir sind
jedoch mehr als Individuen. Durch Zusammenarbeit können wir Kraft
und Vertrauen schöpfen. Von wesentlicher Bedeutung für die
Gewaltlosigkeit ist die Überzeugung, daß jeder sie praktizieren
kann, daß jeder Mensch unabhängig von seinem Geschlecht,
seiner Haufarbe, seiner Schicht, seinem Alter oder seiner körperlichen
Leistungsfähigkeit eine wichtige Rolle in einer derartigen Bewegung
zu spielen hat.
Abschließend möchte ich mich
insbesondere an die jungen Frauen, meine Schwestern hier, wenden. Denn
ich bin sicher, daß auch sie das Patriarchat als ein in kapitalistischen
und sozialistischen Ländern verbreitetes System männlicher
Vorherrschaft betrachten, das sich auf Frauen tyrannisch und auf Männer
restriktiv auswirkt. Bei fast allen dieser Systeme haben Männer
und Knaben einen größeren Wert sowie mehr gesellschaftliche
und wirtschaftliche Macht als Frauen und junge Mädchen. Es gibt
zwar andere Herrschaftsstrukturen, wie die Herrschaft einer Nation über
eine andere, die Herrschaft einer Rasse über eine andere, doch
bleibt die Herrschaft der Männer über Frauen ein konstantes
Merkmal innerhalb eines jeden anderen Unterdrückungsaspektes. Ich
setze meine Hoffnung auf eine Kombination von Feminismus und Gewaltlosigkeit
und hoffe, daß wir - die hier versammelten Frauen - dazu motiviert
werden könnten, unser Leben in den Dienst des Friedens zu stellen
und die Welt von der Macht des Patriarchats zu befreien.
Auf einem der ersten Poster der Partei "Die
Grünen" war 1979 die Zeichnung eines Kindes abgebildet. Darunter
stand der Satz: "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt."
Ich frage mich, wie viele Erwachsene, die als Mitglieder der Generalversammlung
der Vereinten Nationen in diesem Raum sitzen, diese Worte verstanden
haben? Ich wünsche Ihnen Frieden und ich wünsche, daß
wir alle Gefahren bestehen werden!